Vierzehn Euro sind in Berlin kein unverschämter Preis für die Besichtigung einer Ausstellung samt Einführung des Leiters mit Podiumsgespräch, Lesung, Grußwort von Marianne Birthler sowie Essen und Trinken. Die hundert Karten für den Salon waren innerhalb einer Stunde verkauft.
Die glücklichen Gewinner, Durchschnittsalter 60, werden im früheren Gebäude des DDR-Innenministeriums in der Mauerstraße mit Sekt und dünnen Brotstangen namens Grissini ausgestattet. Außerdem sind neben mir noch mindestens vier Journalisten anwesend. So wandern wir durch die Exponate der Stasi-Ausstellung in dem Haus, das den umständlichen und bürokratischen Namen "Informations- und Dokumentationszentrum der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" trägt.
Die Schautafeln sind für heutige Ausstellungsgewohnheiten etwas textlastig geraten. Dafür sind die Vitrinen mit interessanten Materialien gefüllt, die eine Ahnung vom Tun und Wirken des Ministerium für Staatssicherheit vermitteln. Bald steht ein Sektglas auf der Vitrine mit den berühmten Geruchsproben in Einweckgläsern mit gelben Staublappen.
In dem Kasten daneben ist ein besonderes Diktiergerät zu bewundern, mit dem die Spitzel arbeiteten und das mangels einheimischer Produktion aus den USA importiert worden war; allerdings hatten die amerikanischen Hersteller die Verwendung im sozialistischen Lager mitbekommen und in kyrillischen Buchstaben eine Botschaft auf den Schaltkreis geätzt, dokumentiert von der Staatssicherheit: "Wann hört ihr endlich auf zu stehlen, eigene (wahrhaftige) Entwürfe sind besser."
Ein ähnliches Armutszeugnis für den Stand der ostdeutschen Schlüsseltechnologien ist der Drucker mit der Aufschrift des DDR-Mikroelektronik-Konzerns "robotron", bei dem die Importeure bei der "Neutralisierung" des westlichen Produkts das Geräteschild auf der Rückseite übersehen haben: EPSON, Made in Japan.
Peter Boeger trägt einen Trachtenjanker und ist Leiter des Zentrums, sozusagen einer Filiale der Stasi-Behörde, und gibt einen Überblick über die Ereignisse vor den Demonstrationen 1989, die das Ende für die DDR, ihre Einheitspartei und ihren Geheimdienst einläuteten. Die besonders sinnlos und auffällig gefälschte Kommunalwahl und das Massaker auf dem Tiananmen-Platz, die massenhafte Ausreise über die Botschaften in Warschau, Budapest und Prag, die Proteste vor den Stasi-Zentralen in Rostock bis zu der missglückten Ansage von Schabowski, bei der nur die Amerikaner sofort begriffen, dass die Mauer nun geöffnet war.
Aber die DDR existierte weiter, die Stasi sollte bald als "Amt für Nationale Sicherheit" agieren, bis im Dezember mutige Bürger die Stasi-Zentralen besetzten und die Hauptamtlichen von ihren Aktenvernichtungs-Aktionen vertrieben. Am 15. Januar 1990 wurde die Normannenstraße überrannt und die Stasi musste ihre Arbeit endgültig einstellen. Nun sollten die Akten öffentlich gemacht werden, um das MfS sozusagen zu delegitimieren und dekonspirieren. Eine historische Aufarbeitung sollte stattfinden und bei Tätern im öffentlichen Dienst überprüft werden, ob sie noch tragbar seien.
Das Stasi-Unterlagengesetz ist die juristische Grundlage, um die 178 Kilometer Akten, anderthalb Millionen Fotos, Videos, Tonbänder und Einweckgläser zu verwalten. Das mit den Geruchsproben, bei Kapitalverbrechen findet Boeger es noch okay, aber bei Jugendlichen, die Parolen an die Wände malen? Ein Pinsel wurde in einem solchen Fall dem Spürhund vorgehalten, als Boeger den Stasi-deutschen Fachbegriff "Geruchsidentifizierungshund" nennt, gibt es Gelächter. Jedenfalls war der Köter erfolgreich.
Die Stasi hatte besondere Rechte, durfte verhaften und hatte eigene Gefängnisse. Bis in die 50er Jahre hielt man sich an die sowjetische Methode. Doch dann wollte die DDR diplomatisch anerkannt werden, und dabei war es hinderlich, dass sie Leute einfach verschwinden ließ. Die neue Strategie hieß "Zersetzen", es wurde gemobbt und fertig gemacht. Boeger führt das Beispiel einer Ärztin an, die auf Ausreise spekulierte. Bei ihr wurde konspirativ eingebrochen und dabei hatte man gezielt Spuren hinterlassen, etwa den Fernseher und Gewürzgläser verrückt. Gleichzeitig brachte man Gerüchte über ärztliche Fehler ihrerseits in Umlauf. Die Zersetzung war erfolgreich, die Ärztin wurde in den Suizid getrieben.
Ich muss mich an meine Tante und ihre Tochter erinnern, meine Cousine. Die Mutter bekam einen Anruf, ihre Tochter war dran, aber die stand neben ihr. Vielleicht war in der DDR nicht paranoid, wer sich verfolgt fühlte, sondern wer glaubte, es sei alles nicht so schlimm. Und das war die Mehrheit. Peter Boeger legt Wert auf die Feststellung, dass die Zersetzungstaktik nicht nur in der DDR, sondern auch im Westen funktionierte.
Wieder erinnere ich mich an eine Tante, diesmal mütterlicherseits. Sie hatte sich in einen westdeutschen Montage-Arbeiter verliebt, der sie als Mann verkleidet mit dem Pass eines Kollegen in den Westen schmuggelte. Noch jahrelang, bis zum Ende der DDR, bekam er immer wieder Anrufe, niemand meldete sich, doch die Nationalhymne der DDR wurde abgespielt. Die Nachricht war nicht misszuverstehen: Wir haben Dich nicht vergessen, irgendwann kriegst Du Deine Strafe! Im Gegensatz zu meiner Tante, wagte er sich nicht mehr auf Besuch nach Ostdeutschland.