Im Nachlass des früheren tschechischen Stasi-Offiziers Jiri Stárek, der nach dem Prager Frühling 1968 in den Westen geflohen war und sich fortan bei westlichen Geheimdiensten verdingte, finden sich jedenfalls Berichtskopien über Grass und das Projekt für die Zeitschrift "L 76", die Autoren aus West und Ost zusammenbringen sollte. Ob die in Deutsch abgefassten Berichte damals an den BND oder den Verfassungsschutz gingen, lässt sich allerdings nicht erkennen. Mitarbeiter beider Behörden aus jener Zeit, die wir mit den Stárek-Berichten konfrontierten, konnten oder wollten sich nicht daran erinnern. Sie schlossen es aber nicht aus, dass ihre Behörden Adressaten der Berichte gewesen sind, schließlich entsprach der Inhalt ihrem seinerzeitigen Aufgabenspektrum.
Stárek hatte seine Karriere beim CSSR-Geheimdienst StB in den fünfziger Jahren begonnen. 1964 entsandte ihn die Prager Stasi an die Botschaft des Landes nach Wien, mit einem brisanten Auftrag: Der Offizier sollte einen der vielversprechendsten Spione des Dienstes in Österreich führen, den damaligen ORF-Fernsehdirektor Helmut Zilk. Von 1965 an spionierte Zilk, später Wiener Bürgermeister, für den StB. Erst im vergangenen Jahr wurde dieser Spionagefall durch die Offenlegung der Geheimdienstakten öffentlich. Mit der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Warschauer-Pakt-Truppen im Sommer 1968 endete die Agententätigkeit Zilks, weil Stárek und ein weiterer Führungsoffizier von Zilk in den Westen flohen.
Es spricht viel dafür, dass Stárek schon bald darauf von einem westdeutschen Geheimdienst als Quelle übernommen wurde. In dessen Auftrag machte er da weiter, wo er für den kommunistischen StB aufgehört hatte - er spionierte die tschechische Emi-grantenszene im Westen aus. Seine neuen Auftraggeber interessierte aber auch die linke Szene in Österreich und der Bundesrepublik, in der sich viele aus Prag geflohene Künstler bewegten.
Einer der wichtigsten Informanten, die Stárek dabei anzapfte, taucht in seinen Berichten mit der Quellenbezeichnung "05" auf. Der Historikerin Marta Marková zufolge verbirgt sich dahinter mit großer Wahrscheinlichkeit Jiri Pelikan, der ehemalige CSSR-Fernsehdirektor, der ebenfalls nach dem Prager Frühling in den Westen geflohen war. Mit Pelikan, seinem langjährigen Freund, gründete Stárek 1971 in Rom die kurzlebige Literaturzeitschrift "Listy", Nachfolgerin eines 1969 verbotenen tschechoslowakischen Magazins gleichen Namens. Fünf Jahre später sollte "Listy" erneut aufleben, diesmal in Deutschland. Unter dem Namen "L 76" erschien im September 1976 im damaligen DGB-Verlag "Europäische Verlagsanstalt" die erste Nummer der neuen Vierteljahresschrift.
"L 76" erregte offenbar Interesse der Geheimdienste
Das Heft, an dessen Entstehung auch Jiri Pelikan mitwirkte, erregte offenbar das Interesse der westdeutschen Geheimdienste. Stárek konnte seinen neuen Auftraggebern recht umfassend Einblick geben in die politischen Standpunkte und Sichtweisen der am Projekt "L 76" Beteiligten. Das belegen die in seinem Nachlass überlieferten Kopien seiner Berichte. In einem davon, datiert vom 11. Juli 1976 und mit dem Titel "Neue Vierteljahresschrift "L 76"" weiß Starek zu melden, dass die bisherigen "L 76"-Planungen umgestürzt würden. Es werde sich nun um eine "völlig deutsche Zeitschrift handeln, in der Redaktion sind keine CSSR-Emigranten vertreten".
Vorangetrieben habe diese Umorientierung laut Stárek der Verlagsdirektor Tomas Kosta. "Kosta begriff, dass "L 76" als eine Emigranten-Zeitschrift mit dem ursprünglichen Redaktionsplan bald negatives Aufsehen gegen seine Person hervorgerufen hätte, und so schritt er lieber zur Annullierung der gesamten ursprünglichen Planung", heißt es in dem Bericht. Laut Stárek habe sich lediglich Heinrich Böll gegen die neue Ausrichtung des Magazins gewehrt. Grass engagierte sich sehr für die Zeitschrift. Auch bei seinen häufigen Besuchen in Ost-Berlin warb er in den Gesprächen mit systemkritischen Autoren darum, Texte für "L 76" zu verfassen.
Drei Jahre lang erschien die "L 76", dann fand sie mit dem Verkauf der DGB-eigenen Europäischen Verlagsanstalt im Juli 1979 ein jähes Ende. Es gelang nicht, einen neuen Verlag dafür zu finden.
Günter Grass hat jetzt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) in einem Schreiben aufgefordert, ihm Einsicht in seine westdeutschen Geheimdienstakten zu gewähren. "Ich möchte eine gesamtdeutsche Sicht haben", begründet der Literaturnobelpreisträger sein Anliegen. Das wäre für ihn interessant, so Grass, denn er glaube, "dass die Informantensprache im Bundesnachrichtendienst sich in manchen Bereichen nicht wesentlich von dem unterscheidet, was in der DDR zu Papier gekommen ist".
Es wäre nicht nur für Günter Grass interessant, sondern auch für die Öffentlichkeit in West und Ost. Wir bekämen endlich ein Gesamtbild der Lage, wenn auch auf dem empfindlichen Gebiet der Geheimdienste zusammenwachsen könnte, was doch eindeutig zusammengehört.