kalaydo.de Anzeigen

Günther Anders’ „Antiquiertheit des Menschen“: Das prometheische Gefälle

Japan zeigt uns: Aufgrund unserer technischen Möglichkeiten können wir jede Menge Leichen herstellen, nur vorstellen können wir uns das nicht wirklich. Diese Tatsache beschreibt Günther Anders in seiner „Antiquiertheit des Menschen“.

Susum Tsuboi aus Hiroshima (links) und Hiroshi Suenga aus Nagasaki (Mitte) sind Überlebende der Atombombenabwürfe von 1945. Sie demonstieren am 16. März 2011 in Rom gegen den Gebrauch der Atomkraft.
Susum Tsuboi aus Hiroshima (links) und Hiroshi Suenga aus Nagasaki (Mitte) sind Überlebende der Atombombenabwürfe von 1945. Sie demonstieren am 16. März 2011 in Rom gegen den Gebrauch der Atomkraft.
Foto: AFP

Was wir in diesen Tagen erleben, sprengt unser aller Vorstellungsvermögen: Die Menschen in Japan, schon schwer geschlagen von den verheerenden Folgen eines Erdbebens und eines dadurch ausgelösten Tsunamis, sind zu Geiseln einer Technik geworden, die von Menschen nicht zu beherrschen ist. Während im Atomkraftwerk Fukushima ein Meiler nach dem anderen birst und radioaktives Material freigesetzt wird, während im Innern der Reaktorblöcke unkontrollierbare Prozesse ablaufen, muss die japanische Regierung faktisch eingestehen, dass sie nicht weiß, was dort geschieht. Was Politik und Atomlobby jahrzehntelang mit dem Euphemismus „Restrisiko“ bemäntelt haben, tritt jetzt unverhüllt ins Licht: Nicht nur die japanische Bevölkerung, sondern auch das gesamte globale Dorf ist Opfer eines systematischen Selbstbetrugs geworden – eines Betrugs, dessen Kernbotschaft lautet, dass der Mensch jederzeit Herr seiner eigenen technischen Schöpfungen sei.

Man darf, die apokalyptischen Bilder aus Japan vor Augen, daran erinnern, dass vor gut einem halben Jahrhundert ein deutsch-jüdischer Emigrant nach seiner Rückkehr aus den USA eine Schrift veröffentlichte, die diesen Selbstbetrug gewissermaßen zur Conditio humana des modern aufgeklärten technikgläubigen und -faszinierten Subjekts erklärte. Günther Anders, von dem hier die Rede ist, schrieb in seinem Werk über „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956), der moderne Mensch könne mehr herstellen und anstellen, als er sich vorzustellen vermöge. Er nannte dies das „prometheische Gefälle“: Der Feuerbringer aus dem griechischen Mythos, der technische Produzent Prometheus ist allen unseren sonstigen Vermögen weit voraus. Zwischen Tun-Können und Fühlen-Können, zwischen Wissen und Gewissen, zwischen technischem Apparat und Seele klaffe eine heillose Lücke, die von keiner Beschwichtigung zu überbrücken sei. Nur weil dieser Riss zwischen Herstellen und Vorstellen, der das Individuum zum Dividuum macht, existiere, sei der Mensch in der Lage, technische Dinge herzustellen, deren mögliche Konsequenzen zu überschauen er nicht imstande i

Schöpfer und Geiseln zugleich

Als Anders seine „schwarze Ontologie“ (Ludger Lütkehaus) formulierte, hatte er den Atombombenabwurf auf die Großstädte Hiroshima und Nagasaki vom August 1945 mit Hunderttausenden Toten vor Augen. In den USA wurden sie als Sieg des Guten über das Böse gefeiert. Darin waren sich die Bomberpiloten – deren Flugzeuge niedliche Namen wie „Little Boy“ und „Enola Gay“ trugen – mit ihrem obersten Befehlshaber einig: Das japanische Inferno war das „größte Ereignis der Geschichte“, wie US-Präsident Harry S. Truman nach dem sonntäglichen Morgengottesdienst stolz verkündete. Die „Helden von Hiroshima und Nagasaki“ wurden hoch dekoriert; es gab ein Festessen und danach einen Technicolor-Film mit dem Titel „It’s a pleasure“. Nur einem der unmittelbaren Täter, die nicht wussten, was sie taten, kamen später Bedenken, dem Piloten Claude Eatherly, mit dem Anders einen Briefwechsel führte („Off limits für das Gewissen“, 1961).

Japans Katastrophe
Test auf Strahlenspuren.

Live-Ticker, Bilder, Videos und Grafiken, Hintergründe, Spendenadressen und vieles mehr im Spezial zur Katastrophe in Japan unter fr-online.de/japan.

Das „prometheische Gefälle“ besteht für Anders darin, dass wir aufgrund unserer technischen Möglichkeiten zwar jede Menge Leichen herstellen können, dass wir uns aber eine solche Anzahl von Toten nicht wirklich vorstellen können; betrauern können wir nur wenige Tote und beweinen vielleicht gerade zwei oder drei. Wir mögen tüchtige Piloten, erfindungsreiche Konstrukteure und geniale Atomphysiker sein, zugleich aber sind wir, nach der trefflichen Diagnose von Ludger Lütkehaus, „emotionale Analphabeten“, „imaginative Legastheniker“ und „moralische Idioten“.

Dieser Idiotismus wird uns jetzt in Japan wieder vor Augen geführt, indem wir die bittere Lektion lernen, dass zwischen technischem Größenwahn – wir bauen die besten und sichersten AKW der Welt – und menschlichem Maß eine riesige Lücke klafft. Die Menschen sind Schöpfer und zugleich Geiseln einer Technik, deren destruktiven Dimensionen sie weder intellektuell noch emotional gewachsen sind. Offenbar sind wir dank des von Anders beklagten „prometheischen Gefälles“ – Ausdruck der Antiquiertheit des Menschen – unfähig zur Antizipation: Mögliche Katastrophen können wir uns nicht anders denn als „Restrisiko“ buchstabieren, das praktisch ausgeschlossen wird. Jetzt ist dieses Restrisiko Wirklichkeit geworden.

Autor:  Hans-Martin Lohmann
Datum:  16 | 3 | 2011
Kommentare:  3
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.