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Hilde Domin über Hispaniola: Ein aufgestörter Ameisenhügel

Hilde Domin auf Hispaniola: Die Dichterin schildert in ihrer Biographie "Dass ich sein kann, wie ich bin", wie sie im Jahre 1946 das Erdbeben von Santo Domingo erlebte. Von Marion Tauschwitz

Nach dem Erdbeben von Santo Domingo im Jahre 1946 auf dem Dach der Sankt-Franziskus-Kirche.
Nach dem Erdbeben von Santo Domingo im Jahre 1946 auf dem Dach der Sankt-Franziskus-Kirche.
Foto: getty

Die Insel Hispaniola liegt zwischen der karibischen und der nordamerikanischen Kontinentalplatte, so dass es dort immer wieder zu Verwerfungen und Erdstößen kommt. Kleinere Beben gehören in jener Region zum Alltag. Jeder, berichtet die 37-jährige Hilde Domin, hat sich daran gewöhnt, "dass sich in der Stadt die Treppe in eine lebendige Ziehharmonika verwandelte" und sich im grün getünchten Treppenhaus "die Wand wie eine kalkweiße Wunde öffnete". Alle 60 Jahre rechnet man auf der Insel mit einem gewaltigen Beben.

Im August 1946 waren die Einheimischen unruhig. Die Verwüstungen des mittleren Bebens von 1930 hatten viele von ihnen noch miterlebt, und so verstärkten die kleinen Erdstöße, die die Insel im August 1946 fast täglich erschütterten, die Sorge. Der neue Seismograph registrierte die Beben, doch man zögerte, die Bevölkerung zu informieren; keinesfalls sollte Panik geschürt werden.

Der Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, Ehemann der Dichterin Hilde Domin, war im August 1946 der einzige Passagier auf der nach dem Krieg gerade wiedereröffneten Flugroute nach Mexiko. Nachdem sich die Anzeichen für ein großes Beben verdichtet hatten, entschloss sich die Flugbehörde, den Start vorzuziehen. Hals über Kopf musste er seine Reise vorzeitig antreten: Wieder bebte die Erde bedrohlich, als die Maschine abhob. Palm war der "primitiven Form des Odem Gottes entkommen, dem "worst earthquake since San Francisco" .

Hilde Domin, die ihre Eindrücke in Briefen schilderte, war der Hitze der Großstadt in die Berge entflohen. Als das Erdbeben im August 1946 einsetzte, saß sie mit der alten dominikanischen Wunderheilerin Vitalia und Doña Isabel, der "weisen Frau der Berge", in der Küche der einfachen Holzhütte. Sie hörten jenes "unheimliche Rattern, mit dem die Wellblechplatten des Dachs das leiseste Zittern der Erde ankündigen, als säße man in einem Zug mit losen Fenstern. In einem solchen Holzhaus wurde man ganz nervös von dem Gerattere und Geklirre des Blechs. In der Stadt dagegen lebte man in dauerndem Zweifel, ob es bebe oder man wieder nur Angst gehabt habe. Dafür kam man in den leichten Holzhäusern leicht ins Freie. Kaum begann das Rattern, lief ich in den Garten, den Kamm noch in der Hand. Vitalia kam schreiend aus der Küche. Nur die alte Isabel blieb sitzen, als sei nichts geschehen. Sie schien nicht einmal zu bemerken, wie die Kaffeetasse in ihrer Hand zitterte und der Kaffee überschwappte." Doña Isabel legte alljährlich ein Gelübde ab und hatte die Gewissheit: La Virgen me protege - die Jungfrau beschützt mich. Noch während der Vorbeben floh Hilde Domin wieder zurück in die Hauptstadt.

Das prophezeite große Beben brach am Sonntag, dem 4. August 1946, über die Insel herein: "Stöße der übelsten Sorte." Im Nordosten, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Haiti, war das Ausmaß der Schäden dramatisch, so Hilde Domin: "...die Kirche der Sta. Clara ist schwer beschädigt, wird wahrscheinlich demoliert. Am Saina soll sich am Sonntag, 4., ein Schlund von ½ km Länge geöffnet und blauen Sand ausgespien haben, mit Schwefelgestank. Ähnliches erzählte man von Moca. Für viele Kirchen und öffentliche Gebäude aber bilanzierte man: casi totalmente destruida."

Gespenstische Prozessionen

Die Einheimischen, so Hilde Domin, zogen unter dem Eindruck des Bebens in gespenstischen Prozessionen durch die Nacht. In den Gärten hatten sie jeweils ein kleines Golgata geschaffen: drei Holzstöcke zu einem Kreuz gebunden und etwas Erde drumherum aufgeworfen. Davor knieten sich die Pilger nieder, in einfache, ungefärbte Baumwolle, die Promesa, gehüllt und mit einem brennenden Holzscheit in der Hand: leidenschaftlich erregt beteten sie, die Stimmen so voller Angst, dass sie bedrohlich klangen und selbst vertraute Nachbarn unheimlich, fremd und unberechenbar wie die Erde erschienen. Der Schrecken, schildert die Dichterin, habe alle aufgewühlt, ihre Gewohnheiten umgeworfen. In die Erdrisse, die durch das Beben entstanden waren, warfen die Menschen Gegenstände, um die Götter zu besänftigen. "Sie hätten alles hineingeworfen um die Heiligen zu zwingen den Abgrund zu schließen. Alles. Jeden, der zur Hand war.... Die Insel glich einem aufgestörten Ameisenhügel."

Im Ausland überschlugen sich die Meldungen unmittelbar nach dem Beben: Man sprach in den USA sogar davon, dass die Insel Hispaniola in den Fluten untergegangen sei. Die Telefonverbindungen, berichtet Domin, blieben tagelang unterbrochen, immer wieder schreckten Nachbeben die Bewohner auf.

Die dem Beben folgende Flutwelle forderte 1800 Todesopfer. "Stelle Dir die Calle Allagracia in Panik vor! Dann geschah etwas Scheussliches. Um 9 Uhr war eine Dankmesse am Obelisk. Bei dem kleinen Stoss erschreckte sich eine Frau, stiess hysterische Schreie aus: ,Das Meer kommt! Eine furchtbare Panik brach aus. Unter Schreien, das Meer sei schon im Parque Ramfis, stürzte, was Beine hat, in wilder Flucht die Allagracia herauf. Die Leute sollen bis las Alearios gerannt sein. " Um weitere Panik zu unterbinden, untersagte Diktator Raffael Leónidas Trujillo per Dekret die "Verbreitung von Gerüchten" bei Strafandrohung."

Hilde Domin hatte Glück und überstand nicht nur das Beben, sondern auch die anschließende, sich schnell ausbreitende Typhusepidemie unbeschadet.

Das nächste Beben erwartete man erst im neuen Jahrtausend.

Marion Tauschwitz ist Autorin des Buches "Dass ich sein kann, wie ich bin. Hilde Domin. Biografie", Palmyra Verlag, Heidelberg 2009.

Autor:  Marion Tauschwitz
Datum:  15 | 1 | 2010
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