Heute wird der Hessische Kulturpreis im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses überreicht. Endlich, möchte man erleichtert ausrufen, mit fast einem halben Jahr Verspätung. Denn ganz einfach ging die ganze Angelegenheit nicht über die Bühne. So kam es nicht nur in Hinblick auf die Preisträger zu einigen mehr oder weniger unerfreulichen Zwischenfällen. Nun aber scheint doch noch alles gut gegangen zu sein. Geehrt werden also: der Stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, der Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani sowie der ehemalige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker.
Kann man, darf man sich jetzt freuen? Für die vier Herren? Für das Land Hessen? Vielleicht sogar für die Kultur? Selbstverständlich kann und darf man. Dennoch ist die Freude nicht ungetrübt, und das hat verschiedene Gründe. In diesem Jahr sollte der Preis nämlich etwas ganz Besonderes sein, etwas Großes und Bedeutendes. So erklärte der hessische Ministerpräsident Roland Koch am 5. Dezember 2008: "Mit ihrer diesjährigen Entscheidung würdigt die Jury das herausragende Engagement der vier Preisträger für den religionsübergreifenden Dialog in Deutschland. Seit vielen Jahren setzen sie sich für das friedliche Miteinander der drei großen abrahamitischen Weltreligionen - Christentum, Judentum und Islam - ein."
Was das für den seit 1982 verliehenen Hessischen Kulturpreis bedeutet, erhellt ein kurzer Blick auf die bisherigen Preisträger. Eine durchaus beeindruckende Liste kommt da zusammen. Neben Marcel Ophuls, Albert Mangelsdorff, Volker Schlöndorf, William Forsythe, Siegfried Unseld oder Jürgen Habermas wurden allerdings auch Vertreter der etwas leichteren Muse ausgezeichnet, etwa Florian Illies oder Til Schweiger, und zuletzt auch einige regionale Spezialitäten wie das Frankfurter Klappmaul Theater, das Internationale Musikinstitut Darmstadt oder im vergangenen Jahr das Kasseler Kindertheaterbüro und das Mathematikum Gießen. Alles ehrenwerte Preisträger, obwohl die Liste kaum ein prägnantes Profil erkennen lässt.
In diesem Jahr also war der interreligiöse Dialog an der Reihe. Ein großes Thema angesichts der Debatten der letzten Jahre, eine politische Frage ersten Ranges angesichts der, wie man immer wieder hört, erheblichen Bedrohung unseres demokratischen Gemeinwesens durch fundamentalistische Gewalttäter. Es schien, als sei der Hessische Kulturpreis aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Fanden die Preisverleihungen mangels Interesse nur zu häufig unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, so konnte man sich dieses Mal der Aufmerksamkeit sicher sein. Den Hessen war gewissermaßen der Sprung von der betulichen Landes- in die glamouröse Bundesliga geglückt. Nun mussten sie sich der neuen Herausforderung nur noch gewachsen zeigen
Die politische Aufwertung des Hessischen Kulturpreises erwies sich als fatal
Bis hierher lässt sich die Geschichte als gelungener Marketinggag erzählen. Doch jetzt fingen die Probleme an. Als Vertreter der islamischen Religion war ursprünglich nicht Navid Kermani, sondern Fuat Sezgin vorgesehen, emeritierter Professor für Geschichte der Naturwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, Gründer und Leiter des Instituts für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften. Sezgin aber entschloss sich, den Preis nicht anzunehmen, und zwar aus Protest gegen die Haltung Salomon Korns im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Gaza-Streifen. Das war schon nicht mehr ganz das "ermutigende Beispiel" für den Dialog, von dem Roland Koch in seiner Preisverkündung noch wissen wollte.
Vielleicht hatte man geglaubt, den interreligiösen vom politischen Dialog zumindest etwas entfernen zu können. Das aber ist nur um den Preis religiöser Erbaulichkeiten möglich. Anders gesagt, mit Sezgins Verzicht war der Preis endlich da angekommen, wo er doch eigentlich hin sollte: im Zentrum einer politischen und deswegen nicht unbedingt erbaulichen Auseinandersetzung. Das aber musste die Hessen überfordern. Und so entstand, was Bundestagspräsident Norbert Lammert, ein Parteikollege Kochs, als "Staatsposse" bezeichnete, was allerdings eher den Ehrentitel Provinzposse verdient: Schnell wurde ein Nachfolger für Sezgin gefunden, der Orientalist Kermani, und die Geschichte nahm ihren tragischen Verlauf.
Im Mai verkündete die Hessische Landesregierung, das Preiskuratorium habe Kermani die Auszeichnung wieder aberkannt. Kurz darauf wurde die für den 5. Juli vorgesehene Preisverleihung auf einen unbestimmten Termin im Herbst verschoben. Die beiden christlichen Preisträger, Lehmann und Steinacker, lehnten es ab, gemeinsam mit Kermani geehrt zu werden. Sie warfen ihm vor, in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung (14. März) das Kreuz als christliches Symbol angegriffen zu haben. Kermani hatte im Zusammenhang einer Meditation über ein Altarbild von Guido Reni von "Gotteslästerung und Idolatrie" geschrieben, allerdings auch eingeräumt: "Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man - , ich könnte an ein Kreuz glauben."
Schon in einem frühen Stadium der Debatte gab es kaum noch Kompromisse
Wirklich pikant wurde die Angelegenheit durch einen - nicht zur Veröffentlichung bestimmten - Brief an Koch, in dem Lehmann beteuerte, "nicht neben jemandem auf der Bühne stehen zu können, der das Kreuz rundherum und prinzipiell ablehnt und es sogar als ,Gotteslästerung und Idolatrie erklärt". Gegen Kermani wusste der Kirchenmann vorzubringen, dass er "zweifellos intellektuell begabt und recht gebildet ist, in der Zwischenzeit auch habilitiert. Aber - lassen Sie mich dies wenigstens fragen - ist es denn mit 41 Jahren schon ein Lebenswerk, das hier die Auszeichnung eines Hessischen Kulturpreises verdient und dies bei den vielen Menschen, die sich in unserem Land gerade auch ehrenamtlich für Kultur einsetzen." Schließlich legte der Bischof dem Ministerpräsidenten nahe, zu handeln: "Ich muss es im Augenblick Ihnen überlassen, eine Lösung zu finden. Ich aber - dies sage ich nochmals - kann keinen faulen Kompromiss eingehen."
Koch, der als Ministerpräsident auch Vorsitzender des Kuratoriums ist, parierte umgehend und entzog Kermani den Preis. Der erfuhr davon übrigens - besonders taktvoll - nicht von Seiten der Hessischen Staatskanzlei, sondern aus der Zeitung. Und als sei das nicht genug, sah die ursprüngliche Planung eine Preisübergabe zum vorgesehenen Termin an Korn, Steinacker und Lehmann vor, wobei Kermani und Sezgin dann - quasi als Trostpreis - an einer Podiumsdiskussion teilnehmen sollten, um eine "öffentliche Debatte" anzustoßen.
Wohl eher eine Geste der Demütigung, denn um Dialog oder Debatte ging es schon lange nicht mehr, auch nicht um Kermanis Aufsatz oder die Kritik der Kirchenmänner daran, sondern um Macht- und Kräfteverhältnisse in einer "christlich geprägten" Gesellschaft. Dem CDU-Mann Koch war schlicht das christliche Hemd näher als der muslimische Rock: besser Kermani ausladen als den Kardinal abspenstig machen!
Welch eine Brüskierung Kochs "Lösung" für Kermani persönlich und für die muslimische Minderheit bedeutete, spielte in diesem Kalkül keine Rolle. Kermani sah sich in den Verlautbarungen der Staatskanzlei vielmehr als Fundamentalist hingestellt, der das Christentum frontal angreife - mit Zitaten, die erkennbar aus dem Zusammenhang gerissen waren. Als falsch erwies sich auch die Behauptung, Kermani habe sich einem klärenden Gespräch verweigert. Der Schriftsteller lehnte es lediglich ab, seinen Text in einem quasi-inquisitorischen Verfahren zu erläutern oder zu interpretieren. Mit anderen Worten, das von Jörg-Uwe Hahn (FDP), immerhin hessischer Integrationsminister und stellvertretender Ministerpräsident, vollmundig angekündigte Treffen mit Kermani kam bis heute nicht zustande. Gutes Krisenmanagement sieht anders aus.
Doch in Hessen findet sich offenbar immer noch ein Weg, dem einen Grauen ein noch größeres folgen zu lassen. Die hier anzutreffende Anballung aus Überforderung, Willfährigkeit und Ungeschick ist jedenfalls beeindruckend. Nur wenig überraschend, kam es alsbald zu öffentlichen Protesten. Vor allem Lehmann und Steinacker, aber auch der Kuratoriumsvorsitzende Koch wurden heftig angegriffen. Kermani selbst ließ seiner nur zu gut verständlichen Empörung in einem offenen Brief freien Lauf: "Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass Sie sich wenigstens schämen". Als die Provinzposse allerdings drohte, auch im Ausland für schlechte Presse zu sorgen, bekam Kermani den Preis einfach wieder zugesprochen. Nun war sogar von "Fehlern auf allen Seiten" die Rede.
Die atemberaubende Demontage-Dramaturgie des Hessischen Kulturpreises
Besser lässt sich die Würde eines Preises nicht demontieren. Oder doch? Auf einmal hieß es von Kuratoriumsmitgliedern, sie hätten an der entscheidenden Sitzung, auf der es um die Aberkennung ging, gar nicht teilgenommen; sie seien selbstverständlich bestürzt über die Vorgänge Damit sollte uns wohl zu verstehen gegeben werden, dass, wären sie dabei gewesen, sie selbstverständlich Schlimmeres verhindert hätten. Nicht verstehen sollten wir hingegen, dass man hier, mutmaßlich wegen massiver Ämterhäufung oder eklatanten Desinteresses, einfach seiner Sorgfaltspflicht entweder nicht nachgekommen konnte oder wollte.
Was in diesem Zusammenhang das Verhalten einiger Kuratoriumsmitglieder angeht, die an der entscheidenden Sitzung teilgenommen haben, sieht es auch nicht besser aus. Denken wir nur an den Präsidenten der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, der öffentlich-zerknirscht bekannte, wegen der "objektiv schwierigen Situation" Kermani nicht energisch genug verteidigt zu haben, oder den Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, Hellmut Seemann, der technisch-versiert beteuerte, während der Sitzung per Telefonschaltkonferenz zwar dabei gewesen zu sein, aber im Zug gesessen und wegen der Funklöcher das Gespräch nur unvollständig mitbekommen und erst wieder voll gehört zu haben, nachdem Kermani bereits disqualifiziert worden war.
Wie einstimmig ist eine einstimmige Entscheidung, von der nicht alle wissen?
Ist die Würde des Hessischen Kulturpreises also in einem Funkloch verschwunden? Schauen wir noch einmal etwas genauer auf das Gebaren der Staatskanzlei: Laut einer Pressemitteilung hat das Kuratorium "einstimmig entschieden", es bei der Auszeichnung für Lehmann, Steinacker und Korn "zu belassen". Der FR liegen allerdings Dokumente vor, die ein ganz anderes Licht auf die "objektiv schwierige Situation" werfen: Nach Aussagen Reicherts hat das Kuratorium lediglich über den Fall beraten, aber keinen Beschluss gefasst, schon gar keinen einstimmigen - dies sei "eine falsche Aussage". Sollte die Staatskanzlei gelogen haben?
Wir müssen attestieren, dass in Hessen nicht die Fallhöhe, aber die Falltiefe gegen unendlich geht. Und wären da nicht Salomon Korn, der diese zur Farce geratene Preisverleihung mit bislang erstaunlicher Geduld begleitet hat, sowie das auf Betreiben Lehmanns und Kermanis (und nicht etwa der Staatskanzlei) zustande gekommene Treffen aller vier Preisträger, um den Schaden zu begrenzen - man müsste vollends verzweifeln.
Was folgt nun aus all dem? Selbstverständlich ließe sich das Trauerspiel mit dem Hinweis schönreden, der Wiesbadener Intrigenstadel, also die konsequent betriebene Dialogverweigerung, sei Bestandteil eines Dialogpreises, gewissermaßen dessen wahre Seite, die uns zeigt, wie es um den interreligiösen Dialog eigentlich bestellt ist. Aber das wäre wohl etwas zu viel des Guten. Kommen wir lieber vom ganz Großen auf das ganz Kleine zurück: Koch wird heute nicht umhin kommen, klare Worte des Bedauerns zu finden. Nicht ganz einfach, erklärte doch seine Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) noch im Oktober, sie sehe "keinen Anlass", dass er sich entschuldigen müsste. Rechnen wir also damit, dass am Abend der Preisübergabe die Demontage des Preises munter weitergeht. Erneuter Eklat nicht ausgeschlossen.