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Internationale Bauausstellung: Der tägliche Tagesordnungspunkt

Krise hin oder her. Die Umstände, unter denen Hessens CDU und FDP eine Internationale Bauaustellung in der Rhein-Main-Region unterbunden haben, waren richtig mies. Von Christian Thomas

Essens Zeche Zollverein als Leuchtturm.
Essens Zeche Zollverein als Leuchtturm.
Foto: bilderberg

Ein Topthema der Gegenwart, die Krise, hat eine Koalition von CDU, FDP und Linke im Hessischen Landtag jetzt veranlasst, in der Region Frankfurt/Rhein-Main eine Internationale Bauausstellung (IBA) zu unterbinden. Wobei die Umstände, Krise hin, Krise her, unter denen die Entscheidung herbeigeführt wurde, richtig mies waren.

Als gelte es, sich von etwas Nervigem loszumachen, votierte der Wirtschaftsausschuss, die parlamentarischen Sommerferien vor Augen, gegen eine IBA. Kostengründe, 120 Millionen Euro, wurden genannt. Es war der letzte Tagesordnungspunkt, gut versteckt, bürokratisch umschrieben, so konnte man sich einer lästigen Sache entledigen. Lagerräumung, wie beim Sommerschlussverkauf.

Doch auch unabhängig von dem täglichen Tagesordnungspunkt seit geraumer Zeit, der Krise, hat die hessische Politik nie an eine IBA in Hessen geglaubt. Ihr Unglaube hatte vor allem eine Heimat in der CDU und FDP, und dieses Credo basierte auf einem kompakten Misstrauen, das sich, wie vor zwei Jahren beim damaligen Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU), als Affront artikulierte, als Corts eine IBA-Studie des seit Jahrzehnten als Stadtplaner ausgewiesenen Jochem Jourdan als "ABM-Maßnahme" abqualifizierte.

Trotz des Drucks der jüngsten Ereignisse (Kosten, Krise) ist es sicherlich gut, an die Internationale Bauausstellung Emscher Park zu erinnern, die IBA zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Ruhr und Emscher, die sich, allein schon als Imagefaktor, unter schwierigsten Konkurrenzbedingungen behaupten konnte. Diese Konkurrenz, eine, die Hessen erspart worden wäre, ging von Berlin und Hannover aus, einerseits von der Hauptstadtwerdung, andererseits von der Expo. Gemessen an beiden Großereignissen zur nachhaltigen Neuorientierung und nicht zuletzt spektakelreichen Inszenierung des Städtischen hat die Ruhrgebiets-IBA von der Zukunft der größten deutschen Metropole, einer sonst so nicht vorhandenen Agglomeration aus Zentren und Peripherien, Maschinenstadt, Dienstleister-standorten, aus Autobahnen und so gut wie unberührter Natur, eine neue Vorstellung gegeben.

Im Ruhrgebiet waren Städte und Gemeinden angetreten, um so etwas wie ein neues Moderne-bewusstsein zu kalibrieren. Unvergessen dabei, dass dies in Zeiten geschah, als das ehemalige Zechenland und Hoheitsgebiet der Hochöfen, der "Kohlenpott", sich in einer Mega-Krise befand, ohne dass man diese, wie jetzt in Hessen, zum Anlass genommen hätte, eine Idee abzuwickeln.

Wie auch immer im einzelnen der ökologische und ökonomische Umbau ausfielen, die Modernisierung unter Förderturm und Kesselschlot, Kühlturm, Hainbuchenhecken und verschwiegen gelegenen Wiesen und Wäldern im größten Ballungsraum Europas haben rund 100 Projekte das Verhältnis von Mensch-Natur-Technik beharrlich verändert. Angestachelt von der emphatischen Überzeugungskraft des IBA-Direktors Karl Ganser wurde sicherlich nicht alles gut. Aber einer neuen Identität immerhin ein ideeller Vorrang eingeräumt. Neben der Investition in architektonische Highlights, in Leuchttürme, wie es bereits im Ruhrgebiet hieß, war die IBA eine Anstrengung, Kirchturmpolitiken einzuschränken. Dafür hat die Ruhrgebiets-IBA nicht nur die Chefetagen aus Politik und Wirtschaft aufgesucht, sondern bis in die Hinterzimmer der Verbände und Vereine hineingewirkt, schließlich manches bornierte Oberstübchen vom Mehrwert einer neuen Planungskultur von Stadt und Land, Peripherie und Zentrum überzeugen können.

Eine solche Kultur hat in den Chefetagen, Hinterzimmern und Oberstübchen Hessens nicht recht Widerhall gefunden. Und so blieben Stadtplaner wie Jochem Jourdan oder Albert Speer isoliert, die, bei aller Fixierung auf Leuchtturmprojekte (hier etwa in der Tradition der Darmstädter Mathildenhöhe), die Ultima Ratio einer IBA in einer Modernisierung der Institutionen und Körperschaften, der Strukturen in Verbänden, Parteien und Verwaltung sahen.

IBA-Politik ist Krisensteuerung, institutionalisierte Krisenpolitik. Daran gemessen waren sie in Hessen ungemein schlecht beraten. So investiert etwa die IBA in Sachsen-Anhalt, und das Bundesland ist zweifellos ein Meltingpot der Krise, in eine Neuorientierung der ökonomischen, ökologischen und politischen Infrastruktur. In Hamburg dagegen werden mit der IBA insbesondere enorme Anstrengungen des Stadtmarketings ins Werk gesetzt, Leuchttürme, Leuchttürme, Leuchttürme angesichts der Städtekonkurrenz.

All diese durch periodische und strukturelle Krisen gesättigten Perspektiven, von Sachsen-Anhalt über Hamburg bis zum Ruhrgebiet, wurden in Hessen ignoriert. Sie stehen hier nicht auf der Tagesordnung und dabei handelt es sich nicht nur um die Agenda im Wiesbadener Wirtschaftsausschuss.

Autor:  Christian Thomas
Datum:  8 | 7 | 2009
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