Die Form, in der Navid Kermani der ihm verliehene Hessische Kulturpreis von der Wiesbadener Staatskanzlei entzogen wurde, spottet nicht nur jeder Form von Höflichkeit, sondern stellt einen integrationspolitischen GAU erster Ordnung dar. Ja, einen GAU, ein Größtmöglich Anzunehmender Unfall: Es dürfte unter den ohnehin an den Fingern abzählbaren muslimischen Intellektuellen in Deutschland keinen anderen geben, der sich so intensiv und kenntnisreich mit dem Christentum auseinandergesetzt hat wie Kermani.
Dabei hat er auf höchstem Niveau jene Gefühle in Argumente gebracht, die seit mehr als zweitausend Jahren aufgeklärte Heiden, Juden und später Muslime davon abhalten, sich von der Theologie des Kreuzes trotz der damit verbundenen frohen Botschaft überzeugen zu lassen. Der Apostel Paulus, aus dessen Variante des Judentums später die christliche Religion entstand, wusste es besser, er wusste, was er seinen Adressaten mit der Lehre vom gekreuzigten und auferweckten Messias zumutete: "den Griechen eine Torheit und den Juden ein Ärgernis".
Kermani hat das artikuliert, was vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, ebenfalls empfinden dürften. Dass das Erschrecken darüber so groß ist, beweist aber nur, dass man, was den interreligiösen Dialog betrifft, bisher in einer Scheinwelt gelebt hat. Wird nun einem dialogbereiten und fähigen Muslim bedeutet, dass er gerade deshalb, weil er Vorbehalte gegenüber der Kreuzestheologie hat, trotz großer Leistungen unwürdig ist, einen Preis zu erhalten, so heißt das nichts anderes, als dass alle anderen Muslime dieser Kultur ebenfalls nicht angehören. Das ist der integrationspolitische GAU, das überaus fatale Signal, das alle verantwortungsbewussten Kräfte in dieser Gesellschaft vermeiden müssen. Die Ausgrenzung Kermanis kann nur dazu führen, integrationswillige Muslime in die Arme der Fundamentalisten zu treiben.
Die Schreiben von Kardinal Lehmann und Professor Steinacker, das Schweigen von Professor Korn sind, wenngleich in der Sache nicht wirklich akzeptabel, so doch immerhin respektabel. Der kulturpolitische Eklat jedoch ist alleine vom hessischen Ministerpräsidenten und einem zwar gutwilligen, von der Sache her jedoch völlig überforderten Kuratorium zu verantworten. Diese Instanzen haben ausgespielt und werden den Schaden nicht mehr beheben. Es obliegt somit den verbliebenen Preisträgern, den Weg für einen Neuanfang freizumachen. Das sollte Christen und Juden nicht weiter schwer fallen: Die Theologie des Kreuzes und die Theologie des jüdischen Versöhnungstages, des Jom Kippur, unterweisen im Scheitern und in der Hoffnung auf einen neuen Anfang.
Will man sich wirklich vorstellen, dass demnächst Professor Korn, Kardinal Lehmann und Professor Steinacker mit je nachdem betretenen oder freudigen Gesichtern diesen Preis aus der Hand des hessischen Ministerpräsidenten öffentlich entgegennehmen - ein triumphalistisches Ritual, das als Symbol der Ausgrenzung von Muslimen in die Geschichte dieser Republik eingehen würde? Jüdische und christliche Ethik gilt allemal den Ausgegrenzten und im Abseits stehenden oder ins Abseits gedrängten. Korn, Lehmann und Steinacker werden daher, darauf lässt sich bauen, die An- und Entgegennahme des Hessischen Kulturpreises ablehnen und damit den Weg für jenes Gespräch öffnen, das die Staatskanzlei in für Kermani unzumutbarer Weise organisieren wollte: zwischen Preisträgern und Nicht-Preisträgern.
Erst dann, wenn alle Nominierten keinen Preis mehr haben, wird sich ein durch diese Erfahrung des Scheiterns bereicherter Dialog auf Augenhöhe führen lassen.
Micha Brumlik ist Professor für
Pädagogik an der Goethe-Universität
in Frankfurt/M. Zuletzt erschien seine "Kritik des Zionismus" (EVA 2007).