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Hessischer Kulturpreis: Der Krieg der Kulturen

Es gibt ihn nicht, den Krieg der Kulturen. Aber viele würden ihn gerne führen, wie die Farce Koch/Lehmann jetzt zeigt. Von Arno Widmann

16. Januar 1999: Roland Koch startet in Wiesbaden die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.
16. Januar 1999: Roland Koch startet in Wiesbaden die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.
Foto: dpa

Der Streit um den Hessischen Kulturpreis bleibt uns noch eine Weile erhalten. Die hessische Landesregierung erklärt jetzt, der Preis solle erst im Herbst verliehen werden. Bis dahin sollen - auf Anregung hin von Salomon Korn, Kardinal Lehmann und Peter Steinacker, so heißt es - eben diese mit Navid Kermani reden, dem vierten vom Kuratorium vorgeschlagenen Preisträger. "In gewissem Abstand zur aktuell aufgeheizten Situation" und, ahnten wir es doch, "nicht öffentlich".

Eine Farce ist das. Niemand hinderte den Kardinal oder den Ex-Kirchenpräsidenten an einem Gespräch mit dem in Köln lebenden Schriftsteller Navid Kermani. Sie hätten anrufen können, bevor sie den Brief an den Ministerpräsidenten Roland Koch schrieben. Das taten sie nicht, weil sie gar nicht interessiert sind, an dem, was Kermani zu sagen hat. Sie wollten nicht reden mit ihm. Sie wollten ihn ausbooten.

Auch Roland Koch hätte den beiden sagen können: Reden Sie doch erst mal mit Kermani. Das scheint ein vernünftiger Bursche zu sein. Jedenfalls hat er mir keinen Brief geschrieben, dass er nicht neben denen, die auf den Durchbohrten schauen (Offenbarung des Johannes), den Hessischen Kulturpreis entgegennehmen möchte.

So hat Koch nicht geredet. Er hat gehandelt. Er folgte der Intervention der beiden Kirchenmänner und erkannte Kermani den Preis ab, den das Kuratorium, dem er doch auch angehört, dem aus dem Iran stammenden Autor des Buches "Gott ist schön" zunächst zuerkannt hatte.

Aus dem Kuratorium war für uns gestern nichts in Erfahrung zu bringen. "Jetzt liegt die Sache bei der Politik", mehr war nicht zu hören. Ein rührender Satz. Denn bei der Politik, sprich bei Roland Koch, lag die Sache von Anfang an. Der Preis selbst ist gedacht als Doppelstaatsbürgerschaftswaschanlage. Ziel des Preises war, dem hessischen Ministerpräsidenten ein wenig zu nehmen vom Ruch der Fremdenfeindlichkeit. Vom Geschmäckle, wenn's drauf ankommt, immer mit dem nationalen Lager zu gehen, und wenn für die Stimmenmehrheit nötig, bei den Rechtsradikalen nach Stimmen zu fischen. Damit war er das letzte Mal gescheitert. Also jetzt mal wieder andersrum.

Der Skandal liegt einmal in der Bereitschaft der Bischöfe, hintenherum zu diskriminieren. Zum andern aber ist der Skandal Roland Koch. Der Hessische Kulturpreis ist zu einem Preis von Gnaden der beiden Kirchen geworden. Das ist völlig unakzeptabel. Unakzeptabel ist, dass der gewählte Ministerpräsident des Landes Hessen sich abhängig macht von ihm zugespielten geheimen Botschaften. Er hätte das Ansinnen der beiden Bischöfe zurückweisen können und müssen. Man mag die hessische Verfassung drehen und wenden, wie man will, es wird nicht dabei herauskommen, dass der Bischof von Mainz dem Ministerpräsidenten zu sagen hat, was er zu tun oder zu lassen hat. Für den Vorgang, wie er sich jetzt darbietet, liegt die Verantwortung also allein bei Roland Koch.

Er glaubte, einen kleinen Schriftsteller, der die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft hat, beiseite schieben zu können, um einem veritablen Kirchenfürsten einen Gefallen zu tun. Sein Pech, dass die als geheime Kommandosache geplante Aktion öffentlich wurde.

Es ist in den letzten Jahren viel darüber geschrieben worden, dass es den Krieg der Kulturen nicht gebe. Das ist richtig. Es gibt ihn nicht. Aber es gibt schrecklich viele, die ihn gerne führen würden. Wer bisher dachte, es seien einzig fanatisierte Islamisten und ein paar durchgeknallte fundamentalistische protestantische Sekten, den hat der belesene, kluge Mainzer Bischof eines Schlechteren belehrt. Auch er führt diesen Krieg. Aber nicht laut und offen, sondern unter der Hand, per Telefon und auf dem Briefweg.

Der Ministerpräsident muss solchen Bestrebungen entgegentreten. Er darf den Krieg der Kulturen nicht zu seiner Sache machen. Er hat einzutreten für Dialog und Toleranz, nicht für Ausgrenzung. Das Gespräch, das er jetzt fordert, hätte längst stattfinden können, wenn er gewollt hätte. Auch er - nicht nur Lehmann und Steinacker - hatte kein Interesse daran, solange er glaubte, die Geschichte an der Öffentlichkeit vorbei, per decretum Mufti - so seitenverkehrt geht es zu in der Welt -, durchziehen zu können.

Der Kampf der Kulturen ist auch einer darum, ob Debatten zugelassen, gefördert, also öffentlich geführt werden. Roland Koch verficht seine Ziele - das wurde wieder einmal deutlich - lieber im Geheimen unter Umgehung der demokratischen Öffentlichkeit.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  18 | 5 | 2009
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