Die Nachricht, dass griechischer Wein ein lukullisches Vergnügen sei, hatte Udo Jürgens seinerzeit exklusiv. Die Ernüchterung am Morgen danach hat in den siebziger Jahren hierzulande aber niemanden davon abgehalten, griechische Inseln zu den Sehnsuchtsorten freizeitlicher Gefühle zu machen.
Auf Korfu und Rhodos nahm man Tuchfühlung auf zur Entstehungsgeschichte der europäischen Demokratie, und die eher durch ihre depressive Grundstimmung auffallende Krimiserie "Der Kommissar" landete einen beschwingten Quotenhit allein mit dem geheimnisvoll klingenden Folgentitel "Mykonos". Pink Floyd lieferte dazu sphärisch-insulare Klänge.
Griechische Gelassenheit war gestern. Heute ziehen dunkle Zorngewitter über der Inselwelt auf. Die Griechen haben die Euro-Gewissheiten verzockt und sind nicht einmal bereit, ihrer Verschwendungssucht Einhalt zu gebieten. So jedenfalls stellen sich die Lautsprecher in den Talkshows dieser Tage den griechischen Volkscharakter vor.
Unbelehrbar schlägt er alle Sparvorschläge in den lauen Sommerwind. Der ruppige Presse-Boulevard überführt das Unbehagen kritischer Zeitgenossen indes in die handelsüblichen Ressentiments vom leichtlebigen bis unzuverlässigen Südländer und feuert nebenbei die eigene Tugendhaftigkeit an. Wir geben nix, hallt das Volksecho, als sei Geiz eine angemessene ökonomische Option.
Die politischen und ökonomischen Handlungsspielräume scheinen tatsächlich begrenzt. Einmal mehr befinden sich die verantwortlichen Akteure in einer lose-lose-Situation. Staatliche Hilfen gelten als gefährliche Ultima Ratio, während die Verweigerung von Hilfe das Problem auf instabile Banken verlagert, die wie die Hypo Real Estate eben erst unter großen Bauchschmerzen und noch größerem Verschuldungsdruck verstaatlicht worden sind. Wie man´s auch dreht und wendet: Man kommt nicht recht aus der Kartenhausarchitekur einer einstürzenden Wirtschaftsordnung heraus. In den Bankrott-Sirtaki mischt sich bereits der Pleite-Fado, und eloquente Experten werden nicht müde, auf die nächsten und übernächsten Wackelkandidaten aufmerksam zu machen. Kaum einer käme jedoch auf die Idee, irische und portugiesische Mentalitätsstudien hochzurechnen. Zur emotionalen Verarbeitung hält man sich bevorzugt an die Griechen. Deren Botschaft in Berlin wird mit Hass-Mails überschüttet, und die einschlägigen Polit-Talk-Shows lassen nicht davon ab, die nächste Retsina-Runde einzuläuten. Jenseits aller politischen und ökonomischen Argumente bietet sich das gepflegte Griechenland-Bashing als Blitzableiter für die eigene Hilflosigkeit an. Man hält sich an die Klischees vom Neu-Hellenischen, um die eigene Verunsicherung wenigstens für den Moment zu bannen.
Erschüttert sind unterdessen die landläufigen Praktiken eines erprobten Krisenmanagements. Für das, was kommt und was zu tun ist, gibt es so gut wie kein Expertenwissen. Natürlich hat es schon Staatsbankrotte gegeben, und es gibt ein volkswirtschaftliches Einmaleins zu deren Bekämpfung. Argentinien hat das vor einigen Jahren hinter sich gebracht und beliefert den Weltmarkt nach wie vor mit Polo-Pferden und Rindfleisch und darf an Fußballweltmeisterschaften teilnehmen. Das griechische Fieber aber stellt die Systemfrage und treibt ein Währungssystem an den Abgrund, dessen Stabilität und Verlässlichkeit längst zu einer kulturellen Konstante geworden ist. Die wehmütigen Abschiedsgesänge auf die D-Mark sind noch im Ohr, aber die grenzüberschreitenden Euro-Gewissheiten konnten wir zuletzt als leichtes Gepäck überall hin mitnehmen.
Was sich nun ausbreitet, ist die Aschewolke einer wirtschaftlichen und politischen Lethargie. Ob etwas ganz schnell oder mit Bedacht zu tun ist, ist längst nicht ausgemacht. Das politische Zögern kann schlimme Folgen haben, aber auch die rettende Option sein. Nichts wird mehr gefürchtet als der Dominoeffekt, aber niemand weiß genau, was ihn eigentlich auslöst. Finanzwirtschaftliche Naivität kann desaströs sein, aber die hinreichend zu Wort kommenden Volkswirte erwecken derzeit nicht den Anschein, ein aufgeladenes Kompetenzzentrum zu sein. Obwohl oder weil der Finanzkapitalismus die Blaupause aller beschleunigten Märkte ist, wird die Krise der Euro-Zone nun gefürchtet wie eine Pandemie, für die keine Impfstoffe zur Verfügung stehen.
Das ist wohl auch der Grund dafür, warum das griechische Fieber in den letzten Tagen deutlich gestiegen ist. Es hat einen europäischen Topos erwischt, der mehr erfasst als ein Land, das wirtschaftlich und kulturell in den vergangenen Jahrzehnten in eine Randlage geraten ist. Der griechische Schiffbruch ist eine vielfältige Ängste mobilisierende europäische Tragödie, bei der noch völlig offen ist, wer Akteur und wer Zuschauer ist.