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Historiker Bernd Wegner: "Der Zugang zur Geschichte ist kanalisiert"

Historiker Bernd Wegner empfiehlt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau die Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg zu erweitern, damit wir ihn besser verstehen.

Zwei japanische Soldaten verhöhnen ihre beiden chinesischen Kriegsgefangenen vor ihrer Exekution im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg (datiert auf den 22. August 1938).
Zwei japanische Soldaten verhöhnen ihre beiden chinesischen Kriegsgefangenen vor ihrer Exekution im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg (datiert auf den 22. August 1938).
Foto: Getty Images

Am 1. September jährt sich Hitlers Überfall auf Polen zum 70. Mal und Europa gedenkt des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Sie haben den 18. September 1931 als Anfangsdatum vorgeschlagen. Welche Symbolkraft hat der Überfall Japans 1931 auf die Mandschurei für den größten Gewaltausbruch der Geschichte?

Für das Versagen des Völkerbundes, seine Mitglieder vor anderen zu schützen, ist das Datum sicherlich symbolisch. Trotzdem glaube ich, dass wir mit dem 1. September als Gedenktag gut bedient sind, vor allem weil dieser Tag das Augenmerk auf die zentrale Figur des Gewaltgeschehens in Europa richtet, nämlich auf Hitler, und ferner auf Polen, das relativ zur Bevölkerung die schwersten Opfer gebracht hat. Aber ich plädiere dafür, dass wir unseren Blick erweitern und uns nicht nur auf dieses Datum fixieren, als sei es sozusagen der reale Beginn eines Gewaltgeschehens, das in Wirklichkeit im globalen Maßstab längst im Gange war.

Zur Person

Bernd Wegner, 59, ist Professor für Neuere Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Sein Forschungsschwerpunkt ist der Zweite Weltkrieg, sein aktuelles Projekt die "Gewaltdynamik im internationalen System von 1931 bis 1948".

Was versprechen Sie sich davon, den Blick so zu erweitern?

Der Zweite Weltkrieg war der erste globale Krieg in dem Sinne, dass Konfliktherde in unterschiedlichen Teilen der Welt miteinander verschmolzen, woraus eine ganz neue Dynamik von Gewalt entstand. Und diese Dynamik können wir nur verstehen, wenn wir unseren Blick über die deutsche Kriegführung und das europäische Geschehen hinaus erweitern.

Wenn Sie "wir" sagen, meinen Sie dann in erster Linie Historiker oder Bürger?

Ich meine in erster Linie Historiker. Bürger interessieren sich für Dinge aus ganz unterschiedlichen Gründen, und ich bin der letzte, der sie belehren möchte, wofür sie sich zu interessieren haben. Aber für Historiker ist es sehr wichtig. Ich denke, dass wir die Chance haben, neue Sichtachsen zu eröffnen. Wenn Sie sich vorstellen, Sie wollen einen Berg erforschen und gucken immer aus einer Perspektive auf den Berg - so genau Sie es auch tun, Sie werden nicht alles sehen.

Was haben denn deutsche und europäische Historiker in den letzen 60 Jahren nicht gesehen, weil sie vor einer Seite des Bergs sitzen geblieben sind?

Sie haben große Teile des internationalen Gewaltgeschehens aus dem Blick verloren. Es gibt hierzulande nur ganz wenige Studien etwa über die Kriegführung in Asien und über das internationale Gewaltgeschehen vor 1939, das nicht von den Nazis ausging.

Beschränken sich Historiker selbst?

Ja, der Zugang zu Geschichte ist gedanklich kanalisiert, und das nicht nur in Deutschland. Fast alle Länder sind im Hinblick auf ihr Gedenken und ihre historiografische Erinnerung bis heute - ich finde in oftmals bedenklicher Weise - nationalstaatlich eingeengt. Beim Gedenken ist dies nachvollziehbar, da man in erster Linie der Dinge gedenkt, die einen unmittelbar betreffen. Aber Historiker schreiben ja nicht nur Gedenkliteratur.

Sie liefern einflussreiche Interpretationen der Geschichte.

Genau, und Historiker haben größere Interpretationsmöglichkeiten, wenn sie sich neuen Sichtweisen öffnen.

Gehört dazu auch, über die Millionen Opfer in China und den damaligen Kolonien zu forschen?

Selbstverständlich gehört das dazu, um das Gewaltgeschehen in Europa - die Massenverbrechen, die Genozide - einordnen zu können. Hitler hat in dem immensen Gewaltgeschehen zwar aktiv eine außergewöhnlich destruktive Rolle gespielt, aber er ist eben auch Teil dieser globalen Gewaltdynamik. Deren Rahmenbedingungen müssen wir verstehen, um auch das deutsche Gewaltgeschehen angemessen interpretieren zu können. Um ein auf die Physik gemünztes Wort von Lichtenberg abzuwandeln: Wer nur von deutscher Geschichte etwas versteht, versteht auch die nicht recht.

Hören Sie eigentlich öfter den Vorwurf, die deutsche Kriegsschuld zu relativieren?

Bislang nicht, und ich glaube auch nicht, dass meine Arbeit Anlass dazu gibt. Im Übrigen ist die Kriegsschuldfrage historiografisch längst erledigt. Davon abgesehen würde ich es generell für bedenklich halten, moralische Positionen, wie es Schuldfragen nun einmal sind, zum Maßstab zu erheben für die wissenschaftliche Fruchtbarkeit einer Fragestellung.

Welche Erkenntnisse hat der Perspektivwechsel Ihnen bisher gebracht?

Ich glaube heute besser zu verstehen als früher, dass Hitler nicht derjenige war, der selber das internationale System zerstört hat, sondern dass es sich im Grunde bereits aufgelöst hatte. Aber er hat es wie kein Zweiter verstanden, diese Situation auszunutzen.

Sie meinen die Unfähigkeit des Völkerbundes, seine Mitglieder zu schützen?

Die Unfähigkeit des Völkerbundes ist der äußere Ausdruck der Störung des internationalen Systems. Dahinter steckt die mangelnde Bereitschaft der Garantiemächte der Versailler Ordnung beziehungsweise der Washingtoner Ordnung im pazifischen Raum, diese Ordnung aufrechtzuerhalten.

Warum haben die Garantiemächte Länder wie China und die Tschechoslowakei nicht geschützt?

Es gibt dafür sehr viele Gründe. Einer der Wichtigsten scheint mir in den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu liegen. Sie war nicht nur ökonomisch ein Desaster, sondern hatte auch gravierende politische Folgen auf der ganzen Welt. Anders als in der heutigen Wirtschaftskrise kam es damals zu einer Abschottung der Mächte gegeneinander. Man wollte zunächst die inneren Verhältnisse in Ordnung bringen, bevor man sich international engagierte. Die Garantie-Mächte der internationalen Ordnung wurden so nachhaltig geschwächt, während gleichzeitig die revisionistischen Mächte versuchten, ihre inneren Schwierigkeiten nach außen abzulenken, und daher zunehmend aggressiver wurden.

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Datum:  27 | 8 | 2009
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