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Israel: Mauer. Ein Monolog

Verlassenheit und Zerfall

Nablus, ein Handelszentrum, in dem kein Handel mehr betrieben werden kann, weil niemand mehr hinein darf. Aber hier sind wir und laufen durch die grauen Steinarkaden und die unzähligen Gassen der Markthallen. Man könnte glauben, in Marrakesch zu sein: üppige Auslagen von Fleisch und frischem Obst, Fliegen, Schirme und Kleidungsstücke, Parfüms und Gewürze, streunende Hunde und Kinder. 80 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Es gibt also wenig Kunden, und alles ist um die Hälfte billiger als in Jerusalem.

Jetzt kommen wir zu dem angeblich besten Café in der Mitte des Marktes. Die Wände bestehen aus brüchigem Glas und morschen Holzbänken und säumen einen sonnigen Innenhof. Das Sheikh Quasim Café war einst ein angesagter Treffpunkt, wo alle hingingen. Jetzt sind nur fünf der 400 Holzstühle besetzt. Es sieht aus wie ein Filmset, eine Theaterdekoration, die versucht, eine düster-romantische Atmosphäre von Verlassenheit und Zerfall zu kreieren.

Wir fahren zurück. Am Checkpoint ist der israelische Soldat natürlich stocksauer. "Wie sind Sie hineingekommen? Sie dürfen da gar nicht rein, das wissen Sie!" "Wir haben einen Weg hinein gefunden." Das genau ist der Punkt. Wir haben einen Weg hinein gefunden. Das ist es, was die Israelis nicht verstehen wollen. Professor Neill Lochery von der Universität in London, Autor des Buches "Why Blame Israel", betrachtet den Sicherheitszaun als einen Fehler. "Jetzt schon", so sagt er, "ist die Mauer ein Relikt vergangener Zeiten." Denn schon vor ihrer Fertigstellung haben die Feinde Israels ihre Strategie geändert. Sie haben sich von Selbstmordattentaten auf das Abfeuern von Kassam-Raketen verlegt, die auch im Westjordanland, wie schon in Gaza, himmelhoch über die Mauer fliegen können, mit nichts als Zucker und Kaliumnitrat. In Zukunft werden die Kämpfe in der Luft ausgetragen, meint Lochery. Mit anderen Worten: Wenn man eine Sperre aufbaut, werden die Leute einfach außen herum gehen oder in diesem Fall oben drüber. Neue Ideen sind schnell veraltet.

Wir fahren jetzt nach Ramallah ein, wo die Mauer mit Graffiti bedeckt ist. Oh ja, hier wird ein Bezug hergestellt, und zwar mit Spraydosen und Plakatfarben, so dass jeder Besucher sofort denkt: "Ah, Berlin!"

Am nächsten Tag bin ich in Jerusalem und spreche mit David Grossman, dem israelischen Schriftsteller, dessen Sohn Yuri am letzten Tag des Libanon-Krieges getötet wurde. In seinem Haus herrscht noch immer Trauer.

"Als der Staat gegründet wurde, gab es natürlich ein klares Ziel; es ging darum, gemeinsam etwas von Dauer zu erschaffen. Aber 1967 haben wir unsere Chance vertan. Statt die eroberten Gebiete als Druckmittel in Verhandlungen zu nutzen, sind wir süchtig nach Okkupation geworden. Wenn ein Volk so viel gelitten hat wie unseres, ist es kein schlechtes Gefühl, einmal die Macht zu haben. Und nach diesem Gefühl sind wir süchtig geworden, so wie nach Drogen.

Jetzt können wir uns gar keine andere Realität mehr vorstellen. Man gewöhnt sich daran und glaubt, nur noch so leben zu können. Und auf diese Weise wird man wieder zum Opfer der Situation. Darin liegt das zentrale Paradoxon, denn das Ziel von Israel war es schließlich, uns nie wieder zu Opfern werden zu lassen. Doch stattdessen legen wir unser Schicksal in die Hände der Sicherheitskräfte und erlauben dem Militär, unser Land zu führen, weil wir keine politische Führungsklasse haben, der etwas Besseres einfällt. Der Überlebenskampf ist unsere einzige Realität. Wir leben, um zu überleben, und das ist kein Leben.

Ich will endlich anfangen zu leben. Ich will Tore in der Mauer.

Übersetzung: Andrian Widmann

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Autor:  David Hare
Datum:  31 | 8 | 2009
Seiten:  1 2 3
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