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Interview David Attenborough: Der Wurm in der Träne des Nilpferds

Es geht dabei um eine Geisteshaltung, die vom Alten Testament vererbt wurde. Aber sogar das hängt davon ab, wie man den Text des Alten Testaments übersetzt. Es ist darin davon die Rede, dass der Mensch die Herrschaft über den Rest der Erde haben soll. Das kann natürlich in verschiedener Weise interpretiert werden. Die Art, in der es gedeutet wurde, besagt, dass wir die Erde benutzen können wie auch immer wir wollen.

Was ist die Folge?

Das, was wir rund um uns sehen. Wir haben sehr viel Natur zerstört, um Platz für uns selbst zu machen.

Haben Sie je an Gott geglaubt?

Nein, auf diesen Gedanken bin ich nie gekommen.

Darwin hingegen war anfangs sehr gläubig.

Er ist ja auch als Christ erzogen worden.

Sie nicht?

Nein. Ich musste mich aber auch gegen nichts auflehnen, weil meine Eltern mir überhaupt keine Vorgaben machten.

Erinnern Sie sich daran, wann in Ihrer Kindheit Ihr Interesse an der Natur begonnen hat?

Meiner Ansicht nach entwickelt jedes Kind ab dem Alter von vier oder fünf ein Interesse an der Natur und an anderen Lebewesen. Ich war da nicht anders. Wenn wir älter werden, kommt es vor, dass wir dieses Interesse aus den Augen verlieren. Die, denen das passiert, versäumen allerdings einige der größten und tiefsten Vergnügen, die die Welt zu bieten hat. Ich bin sehr glücklich, dass mir das nicht passiert ist.

Welcher Bereich der Natur hat Sie als Kind am meisten beschäftigt?

Fossilien. Ich habe Fossilien gesammelt und hatte Bücher darüber. Die Grundprinzipien der Fossiliensammlerei sind sehr einfach. Jedes Kind kann das verstehen.

Ihr älterer Bruder, Richard Attenborough, ist Regisseur und Schauspieler. Es scheint, er hat sich für die Menschenbeobachtung entschieden und Sie für die Naturbeobachtung?

So könnte man das sagen, ja.

Sind Ihre Methoden ähnlich?

Vollkommen verschieden. Er setzt Schauspieler ein, ich arbeite mit den tatsächlichen Dingen der Natur. Er erfindet Geschichten, während ich Geschichten filme, denen ich in der Wirklichkeit begegne. Er sagt Schauspielern, was sie tun sollen. Ich hingegen beobachte Tiere einfach; schon allein deswegen, weil ich Ihnen nicht sagen kann, was sie tun sollen.

Als Autor und Präsentator von Hunderten TV-Naturdokus haben Sie vermutlich mehr Weltgegenden und Lebewesen gesehen als jeder andere von uns. Haben Sie daraus so etwas wie eine große Lebens-Lektion gezogen?

Keine Lektion, eher Verständnis dafür, wie die Welt funktioniert, wie Pflanzen und Tiere interagieren. Das habe ich gelernt. Deshalb bin ich auch überzeugt, dass wir vor allem Lebensräume und nicht einzelne Arten schützen müssen.

Gibt es Tiere, die Sie noch nicht gesehen haben, die auf Ihrer Wunschliste ganz oben stehen?

Ja, zum Beispiel einen sehr interessanten, kleinen Affen, der in Südwest-China lebt. Er hat ein blaues Gesicht und eine rote Nase. Er heißt blaugesichtiger Schneeaffe. Außerdem würde ich gerne den Langnasen-Ameisenigel aus Neuguinea sehen. Das ist ein sehr primitives Säugetier, das Eier legt und aussieht wie ein Igel, der einen halben Meter lang ist.

Welche Landschaften fehlen Ihnen noch auf Ihrer Liste?

Zentralasien. Ich habe die Wüste Gobi noch nicht gesehen.

Und wohin führt Ihre nächste Reise?

Zum Südpol. Wir drehen eine kleine Serie über die "Frozen World".

Sie haben im Vorjahr bekannt gegeben, dass "Life in Cold Blood" ("Kaltblütig") - die gerade auf Arte gezeigte mehrteilige Serie über Reptilien und Amphibien - Ihre letzte große TV-Serie sein würde. Warum das?

Eine große TV-Serie ist ein Drei- oder Vierjahresprojekt. Wenn Sie der Verantwortliche eines TV-Senders sind - und ich weiß, wovon ich spreche, ich war TV-Controller bei der BBC - und jemand kommt daher und sagt Ihnen: "Ich habe da eine wunderbare Idee für eine 13-teilige Natur-Doku. Das kostet Sie zehn Millionen Pfund, und wenn die Serie fertig ist, bin ich 86 Jahre alt." Was würden Sie dazu sagen? Also mache ich nur mehr kleinere, kürzere Programme.

Anfang Mai sind Sie 83 geworden. Wird die Reise in die Antarktis anstrengend für Sie?

Wenn Sie einen gealterten Sendungs-Präsentator haben, gibt es immer auch ein Back-up-Team von hart gesottenen, jungen Männern mit behaarter Brust und ärmellosen Muskelshirts. Verliert der Präsentator auf einem Antarktis-Gletscher einen seiner Handschuhe, haben sie sicher einen Ersatzhandschuh für ihn dabei.

Welche Erkenntnisse in die Natur haben Sie wirklich überrascht?

Wenn man mit der Natur zu tun hat, kann man an jedem einzelnen Wochentag einer Überraschung begegnen. Es gibt tausende Überraschungen, zum Beispiel, dass es einen Wurm gibt, der nur in den Tränen von Nilpferden lebt.

Lange Zeit waren Sie für Ihre Diplomatie bekannt, für Ihre Neigung, Kontroversen aus dem Weg zu gehen. Inzwischen sind sie deutlich dezidierter geworden - etwa in Bezug auf den Kreationismus oder den Klimawandel. Stimmt dieser Eindruck?

Bis zu einem gewissen Grad war ich immer der Meinung, dass es mein Job sei, so objektiv wie irgend möglich zu sein. Ich mache sehr objektive Filme, und möchte die Welt zeigen, wie sie ist. Ich mache keine Propaganda. Deshalb habe ich so lange keine Filme über den Klimawandel gemacht wie ich mir nicht ganz sicher war, dass er ein Faktum ist.

Sind Sie pessimistisch, was die Zukunft des Planeten angeht?

Der Klimawandel wird unser Leben auf der Erde zum Schlechteren verändern. Es wird zweifellos weniger angenehm werden.

Ist es zu spät, diesen Prozess rückgängig zu machen?

Es ist nur zu spät zu verhindern, dass sich der Prozess des Klimawandels fortsetzt. Aber je mehr wir dagegen tun, desto weniger schlimm wird es sein. Dass es schlechter wird, steht außer Frage. Wenn wir aber nichts tun, wird es nur noch schlechter.

Interview: Julia Kospach

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Datum:  12 | 5 | 2009
Seiten:  1 2
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