Wahrscheinlich berufen sie sich weniger auf die Verfassung als auf das, was Sie "Missachtungserfahrungen" nennen.
So war es ja meist in der Geschichte. Die Menschen fordern in den seltensten Fällen zunächst etwas Positives. Am Anfang steht meist die Ablehnung eines unerträglichen oder doch jedenfalls vehement abgelehnten Zustandes. Wer die Erfahrung von Missachtung macht, wer erlebt, wie systematisch über ihn hinweggeblickt wird, der fordert, dass damit Schluss ist. Er fordert Anerkennung, Respekt, Wahrnehmung.
1952 erschien der großartige Roman von Ralph Ellison "Invisible Man", auf Deutsch bei Rowohlt veröffentlicht. Er schildert unvergesslich diese Erfahrung des Nicht-Wahrgenommen-Werdens, des Verleugnet-Werdens, also des Nicht-Anerkannt-Werdens. Das ist ein einziges Missachtungsprotokoll. Auf mehr als 400 Seiten. Respekt war einer der zentralen Begriffe der Schwarzenbewegung in den USA. Sie klagten ihn ein mit Berufung auf die amerikanische Verfassung.
So einfach war das aber nicht immer. Am Anfang der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung steht der Satz: All men are created equal, alle Menschen sind gleich geschaffen. Die Autoren dieser Verfassung hatten Ehefrauen und hielten Sklaven. Denen die Freiheit, ein Stimmrecht zu geben, kam ihnen nicht in den Sinn. Menschen - das waren erwachsene, weiße Männer. Und niemand sonst.
Ja, sie haben die anderen nicht wahrgenommen, wirklich nicht gesehen. Nur darum konnten sie sagen: "all men are created equal". Das wiederum erlaubte den Ausgeschlossenen gegen ihren Ausschluss zu klagen. Das ist die Dynamik der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Und natürlich auch der Frauenbewegung. Die amerikanischen Verfassungsgründer waren sich nicht klar darüber, dass sie jemanden ausschließen. Gerade dadurch konnten sie ein universalistisches Versprechen formulieren.
Wenn ich im Fernsehen einen dieser großmäuligen jungen Männer Respekt einklagen höre, denke ich auch: Den hatte ich nicht im Auge als ich vom "mehr Demokratie wagen" schwärmte.
Aber er klagt nur ein, was sein gutes Recht ist. Wir haben allen Grund, an diesem Recht festzuhalten. Das können wir nur, wenn wir dafür sorgen, dass es auch für ihn gilt.
Wir müssen also vor allem dafür sorgen, dass die, die hier leben oder wohnen, rechtlich gleichgestellt sind.
Ganz sicher. Man darf über dieser rechtlichen Seite aber nicht die anderen Formen des Kampfes um Anerkennung vernachlässigen. Zum Beispiel der Kampf der Frauen um die gesellschaftliche Anerkennung der Hausarbeit. Das scheint mir nicht ein Kampf um einen rechtlichen Status, sondern um gesellschaftliche Wertschätzung zu sein.
Der Kampf um Anerkennung kann doch auch um eine Neudefinition dessen gehen, was bezahlte und was unbezahlte Arbeit ist.
Ein Großteil der Kämpfe auch der Arbeiterbewegung der letzten dreihundert Jahre war ein Kampf genau darum. Es ging darum, was als gesellschaftlich wertvolle Arbeit anerkannt wird. Die Grundschullehrer zum Beispiel mögen noch immer zu schlecht bezahlt sein, aber so arm wie Jean Pauls Schulmeisterlein Wutz ist keiner mehr. Da hat die Gesellschaft sich zur Anerkennung eines missachteten Standes entschieden.
Auch in der Liebe kann man um das kämpfen, was die Anerkennungsform der Liebe impliziert. In den vergangenen drei Jahrhunderten wurden die Kämpfe um Anerkennung nicht nur auf den Straßen und in den Gerichtssälen geführt, sondern auch in Kinder- und Schlafzimmern. Dass der Andere - die Ehefrau, das Kind - nicht nur als ausführendes Organ der Anweisungen des Familienvaters existiert, sondern als ein Wesen nicht nur mit eigenen Bedürfnissen, sondern auch mit dem Recht auf diese Bedürfnisse, mit dem Recht auf einen eigenen Willen, bricht sich doch erst langsam Bahn.
Gibt es heute mehr Kampf um Anerkennung als früher?
So pauschal lässt sich dazu weder Ja noch Nein sagen. Kämpfe um Anerkennung hat es immer und überall gegeben. Nur ein Bruchteil davon gelangt in unsere Geschichtsbücher. Was mir aber tatsächlich als neu erscheint, ist die Situation in den Medien. Wer da alles zu jeder Tages- und Nachtzeit seine Wunden ausstellt, um Aufmerksamkeit, Respekt und Anerkennung zu erlangen! Das scheint mir wirklich eine neue Qualität zu haben.
Könnte das nicht damit zusammenhängen, dass gerade dadurch, dass wir jetzt wirklich alle vor dem Gesetz gleich sind - eine richtige, ja notwendige Entwicklung -, unklar geworden ist, wodurch ein Mensch sich auszeichnet, was ihn zu einem Subjekt macht? Findet nicht im Augenblick weniger ein Kampf um Anerkennung als vielmehr um die Neudefinition dessen, was ein Mensch ist, statt?
Besteht nicht eine starke Tendenz dahin, die Anerkennungsstandards zu verunklaren? Was ist heute Leistung. Es gibt doch die absurdesten Auseinandersetzungen darüber, was Leistung ist, was gar die Leistungsträger sind. Sie ist offenbar zentral wichtig, denn keiner stellt sich hin und sagt: Leistung? Nein ich leiste nichts, aber ich bin trotzdem Millionär, und der Staat soll gefälligst die Finger von meinem Vermögen lassen. Jeder scheint doch fest davon überzeugt zu sein, dass er sich als Leistungsträger darstellen muss, um gesellschaftlich anerkannt zu werden. Was aber Leistung ist, wird in dieser Auseinandersetzung immer unklarer.
Eine Krisen-, eine Übergangserscheinung?
Sicher ist einer der Gründe der Übergang von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Die alten Qualifikationsstandards gelten nicht mehr. Es ging um Fertigkeiten, um die Fähigkeit etwas zu fertigen, herzustellen. Heute spielen nur schwer messbare kommunikative Talente eine viel größere Rolle als Wissen und Geschicklichkeit. Was unter diesen veränderten Bedingungen Leistung ist, wissen wir nicht. Wir kommen aber ohne die Kategorie Leistung nicht aus. Sie soll die Verteilung des sozialen Status rechtfertigen. Wir können ja nicht Gewalt und Zufall akzeptieren, es soll vielmehr eine legitime, normativ akzeptierte Ordnung herrschen. Darum brauchen wir ein Kriterium. Also halten wir am Prinzip Leistung fest.
Interview: Arno Widmann