Vor zwanzig Jahren hielten Sie Ihre Antrittsvorlesung an der Frankfurter Universität. Thema war "Integrität und Missachtung - Moral der Anerkennung". Zwei Jahre später erschien bei Suhrkamp Ihr Buch "Kampf um Anerkennung". Damals betrachtete ich Ihren Einsatz für das Thema mit skeptischen Blicken. Ich dachte: Da will einer die weiche Währung der Anerkennung eintauschen gegen das Hartgeld von Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung. Inzwischen hat das Thema Hochkonjunktur. Kein türkischer Jugendlicher verzichtet heute darauf, "Respekt" einzufordern.
Ich habe die Kämpfe um Lohn und Arbeitszeit und Arbeitsplatzsicherheit immer als Teil des Kampfes um Anerkennung betrachtet. Ich wollte nie das eine gegen das andere ausspielen, geschweige denn austauschen. Es gibt die von Ihnen beschriebenen Tendenzen, zwischen den gewissermaßen symbolischen und den materiellen Werten zu unterscheiden. Mich interessiert gerade der Zusammenhang.
Axel Honneth, geboren am 18. Juli 1949 in Essen, ist neben Jürgen Habermas der wichtigste Vertreter der "Frankfurter Schule". Der Sozialphilosoph ist seit 2001 geschäftsführender Direktor des von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in den 1950er Jahren neubegründeten Instituts für Sozialforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Literatur: "Kampf um Anerkennung" (1992) sowie zuletzt "Das Andere der Gerechtigkeit" (2000) und "Bob Dylan. Ein Kongress" (2007, alle Suhrkamp). (fr)
Der Ausgangspunkt für meine Überlegungen zum Thema Anerkennung war nicht Hegels Idee davon, sondern die Ergebnisse der damals neueren Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung hatten mich auf das Thema gebracht. Edward Palmer Thompsons "The Making of the English Working Class" aus dem Jahre 1963 hatte mich beeindruckt. Da war die Arbeiterbewegung nicht nur Kampf um materielle Interessen, sondern um Anerkennung kollektiver Selbstachtung.
Es ging um Ehre und Respekt mindestens so sehr wie um den Achtstundentag. Ein anderes Motiv war, dem Begriff des Kampfes wieder einen Inhalt zu geben. Foucault verwendete ihn damals gerne, ohne dass man recht wusste, worum die Individuen kämpften, wenn sie denn um mehr als nur um die jeweils einzelnen Ziele kämpften.
Als wir heranwuchsen, hörten wir doch das Wort Anerkennung vor allem als die Frage nach der Anerkennung der DDR? Mehr noch als in der Wendung "das musst Du aber anerkennen!"
Das sind ganz verschiedene Begriffe von Anerkennung. Das eine ist der der rechtlichen Anerkennung zwischen Staaten. Bei der zweiten Wendung geht es darum, dass man etwas doch erst einmal als Tatsache anerkennen muss. Bei Freud spielt eine große Rolle, dass der Patient dazu gebracht werden muss, die Realitäten zu sehen, die er leugnen möchte.
Bei dem, was ich mit Anerkennung meine, geht es weder um die gegenseitige rechtliche Anerkennung von Staaten noch um die Anerkennung von Tatsachen. Es geht um die Anerkennung von Personen mit bestimmten normativen Ansprüchen.
Was heißt das?
Die Anerkennung, dass der Andere berechtigt ist, an mich Forderungen zu stellen. Ich muss anerkennen, dass er berücksichtigt werden muss. Ich kann nicht einfach an ihm vorbei, über ihn hinweg tun, was ich will. Das ist die Kernbedeutung. Da ist jemand, auf den ich Rücksicht zu nehmen habe.
Da geht es immer schon um mehr als nur rechtliche Regelungen. Hegel kam ja von Hölderlin. Die große Entdeckung dieser jungen Männer war, dass die Liebe als eine Form der wechselseitigen Anerkennung zu verstehen ist. Das war Hegels Ursprungserfahrung.
Liegt die eigentliche Errungenschaft aber nicht gerade in dem Verlassen dieser Ursprungserfahrung? Darin nämlich, dass ich den anderen nicht toll finden muss, um ihn anzuerkennen?
Ja, das ist, was wir heute als Anerkennung, als rechtlichen Respekt bezeichnen. Die unbedingte Anerkennung der Autonomie des Anderen. Unbedingt, also auch ohne die Voraussetzung unserer Zuneigung oder gar Liebe. Ich fände es allerdings fatal, wenn die anderen Formen der Anerkennung über dieser aus dem Blick gerieten. Für unser Selbstverständnis, für das Leben in der Gemeinschaft, für die soziale Integration haben diese anderen Dimensionen der Anerkennung mindestens eine ebenso große Bedeutung wie die rein rechtliche.
Ohne Liebe und auch ohne Wertschätzung fehlt den Gesellschaftsmitgliedern eine wesentliche Dimension des Einbezogenseins. Bei der Wertschätzung geht es ja darum, einem Anderen über die Anerkennung als ein anderes autonomes Subjekt hinaus einen Mehrwert zu geben, aufgrund bestimmter Eigenschaften oder Leistungen, die er anderen voraushat. Bei der Wertschätzung geht es also nicht um die Anerkennung unter Gleichen, sondern um die Anerkennung eines Besonderen.
Wenn ich im Fernsehen junge Männer sehe, die aufgeregt verlangen, dass ich Respekt vor ihnen haben soll, frage ich mich: Wofür? Was hast Du getan, dass ich Respekt vor Dir haben soll. Ganz abgesehen davon, dass ich noch in einer Welt aufgewachsen bin, in der die, die oben waren, von denen, auf die sie herabblickten, Respekt verlangten. Respektlos zu sein gegenüber denen, die mit der Forderung nach Respekt nichts durchsetzen wollten als ihren gesellschaftlichen Status, erschien mir nicht nur vernünftig, sondern unbedingt notwendig.
Das ist der gewissermaßen der noch vorbürgerliche Begriff des Respekts: Der der Obrigkeit unbedingt schuldige Respekt. Aber seit Kant ist der Begriff - im Deutschen - doch mit der Achtung verbunden, die ein Mensch dem anderen Menschen kategorisch schuldet. Und dabei geht es gerade nicht um den Status, ja noch nicht einmal um eine besondere Leistung. Wir wissen natürlich nicht, was die Jugendlichen genau meinen, wenn sie heute Respekt einfordern - da wäre eine empirische Untersuchung sicher interessant -, aber Recht haben sie in jedem Fall. Sie können sich jederzeit auf die Verfassung berufen.