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Islam-Debatte: In den Panikräumen der Toleranz

Was an der Diskussion über die Islamkritik verstört, sind die kämpferischen Versuche, einzelne Sprecher und ihre unterstellte Lagerzugehörigkeit zu delegitimieren. Von Harry Nutt

Prominente Islamkritikerin: Seyran Ates.
Prominente Islamkritikerin: Seyran Ates.
Foto: dpa

Voltaire war kein Freund des Islam. In einem Brief von 1740 an Friedrich II., der gerade den preußischen Thron bestiegen hatte, brachte er unumwunden seine Abneigung gegen den Religionsgründer Mohammed zum Ausdruck. Dessen Glaubensradikalismus könne kein Mensch entschuldigen, schreibt Voltaire, "es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht des Verstandes erstickt." Die affektive Geste, mit der Voltaire polemisch mit dem Propheten ins Gericht geht, ist jedoch kein Widerspruch zum berühmten Toleranz-Diktum des Philosophen, in dem es heißt: "Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst." Die Haltung der Toleranz schließt die emotionale Differenz ausdrücklich ein. Mehr noch: Die Gewährung der Meinungsfreiheit bezieht ihren hohen Wert erst aus der vorausgegangenen Verdammnis. Bloßes Meinen ist gratis.

An Reflexionen über das Wesen der Toleranz und ihre vertrackte Ambivalenz war zuletzt kein Mangel. Seit dem Al-Kaida-Schock vom 11. September 2001 stehen Fragen nach dem Verhältnis der westlichen Gesellschaftsordnungen zur islamischen Religion auf der Tagesordnung. Sie werden regelmäßig aktualisiert, wenn islamistische Anschläge die Öffentlichkeit erschüttern.

Die Tonlage der Debatte variiert, und zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, es gehe darum, eine Art begrifflichen Panicroom zu errichten. So jedenfalls konnte man hinreichend bekannte Zeitungskollegen verstehen, die das Phänomen der Islamkritik ins Visier nahmen und dabei allerorten feuilletonistische Hassprediger und andere heilige Krieger ausmachten. Namen wurden ausdrücklich genannt. Die häufigsten Nennungen erhielten die deutsch-kurdische Rechtsanwältin Seyran Ates, die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek sowie der Spiegel-Autor Henryk M. Broder. Meist reichten ein paar knackige Zitate, um zu belegen, dass die "Feinde des Islam" bereits über eine beachtliche kulturelle Hegemonie verfügen.

Wohl aus dem Gefühl heraus, in seinem Beitrag über "Unsere Hassprediger" missverstanden worden zu seinen, legt Feuilletonredakteur Thomas Steinfeld nun in der SZ von gestern noch einmal nach und fragt grundsätzlich: "Was heißt Religionskritik?" Einmal mehr bietet Steinfeld emphatische Begriffe wie Aufklärung, Toleranz und Freiheit auf, um schließlich doch seltsam apodiktische Diskursregeln aufzustellen. Von den Kritikern des Islam sei zu erwarten, "dass sie endlich offenlegen, wie sie mit dem Islam in Deutschland umgehen wollen, sie haben zu zeigen, wie sie mit wem reden, wie sie mit wem umgehen wollen. (...) Solange sie das nicht tun", schließt Steinfeld, "muss man annehmen, dass sie den Islam gar nicht kritiseren wollen, sondern vertreiben."

Es ist gewiss nicht so, dass in der Feuilletondebatte der letzten Wochen nicht das eine oder andere gute Argument zur Orientierung im gesellschaftlich-religiösen Diskurs gefallen wäre. Was verstört, sind vielmehr die kämpferischen Versuche, einzelne Sprecher und ihre unterstellte Lagerzugehörigkeit zu delegitimieren. So schlug dem Berliner Historiker Wolfgang Benz jüngst erbitterter Zorn entgegen, nachdem er Anti-Islamismus mit Antisemitismus verglichen hatte. Dabei ist der Vergleich von historischen Konstellationen, in denen Stigmatisierung entsteht, genau die Disziplin, mit der Antisemitismusforscher Benz seine wissenschaftliche Reputation erworben hat.

Necla Kelek und Seyran Ates wiederum werden meist in einem Atemzug genannt, obwohl ihre Geschichten und ihre Wege zur Autorschaft höchst unterschiedlich verlaufen sind. Rechtsanwältin Ates wurde erst zur Autorin, nachdem sie vom Ehemann einer Mandantin angeschossen worden war und sie glaubte, ihre anwaltliche Zulassung zurückgeben zu müssen. Die Angst der Rechtsanwältin Ates hat die Autorin Ates schließlich überwunden. Man muss ihre Ansichten vom radikalen Scheitern des Multikulturalismus nicht vollständig teilen, um in ihr eine bedeutende Sprecherin einer noch viel zu wenig von lebenspraktischen Erfahrungen durchdrungenen Debatte zu erkennen.

In dem heftigen Streit, den religöse Zeichen wie Kreuz, Kopftuch oder Burka auslösen, sieht der Religionssoziologe José Casanova den Wettstreit zweier sakraler Prinzipien. Die wichtigste Herausforderung bestehe darin zu lernen, worin das Sakrale der jeweiligen Gruppe bestehe. Von Verboten und Diskursvorschriften hält Casanova wenig. "Es ist vielmehr eine Frage des Respekts. Anstelle der Zensur wird es in modernen Gesellschaften auf souveräne Formen der Selbstbeschränkungen ankommen." Die wären in der gegenwärtigen Debatte ebenfalls hilfreich.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  2 | 2 | 2010
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