Ohnedies ist beklagenswert, dass die Verlagsbranche es bisher nicht geschafft hat, eine einheitliche und den politischen Bereich auch beeindruckende Stellung zu dieser kommerziellen Entwertungsmaschine aufzubauen. Der Grund dafür scheint mir in der weitgehend kopflosen Strategie (wenn man das so nennen kann) der im Börsenverein zusammenlaufenden Interessengruppen zu liegen.
Besonders diejenigen, die Google einst freiwillig Bücher zur Verfügung stellten, stehen ziemlich diskreditiert da, wenn es um den öffentlichen Protest gegen weitere Formen der Enteignung geht (so etwa in der Debatte um erzwungenes Open Access). Sie dürfen jetzt erleben, dass der ihnen versprochene Algorithmus, nur bestimmte Seiten ihrer Bücher aufscheinen zu lassen, genauso leicht zu knacken ist wie die Sperre, die es verhindern sollte, eine Seite auszudrucken.
Dass im Prinzip alle Bücher, die auf den amerikanischen Servern zu finden sind (also auch die für europäische IPs gesperrten), auch auf www.archive.org eingestellt werden, dürfte sich bei den betroffenen Verlagen zudem langsam ebenfalls herumgesprochen haben. Zur Rückgewinnung von moralischer Kraft und im Interesse einer einheitlichen Position der Verlagsbranche sollten die peinlichen Verträge mit Google allesamt gekündigt (die Kündigungsgründe liegen auf der Hand) und das Allgemeine in den Blick genommen werden.
Das Allgemeine kann freilich nicht darin bestehen, die VG Wort vorzuschicken und sie dabei gewähren zu lassen, mit Google einen ähnlich faulen Kompromiss zu schließen wie die amerikanischen Verlage ihn mit dem Konzern geschlossen haben - die Abgeltung von Urheberrechtsverletzungen in der Höhe von 60 Talern ist ein schlechter Witz, und überhaupt kann, eine Anmaßung, in dieser Angelegenheit die VG Wort für mich als Autor keine Rechte geltend machen, geschweige denn abtreten.
Die Verwertungsgesellschaft ihrerseits sollte sich darauf konzentrieren, die teilweise marodierenden nationalen Bibliotheken wieder zur Räson zu bringen (nicht nur die Frage nach den Intranets, sondern auch die nach den neuerdings wie Pilzen aus dem Boden schießenden öffentlich aufgestellten Scannern drängt sich mir auf, wo für einen Scan nichts bezahlt und folglich auch kein Pfennig an die Produzenten abgeführt wird).
Was not tut, ist: die durch Googles freibeuternde Aktivitäten geschaffene Enteignungskulisse auf die höchste politische Ebene zu hieven und zu einem Thema nationalen Interesses zu machen. Wir brauchen eine eindeutige Haltung des Justizministeriums und des Kanzleramts in dieser Frage. Und wir brauchen konkrete Aufklärung über die Auswirkungen Googles auf die hiesigen Produktionsverhältnisse. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, darüber aufgeklärt zu werden, was die Hydra Google anrichtet. Zugleich damit sollte man ihr auch einsichtig machen, wie sich mit der Vorstellung, alles sei umsonst, zwar blendend Geld machen, aber nichts Neues herstellen lässt.
Wir brauchen, analog zur Weltbank, eine demokratisch legitimierte Weltdatenbank
Jeder, der mal eben schnell die einzige Suchmaschine seiner Wahl anschmeißt und nach etwas recherchiert, sollte ein Bewusstsein davon entwickeln, dass er damit einer Firma zuarbeitet, die seine eigenen kulturellen Grundlagen unterminiert. Man kann sich in diesem Zusammenhang darüber wundern, dass Googles Ruf nach wie vor so viel besser ist als der von Microsoft. Das Monopol Microsofts ist ja bei weitem nicht so schreckenerregend wie das der Suchmaschinenbetreiber - und die Daten, die sich Microsoft widerrechtlich aneignet, sind wohl auch nicht so brisant wie die von Google archivierten. Google hat allerdings, wie ein einfacher Blick auf die harmlos daherkommende Startseite zeigt, die raffiniertere und damit auch gefährlichere Strategie. Sie tarnt sich nahezu perfekt als Gratisdienstleistung (und packt, wie jede funktionierende Ideologie, die Menschen bei ihren Schwächen). Google hat kein Gesicht wie das von Bill Gates (warum fällt das niemandem auf?) - oder es hat, Hydra, viele, aber kein bestimmtes. Seine scheinbare Naturwüchsigkeit ist digital inkarnierte Lüge.
Da viele auf diese Suchmaschine nicht mehr verzichten wollen (und wohl auch schon nicht mehr können), Google zugleich aber allein durch die Macht, die es mit seiner Datenerhebung akkumuliert, eine Gefahr für alle demokratischen Institutionen darstellt (und jetzt schon, wie gezeigt, Rechtsräume systematisch aushöhlt), führt auf Dauer kein Weg daran vorbei, dass man die Enteigner enteignet. Eisenhowers Programm einer Zerschlagung des militärisch-industriellen Komplexes ist auf den informationellen und digitarchischen Bereich zu übertragen. Wir brauchen, analog zur Weltbank, eine Weltdatenbank, die demokratisch legitimiert und überwacht wird und die universelle Verwertung von allem und jedem zu billigem Geld nicht als Geschäftsgrundlage hat. Ein gemeinsames Vorgehen von deutschen Autoren und Verlagen in dieser Frage ist dazu ein erster Schritt.