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Hintergrund Libyen: Siegen wollen

Der Über-Scheich: Dass Gaddafi auch im Ausland verkündet, er sei Beduine und gerne mal ein Zelt aufschlägt, ist mehr als nur eine Grille. Um seine Diktatur mit den libyschen Traditionen zu versöhnen, muss er den komplizierten Beziehungsgeflechten der Stämme gerecht werden.

Libyische Rebellen vom Magariha-Stamm, der im Gebiet südwestlich von Tripolis ansässig ist.
Libyische Rebellen vom Magariha-Stamm, der im Gebiet südwestlich von Tripolis ansässig ist.
Foto: Reuters

"Wir erklären dem Bruder Muammar, dass er kein Bruder mehr ist. Wir sagen, er soll das Land verlassen.“ Der Satz hatte Gewicht. Er wurde Libyens Alleinherrscher Muammar al-Gaddafi vom Scheich der größten Stammesföderation des Landes entgegengeschleudert – in der größtmöglichen Öffentlichkeit, wie sie der Sender Al-Dschasira schafft.

Der Satz brachte die Verachtung gegen den Diktator so deutlich aus, wie es in der traditionellen Bezugswelt der Stämme eben möglich ist. Scheich Akram al-Warfalli hat sich ja nicht gegen Gaddafi empört; das wäre eine Aktion von unten. Er hat ihn verstoßen, ein Verdikt von oben, ein Urteil mit absoluter Bedeutung. Es wurzelt in der Tradition der Stammesgesellschaft. Die Warfalla, denen zwischen einer halben und einer Million Libyer zugerechnet werden – die Quellen sind alles andere als eindeutig –, sind in einem Land mit gerade sechs Millionen Einwohnern ein entscheidender Faktor.

Stammesbindungen bestehen in Libyen weiter, obschon wohl gerade noch 250.000 Menschen tatsächlich nach althergebrachter Beduinen-Art in Zelten leben und nomadisieren. Sie prägen das Bewusstsein der einzelnen und das Leben der Gesellschaft, die Libyen stärker prägt als alle anderen arabischen Staaten, vielleicht Jemen ausgenommen. Der Beduine „gehört zu den Menschen, die Führung und Herrschaft am meisten lieben und Gehorsam am meisten verabscheuen“, schrieb der irakische Soziologe Ali al-Wardi vor über vierzig Jahren. Pflichtgefühl und das Gebot, einander zu helfen, bedingen die Führungsrolle des Scheichs. Gaddafi hat sich selbst als Beduine zu stilisieren geliebt, hat sein Zelt in der Heimatregion seines Stammes, der Gaddadfa, als herrschaftliche Residenz aufgestellt, hat es bei Staatsbesuchen auch in Europa aufgeschlagen und zuletzt noch proklamiert: Außer Staatschef „bin ich Revolutionär und Beduine“. Was Europäern als Schrulle eines nicht ganz Zurechnungsfähigen erschien, war der bitter ernst gemeinte Ansatz, seine diktatorische Machtausübung mit Traditionen zu versöhnen, die letztlich stärker sind als seine Macht. Ein Über-Scheich.

Keine Bürgergesellschaft

Gaddafi - Libyens exzentrischer Diktator

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Libyen - ein Land im Bürgerkrieg

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Seit Revolutionäre durch widrige Lebensumstände, Not, ungleiche Verteilung des Reichtums, Korruption und Willkürherrschaft in die Erhebung getrieben worden sind, wird der Über-Scheich zum tödlichen Rächer. Al-Wardi erklärte solches Verhalten mit „der Hypothese, dass der Kern der Beduinenkultur oder seine allgemeine Eigenart mit einem einzigen Wort, dem Wort ,at-taghalub‘ (siegen wollen), umschrieben werden kann“. Das läuft nicht auf Vernichtung hinaus; der Besiegte ordnet sich anders ein und muss dann respektiert werden. Doch keine Beleidigung, keine Herabsetzung wird vergessen.

Das Überleben der traditionellen Denkmuster und Verhaltensweisen in Libyen hat historische Gründe. In osmanischer Zeit – bis vor genau hundert Jahren – rekrutierten die von Istanbul entsandten Staatsvertreter die Funktionsträger auf allen Ebenen und in allen Bezirken aus den Stammesführern der jeweiligen Gegend, ohne tiefer in die Verhältnisse einzugreifen. Sie ließ die Landesbewohner weitgehend in Ruhe und sicherte sich damit in großem Maße deren Loyalität.

Eine Bürgergesellschaft wie in den Vielvölkerstädten zwischen Bagdad und Tanger, in Alexandria, Kairo, Tunis oder Casablanca hat sich in Libyen nicht herausgebildet, auch unter der von 1911 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden italienischen Kolonialmacht nicht. Europäische Einflüsse, die mit dem Kolonialismus in Nordafrika eindrangen und zugleich die Ideen zur Befreiung vom Kolonialismus beisteuerten, blieben in Libyen schwach.

Großfamilie, Clan und Stamm

Die Ansiedlung italienischer Bauern schuf eher eine Apartheid-mäßige – schier unüberwindliche – Trennung zwischen den Einheimischen und den Fremden, deren herrschende Vertreter zudem mit besonderer Brutalität regierten. Die Hälfte der Beduinen ist nach zuverlässigen Angaben des israelisch-britischen Sozialwissenschaftler Ilan Pappé zwischen 1928 und 1932 entweder in Kämpfen umgebracht worden oder in Lagern verhungert. Überlebensstrukturen stellten die Familienverbände und die von ihnen gebildeten Stämme dar. Dass nach der Unabhängigkeit die Stammesordnung dominierte, war die logische Folge.

Auch Gaddafi hat sich zu großen Teilen loyaler Stämme beim Aufbau seiner Herrschaft bedient – auch wenn die von ihm im „Grünen Buch“ („Die Lösung des Demokratieproblems“) propagierte Ordnung die Stammestraditionen als anachronistisch brandmarkt. Seit Mitte der siebziger Jahre brach seine Verwaltung Stammesverbände auf und setzte auf Schulbildung, Kompetenz und Examina. Doch sie zerstörte nicht das Bewusstsein der Libyer, zu bestimmten Traditionslinien zu gehören. Großfamilie, Clan und Stamm (als formal aufgelöste Föderation von Clans verstanden) blieben Bezugsgrößen.

Potentielle Putschisten

Die Loyalität der inzwischen auf sechs Millionen angewachsenen Bevölkerung suchte das Regime durch gezielte Zuwendungen zu erkaufen, was manchen Clan an sie band und manchen Stamm in die Gegnerschaft stieß. Die auf der Erdölwirtschaft beruhende ökonomische Entwicklung begünstigte Tripolitanien, den Nordwesten; der Nordosten, die Cyrenaika, ist weit zurückgeblieben, was sich an der Karte der gegenwärtigen Machtverteilung unschwer nachweisen lässt.

Auf den Magariha-Stamm, der in der Region südlich von Tripolis und Misurata lebt, mag Gaddafi sich noch stützen können. Doch seit sein langjähriger „zweiter Mann“, Abdessalam Dschallud, in Ungnade gefallen ist, bestehen Zweifel. Die Londoner Zeitung Asharq Alawsat deutete dieser Tage an, dass aus diesem Stamm ein Putsch gegen Gaddafi, den Putschisten von 1969, hervorgehen könne. Mit den Warfalla, dem größten Verband unter rund 140 Stämmen, und einem Dutzend anderer könnte er sich nach den Ereignissen der letzten Wochen sicher nicht rasch über ein Zusammenspiel einigen.

Letztlich werden die Beziehungen der größeren Verbände zueinander für die Neuordnung ebenso wichtig sein wie die Forderungen der akademisch gebildeten Jugend, der neuen Arbeiterschaft und des noch relativ kleinen städtischen Mittelstands.

Autor:  Karl Grobe
Datum:  2 | 3 | 2011
Kommentare:  5
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