Sie sitzen in riesigen schwarzen Ledersesseln. Die Schriftstellerin Herta Müller passt zwei, ja sogar drei Mal in den ihren. Fast noch einmal so groß ist ihr Abstand zu dem chinesischen Künstler Ai Weiwei und dem Verleger Michael Krüger, der den Moderator macht. Das Schauspielhaus Köln ist seit Monaten ausverkauft. Wohl jeder im Publikum ist froh, eine Karte ergattert zu haben. Die Lit.Cologne, das größte Literaturfest Deutschlands, wurde am Mittwoch eröffnet, aber selbst die Veranstalter betrachten diese Begegnung am Donnerstagabend als den eigentlichen Auftakt ihrer Mammutschau der Weltliteratur.
Der Betrachter, der aus dem Dunkel des Zuschauerraums auf die Bühne blickt, muss ein wenig grinsen. Wie sie da nebeneinander sitzen in ihren elefantösen Sesseln, das erinnert an Besuchergruppen bei Hofe in Peking. Diesem Eindruck widerspricht freilich Herta Müller. Sie blinzelt gegen die Scheinwerfer an bei dem - wahrscheinlich - vergeblichen Versuch, das Publikum zu sehen.
Sie liest den Text "Der fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne". Lesern der Frankfurter Rundschau ist er bekannt. Sie schildert darin, wie der rumänische Geheimdienst sie ausforschte, sie umstellte mit IMs, die ihn nicht nur auf dem Laufenden hielten, sondern auch dabei halfen, ihr mit immer neuen kleinen Schikanen das Leben schwer zu machen. War die Friseuse, die ihr ein angeblich französisches Färbemittel ins Haar gab, ahnungslos, oder wusste sie, dass es ihr die Kopfhaut für Wochen ruinieren würde? Wollte dieselbe Friseuse ihr tatsächlich ein illegal erworbenes Parfum verkaufen oder tat sie das nur, damit die Securitate sie als Kriminelle ins Gefängnis stecken konnte?
Schlimmer noch als das, was die rumänischen Behörden mit ihr anstellten, war, was sie in Herta Müllers Kopf bewirkten. Die Unmöglichkeit, sich einfach auf den gesunden Menschenverstand verlassen zu können. Gegen den Verfolgungswahn des Systems half nur eine ordentliche Portion eigenen Verfolgungswahns. Der Einspruch der Vernunft "So wichtig bin ich nicht" war unvernünftig. Als sie nach einem Verkehrsunfall vernommen wird, sagt ihr der Beamte - einfach so zwischendrin: "Es gibt auch Verkehrsunfälle." Wollte er sagen: Damit haben wir nichts zu tun. Das war ein Verkehrsunfall. Es gibt ja auch wirkliche Verkehrsunfälle. Oder aber betonte er das "auch" und meinte: Das war kein Verkehrsunfall. Das waren wir. Nimm dich in Acht!
Dieser systematische, von willfährigen Wissenschaftlern begleitete Großversuch, einer Bevölkerung den Verstand und das unbedingt nötige Grundvertrauen in die eigene Wahrnehmung zu rauben, gelingt immer wieder. Aber nicht immer. Einzelnen gelingt es, sich dem zu entziehen. Herta Müller scheint eine davon gewesen zu sein. Ai Weiwei ein anderer. Sie könnten dabei kaum verschiedener sein. Herta Müller schildert die Erfahrung von Verunsicherung und Schmerz, die Allgegenwart der Macht. Ihre Durchschaubarkeit und ihre Undurchschaubarkeit. Ai Weiwei liest keinen Text vor. Er ist Künstler und zeigt, was er macht. Also die 1001 Chinesen, die er nach Kassel zur Documenta brachte. "Hier sehen Sie die Halle, in der wir sie untergebracht haben. Wir hatten auch chinesische Köche organisiert. Sie sollten sich ja wohlfühlen in Kassel. Sie haben sich hier alles angeschaut. Sie haben ein wenig erlebt, wie es hier zugeht. Sie sind alle wieder nach Hause. Es hat ihnen gefallen. Sie waren glücklich."
Ai Weiwei lacht ins Publikum. Dass er mehr als Tausend Chinesen, die niemals eine Chance dazu gehabt hätten, einen kurzen Blick ins ferne westliche Deutschland ermöglicht hat, dass er den Mächtigen ein Schnippchen schlug, amüsiert ihn nicht nur, das macht ihn glücklich. Jetzt ist er einer jener bebauchten, bärtigen Buddhas, die so gar nichts gemein haben mit dem durchgeistigten asketischen Ideal, das uns hier vom Erleuchteten vor Augen steht. Ein heiterer Silen aus Fernost - also jener trunkene Waldschrat, den König Midas in Fesseln schlug, den er folterte, um zu erfahren, wie der Mensch glücklich sein könne. Der Silen gab ihm die fatale Antwort, das Beste für den Menschen sei, nicht geboren zu werden. Dann lachte er und trieb weiter seine Scherze.
Auch Ai Weiwei erzählt von der Staatssicherheit. Er hat sie fotografiert. Wie sie ihn fotografieren. Er zeigt uns die Kamera, die sein Haus bewacht. Er zeigt uns den jungen schlaksigen Mann, der auf einer Mauer gegenüber seinem Haus sitzt und jeden Besucher notiert, die Nummer jedes Autos aufschreibt. Ai Weiwei zeigt uns auch ein Stück weit entfernt den Kleinbus, in dem sein Bewacher nachts schläft. Wahrscheinlich niemals tief genug, um nicht doch bei den Geräuschen, die ein ahnungsloser Besucher macht, aufzuwachen. Das sind keine heimlichen Aufnahmen. Ai Weiwei fotografiert ganz offen. Als Polizisten ihn während seiner Kampagne zur Aufklärung des Verschwindens von 5000 Schülern beim Erdbeben in Sichuan im Jahre 2008 auf Schritt und Tritt verfolgen, fotografiert er sie. Weltberühmt wurde das Bild, das er von ihnen in einem verspiegelten Aufzug schoss. Ai Weiwei fotografiert seine Verfolger nicht nur. Er stellt diese Fotos auch ins Worldwide Web. Er setzt aufs Internet, auf seine aufklärende, seine mobilisierende Kraft.
Herta Müller ist skeptisch: Die sitzen alle einzeln vor ihren Computern. Sie kommen nicht zusammen. Das ist der Staatsmacht doch egal, was die auf diesen kleinen Bildschirmen sehen. Die lacht darüber. Ai Weiwei lächelt: Das Internet kann nicht alles. Es wird von Menschen gemacht. Er sagt nicht, dass er mit Hilfe des Internets die größte chinesische Nicht-Regierungsorganisation aufgebaut hat, dass es ihm nur dank der Arbeit von Hunderten von Helfern, von denen viele verhaftet wurden, gelang nachzuweisen, dass 5000 Schüler umgekommen sind in Schulgebäuden, die wegen massiver Baufehler zusammenbrachen, während alle umstehenden Gebäude das Erdbeben überstanden.
Joseph Beuys sprach viel von der Arbeit des Künstlers am Körper der Gesellschaft, er versuchte sich immer wieder am Aufbau von Organisationen, an sozialen Plastiken, wie er es nannte. Ai Weiwei gelingt das immer wieder. Seit zwanzig Jahren. Gefährlich, sagt er, ist die Macht nicht, weil sie über uns lacht, über uns steht. Gefährlich ist sie, weil sie in uns eindringt. Über diesen Schmerz aber, kann er - anders als Herta Müller - nicht reden. Er muss etwas tun. Gegen die Macht, gegen den Schmerz. Als er das sagt, müssen wir ihn uns als einen glücklichen Menschen vorstellen.