Was haben die schwebenden Körper, die die Choreographin Sasha Waltz im Frühjahr in den leeren Räumen des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel in Bewegung versetzt hat, mit der sitzenden Königsfigur aus Kamerun zu tun, die sich im Ethnologischen Museum in Dahlem befindet? Beide, so könnte eine Antwort lauten, sind Bestandteile einer modularen Struktur, aus der einmal eine neue Wunderkammer des Weltwissens hervorgehen soll. Alles soll beweglich und vieles möglich sein. Die Idee eines Humboldt-Forums, die nach dem vom Deutschen Bundestag beschlossenen Abriss des Palastes der Republik wie ein Befreiungsschlag aus einer ziemlich verkorksten Nutzungsdebatte um die berühmte Berliner Leerstelle wirkte, soll nun als elegant geschlagener Steilpass in die Berliner Mitte führen.
Zu den beweglichen Modulen passen zwei Erklärungsvarianten, mit denen man das Projekt zuletzt immer wieder beschrieben hat. Die pragmatische Lesart sagt, dass sich im Berliner Stadtschloss künftig die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) den Platz teilen mit der Berliner Zentral- und Landesbibliothek sowie der Humboldt-Universität. Eine weniger nüchterne Lesart verspricht die Neugründung eines Museums als universelle Begegnungsstätte eine Mischung aus intellektuellem Wagemut und einem experimentellen Größenwahn nicht abgeneigten Kulturmanagement. Nicht neu geboren werden soll man hier, aber doch "Anders zur Welt kommen", wie nun der Titel einer Ausstellung im Alten Museum nahelegt. Bot die Schlossdebatte in den letzten Jahren reichlich Projektionsfläche für nationale Kulturphantasien aller Art, so ist das, was einmal in das Hohenzollern-Remake hinein soll, eine Art Baukasten für kulturwissenschaftliche Planspiele.
In fünf großen und zwei kleineren Räumen soll nun im Alten Museum angedeutet werden, wohin die Reise gehen könnte. Stehen am Anfang noch einmal die Planungs- und Beschlusslagen, so wird im zweiten großen Raum der Weg von der Kunstkammer zum Museum rekonstruiert. Natur, Kultur und Wissenschaft werden hier auf ihre Darstellungsformen hin abgeklopft und in ihrer historischen Genese gezeigt, deren geistige Scharniere Leibnitz, die Brüder Humboldt und Adolf Bastian waren. In der zentralen Raumflucht widmet man sich den "Welten in Bewegung", in denen es einerseits darum geht, den unerschöpflichen Reichtum der außereuropäischen Sammlungen des preußischen Kulturbesitzes zu zeigen und andererseits die kombinatorischen Möglichkeiten des Vorhandenen zu eröffnen. Das Humboldt-Forum, wie es die Macher nun konzipieren, soll weniger ein Alleskönner denn ein Türöffner für alles Mögliche sein. Kontextfrei steht ein jainistischer Haustempel aus dem Westindien des 18. Jahrhunderts im Raum, aber man kann sich zugleich vorstellen, dass mit dessen Hilfe rituelle und religionssoziologische Hinterzimmer aufgeschlossen werden. Derlei Einbildungskraft muss allerdings auch mitbringen, wer anhand des Gezeigten eine Idee herausdestillieren will, was das Humboldt-Forum einmal sein soll. Ein strukturelles Paradox vermag die Ausstellung nämlich nicht zu lösen. Ohne eine Miniaturausgabe der künftigen Schlossschau sein zu wollen, ist man doch immer wieder versucht, die Aufbauten und Arrangements als Vorschaumodus zu betrachten.
Besonders deutlich wird das im so genannten Labor, in dem die drei Humboldt-Partner versuchen, ihre Zusammenarbeit nicht länger als kulturpolitischen Zufall zu verstehen, sondern die notwendigen Synergien als Ergebnis eines kulturellen Urknalls zu definieren. Forschung, Bibliothek und Kunstsammlung durchdringen einander seit jeher in unterschiedlicher Form und begründen nicht zuletzt jenen so innig beschworenen Begriff der Agora, den man sich als eine Art kommunikative Wunschmaschine vorstellen soll oder auch als einen Ort, an dem man mit Wilhelm von Humboldt lernen kann, wie man lernt. Im Labor wird produziert und gebastelt, und es werden alte mit neuen Aufbewahrungsmethoden abgeglichen.
So ist denn auch der umfangreiche Dokumentationsband zu lesen, in dem die verschiedenen Varianten ausgebreitet werden, wie im Namen der Humboldts einmal die Weltkulturen präsentiert werden können. Für den Ethnologen Thomas Hauschild ist es an der Zeit, große Fragen zu stellen und große Antworten zu erwarten. Seien wir nicht verklemmt kulturrelativistisch um jeden Preis, rät Hauschild, sprechen wir Abstände zwischen den Vermögen unterschiedlicher Gesellschaften an. "Man hat auch der westlichen Musealisierung religiöse Züge nachgesagt, lassen wir sie heraus, lassen wir sie wirksam werden, denn nur nach der Regression findet man zur Vernunft zurück, nicht nach kulturprotestantischer stiller Anbetung des Unbedeutenden." Hauschild erhofft sich einen die Fachgrenzen sprengenden melancholischen Enthusiasmus der Ethnologie.
Ganz so forsch und anarchisch möchte Wolf Lepenies den kulturwissenschaftlichen Geist nicht wehen lassen. Für ihn komme es vielmehr darauf an, nach dem territorialen auch den intellektuellen Kolonialismus zu überwinden, der immer noch einzig von Europa aus den Blick auf die nicht-westlichen Kulturen richte. In Berlin, so Lepenies, solle vielmehr ein Museum des doppelten oder mehrfachen Blicks entstehen, "das dem Besucher deutlich macht, wie sehr der Charakter dessen, was er sieht, vom Arrangement des Kurators und von seiner eigenen Wahrnehmung bestimmt wird." Das Humboldt-Forum als heilsame Therapie gegen die in Jahrhunderten gewachsenen Kulturkomplexe im Weltmaßstab: Preußischer Militarismus und die Folgen des europäischen Kolonialismus sollen gewissermaßen im Schatten indigener Artefakte staunend und lernend hegelianisch aufgehoben werden.