Na schön. Dann wollen wir doch mal ernsthaft über die Sache nachdenken.
Ich bitte Sie inständig: Stellen Sie sich das mal vor! Wie verzweifelt müssen diese Leute sein? Ein Land hat den Punkt erreicht, an dem 84 Prozent der Bevölkerung dafür sind, die Landesgrenzen mit einer Mauer zu sichern.
David Hare schreibt Theaterstücke und Drehbücher. Zu seinen Werken zählen die Stücke "Via Dolorosa", "Stuff Happens", "Zeitfenster" und "Gethsemane". Der vorliegende Text ist die Bearbeitung eines Monologes, der vom Autor am 12. März 2009 im Royal Court Theater in London uraufgeführt wurde.
Wann haben Sie das letzte Mal davon gehört, dass 84 Prozent eines Volkes sich über etwas einig waren? Und jetzt haben sich über vier Fünftel einer Nation - das ist doch eine unvorstellbare Zahl - für etwas entschieden, das man nur als bizarr bezeichnen kann. Die Berliner Mauer wurde gebaut, damit niemand raus konnte; die Mauer um Israel wird gebaut - so heißt es - damit niemand rein kann.
Man könnte das als einen außergewöhnlichen Zustand bezeichnen; jedenfalls ist er nicht normal. Und das ist ein Wort, das man im Nahen Osten ständig hört: "Normal". Die Palästinenser fragen: "Wann werden wir endlich wieder ein normales Leben führen?" Und dasselbe fragen sich die Israelis. Der israelische Staat wurde 1948 gegründet und sollte vor allem ein ganz normales Land wie jedes andere sein. Und jetzt, 60 Jahre später, glaubt die Mehrheit der Israelis, dass ihr Land eine Mauer braucht.
Nur dass sie es nicht Mauer nennen. Sie nennen es Zaun.
Wörter werden zu Abzeichen; an ihnen kann man erkennen, auf welcher Seite jemand steht. Die Israelis sagen gader ha´harfrada, was "Separations-Zaun" bedeutet. Die Palästinenser haben eine etwas andere Bezeichnung. Sie nennen den Zaun jidar al-fasl al-´unsuri, was soviel heißt wie "Rassentrennungs-Mauer".
Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich diese oder jene Bezeichnung verwende. Ich ergreife nicht Partei, und ich habe Bekanntschaften auf beiden Seiten des Zauns und auf beiden Seiten der Mauer.
Am 1. Juni 2001, neun Monate nach Beginn der zweiten Intifada, überschritt ein palästinensischer Selbstmordattentäter die Grenze vom Westjordanland nach Israel und zündete in einer Diskothek am Strand von Tel Aviv seinen Bombengürtel. 21 Zivilisten, die meisten davon Schüler, kamen ums Leben. Weitere 132 Menschen wurden verletzt. Das Massaker rief eine Bewegung ins Leben, die sich für den Bau einer Absperranlage einsetzte. Ihr Hauptargument war das gleiche, das Ministerpräsident Jitzchak Rabin schon zehn Jahre zuvor angeführt hatte, nämlich dass man das Land nur vor Terroristen schützen könne, indem man die Grenzen zu den Palästinensergebieten abriegele und so mögliche Konfliktherde zwischen den beiden Seiten verhindere. Wobei die Separation keineswegs eine nur militärische Strategie sein sollte. Bevor Rabin von einem israelischen Landsmann ermordet wurde, hatte er noch klargemacht, worauf es ihm wirklich ankam: "Die Separation muss für uns ein Lebenskonzept sein."
Da haben wir es. Nicht nur einfach eine Mauer. Eine Mauer wäre eine Tatsache. Diese Mauer jedoch ist eine Philosophie oder, wie ein Beobachter es ausdrückte, "ein politischer Schachzug, um den Laden dicht zu machen".
Der Bau begann im Jahr 2002. Ursprünglich waren 782 Kilometern geplant, die gesamte Länge von Israels Ostgrenze. Man schätzt, dass die Fertigstellung Ende 2010 erfolgen wird. Die Sperranlage besteht aus Schützengräben, elektrischen Zäunen mit Stacheldraht, Wachtürmen, Betonblöcken und asphaltierten Patrouillenwegen und kostet etwa 1,5 Millionen Euro pro Kilometer. An die 30 Hektar Gewächshausfläche und 37 Kilometer Bewässerungsrohre sind auf der palästinensischen Seite bereits zerstört worden. 1500 Hektar des Palästinensergebietes wurden konfisziert. An manchen Stellen verläuft die Mauer nur wenige Meter von palästinensischen Dörfern entfernt. 102000 Bäume sind bis jetzt schon gefällt worden.
Von Anfang an war der genaue Verlauf umstritten. Die offensichtliche Route verliefe entlang der internationalen Grenze, die 1949 zwischen Israel und Jordanien eingerichtet wurde und von beiden Seiten als die "Grüne Linie" bezeichnet wird. Aber jetzt liegen 85 Prozent des geplanten Verlaufs im Innern des Westjordanlandes. Der Zaun schlängelt sich im Zickzack und verläuft an einigen Stellen nur 200 Meter östlich der Grünen Line, geht dafür aber an anderen Stellen bis zu 22 Kilometer in das besetzte Gebiet, um dort israelische Siedlungen zu schützen. Manchmal umschließt er fruchtbare palästinensische Agrargebiete und Brunnen, so dass palästinensischen Bauern der Zugang zu ihren Feldern abgeschnitten wird. Etwa 140.200 israelische Siedler werden zwischen dem Zaun und der Grünen Linie leben, und 93.000 Palästinenser werden sich plötzlich auf der falschen Seite der Mauer befinden.
Deswegen wird der Zaun von seinen Gegnern nicht als das gesehen, was er angeblich sein soll - eine Sicherheitsmaßnahme - sondern als Landraub, als der Versuch (genau wie die stetige Erweiterung der israelischen Stadtteile von Jerusalem), die bestehenden Verhältnisse zugunsten der eigenen Interessen zu verändern.
Selbst die eifrigsten Verfechter des Zaunes räumen ein, dass dieser, genau wie die Blockade des Gaza-Streifens, eine sehr große Unannehmlichkeit für die Palästinenser darstellt. Aber sie argumentieren, dass die missliche Lage der Palästinenser vorübergehend und verschmerzbar, der Tod von Israelis durch Terrorangriffe aber ein bleibender und irreversibler Schaden sei. Der internationale Gerichtshof in Den Haag vertritt eine andere Auffassung. Am 9. Juli 2004 erging folgende Verfügung: "...der von der Besatzermacht Israel angestrebte Mauerbau in den besetzten palästinensischen Gebieten ... verstößt gegen internationales Recht. Israel muss ... den Bau sofort einstellen ... und die bereits gebauten Abschnitte unverzüglich wieder entfernen..."