Nicht nur das Gefälle am Loiblpass zwischen Kärnten und Slowenien ist dramatisch. Auch das Gefälle zwischen starken und ordentlichen Prosastücken kann sich sehen lassen. Aber man würde es lieber nicht sehen. Nicht hier.
Im Wettbewerb der 34. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zeigte sich also, was für ein schwieriges Unterfangen es ist, starke Literatur zu produzieren. Es zeigte sich aber auch, dass es dafür am Ende den Hauptpreis gibt: Den intensivsten, am tiefsten greifenden, wichtigsten Text dieser drei Tage brachte der neue Ingeborg-Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek mit. Jahrzehnte hat er dafür gebraucht, so über sich schreiben zu können.
Etwas leichter ist es, ordentliche Literatur zu produzieren. Wer noch ein wenig darunter gerät, ist übel dran. Jedoch ist dies zu dokumentieren gewiss nicht die Aufgabe der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Als der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen die Schauererzählung "Schnee" von Iris Schmidt mit den Worten "etwas Ungelenkes, etwas Unbeholfenes und nichts sehr Wichtiges" kommentierte und weiter nichts dazu sagen wollte, war das ein starkes Stück. Das Mindeste, was eine Jury, die ihre 14 Diskussionsgegenstände selbst aussucht, bietet, sollte doch ein Grundinteresse an diesen Gegenständen sein sowie ein Grundkonsens darüber, was sie für diskussionswert befindet. Wenn den Juroren dieser Konsens betrüblicherweise abgeht, würde man das lieber nicht auf dem Kopf einer Autorin ausgetragen sehen, die soeben die Lesung ihres Lebens absolviert hat.
Obwohl es erstmals ein Ingeborg-Bachmann-Public-Viewing gab, obwohl erstmals alle Lesungstexte in 8 Sprachen im Internet standen, wollten alle, alle hinein in den grotesk und trotzig kleinen Saal des ORF. Nach dem Quetschen und Stapeln machte es dort Freude, in der Jury die atemberaubende Spannbreite deutscher Dialekte und literaturkritischer Herangehensweisen anzuhören. Hierbei galt die Losung (aber es war naturgemäß nicht die Losung der Jury): Umso weniger Rhetorik desto besser. Derweil sortierte sich das Feld zügig und vorerst völlig unspektakulär.
Am ersten Tag las die in Berlin lebende Schweizerin Dorothee Elmiger, Jahrgang 1985, aus ihrem Debütroman "Einladung an die Waghalsigen", der im August bei DuMont erscheint. Das war einer jener herrlichen Fälle, bei denen aus dem Nichts eine Welt aus Worten entstand, souverän und so originell, dass man gar nicht wie die Wiener Kritikerin Karin Fleischanderl "durchaus" originell dazu sagen muss (die Rhetorik der Gönnerhaftigkeit ist die Schlimmste von allen, jedoch ist kein Kritiker davor gefeit). Waghalsig also warf Elmiger die Zuhörer hinein in eine postapokalyptische Welt, in der zwei Mädchen mithilfe der Überreste einer Bibliothek versuchen, wieder Fuß zu fassen. Die Schweizer Germanistin Hildegard Elisabeth Keller verwies auf Hartmann von der Aue, Spinnen auf Computerabenteuerspiele. Dafür gab es den mit 10 000 Euro dotierten kelag-Preis.
Am zweiten Tag las der 1975 in Gera geborene Aleks Scholz seinen Text "Google Earth" vor. Er blickt darin aus Satellitenperspektive mit Zoom auf zwei Höfe in ländlicher Gegend. Die ökonomisch erzählte, raffinierte Verquickung von möglicherweise justiziablen Ereignissen und Gegebenheiten der Erdoberfläche brachte Scholz die Prädikate "makellos" und "herzlos" ein. Ja, es geht im Wettbewerb auch darum, nichts falsch zu machen. Aleks Scholz hat rein gar nichts falsch gemacht. Ja, das ruft dann auch wieder Missbehagen hervor. Es gab dafür aber wenigstens den mit 7000 Euro dotierten Ernst-Willner-Preis.
Am dritten Tag las Wawerzinek, 1954 in Rostock geboren, aus seinem im August bei Galiani erscheinenden Roman "Rabenliebe". Das war ein anderes Kaliber, die autobiografische Geschichte eines Jungen, der sich in der DDR im Waisenhaus wiederfindet, herumgereicht, verstummt, gar nicht schlecht behandelt, aber unter Schock. Der Erzähler denkt sich dorthin zurück, in einen ewigen Winter, in dem Krähen unterwegs sind und Zitatfetzen romantischer Dichter herumwehen. Die Jury konstatierte große Kunstfertigkeit, Fleischanderls Kitschverdacht blieb ein Rätsel, während ihre Berliner Kollegin Meike Feßmann hier doch endlich das vorher so dringlich eingeforderte "Feuer" sah. Dafür gab es den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Publikumspreis.
Als letzte las Verena Rossbacher, nach dem Romandebüt "Verlangen nach Drachen" von hohen Erwartungen begleitet. Der Vortrag war krass, eine teils säuselnde, teils schier atemlose Dauererregung. Inhaltlich ging es um eine Art moderne Variante der neutestamentarischen Verkündigungsszene, oder? Spinnen sah einen Versuch, Menschen beim Denken zu zeigen. Der Wiener Kritiker Paul Jandl sah eher einen Menschen beim Nicht-Denken. Jedenfalls kam dieser Text nicht einmal auf die Shortlist für die Abstimmungen am Sonntagmorgen.
Stattdessen platzierte sich - überraschend, aber nicht verkehrt, aber auch der Dynamik der Preisfindung geschuldet - die 1980 in Anklam geborene Judith Zander. Der Auszug aus dem Romanmanuskript "Dinge, die wir heute sagten" gibt einer heillos apathischen, versehentlich schwanger gewordenen Teenagerin Kontur. Es beeindruckte die Jury, dass Zander viel zu jung ist, um derart treffend über die DDR zu schreiben. Dass neben Wawerzineks Text hier ein zweiter dem Sozialsystem in der DDR ein nüchternes, aber nicht elendiges Zeugnis ausstellte, war apart. Es gab dafür den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis.
Im Übrigen blieb auch sonst einiges im Gefälle hängen. Neben Wawerzineks Krähen wird mancher das mystische Paprikahendl des Max Scharnigg nach Hause nehmen. Oder Volker H. Altwassers Wunderfisch. Zum Beispiel.