Es mag am Alters-Pessimismus oder an der Klarsicht, die man mit der Zeit entwickelt, liegen, jedenfalls reagierte ich mit einer gewissen zögerlichen Skepsis, als die italienische Zeitschrift L´Espresso bei mir anfragte, ob ich einen Artikel zur Verteidigung der Pressefreiheit in Italien schreiben wolle.
Wenn die Pressefreiheit einen Fürsprecher benötigt, dann heißt das nichts Gutes im Bezug auf die Gesellschaft und deren Presse. In einer gesunden Demokratie muss man die Pressefreiheit nicht verteidigen, da niemand im Traum daran denken würde, sie einzuschränken. Das ist der erste von vielen Gründen für meine Skepsis.
Umberto Eco
geboren 1932 im italienischen Alessandria, wurde durch seine Bestseller "Baudolino", "Der Name der Rose" und "Das Foucaultsche Pendel" bekannt. Er ist auch der Autor des Buches "Die Kunst des Bücherliebens", das im Februar bei Hanser herauskam. Bis zum Jahre 2007 war Umberto Eco Professor für Semiotik an der Universität von Bologna. Bis heute ist er einer der tonangebenden Intellektuellen Italiens.
Im Oktober erscheint Ecos neues Buch "Die unendliche Liste" - ein illustrierter Band zur großen Louvre-Ausstellung gleichen Namens - in einer Übersetzung von Barbara Kleiner im Hanser-Verlag, 408 Seiten, 39,90 Euro.
In Italien ist nicht nur Ministerpräsident Silvio Berlusconi ein Problem. Angefangen mit dem römischen Politiker Catilina, hat die Nation eine lange Reihe von charismatischen Draufgängern ertragen müssen, denen die Staatsbelange längst nicht so am Herzen lagen wie ihre persönlichen Bedürfnisse.
Jeder von ihnen hat seine persönlichen Machtstrukturen rücksichtslos ausgebaut und dabei Parlament, Justiz und Verfassung mit Füßen getreten. Begünstigt werden ihre Höflinge, und hin und wieder fallen ein paar Brocken für die Kurtisanen ab. Mein Artikel würde von denen gelesen, die die Gefahr kennen - und nichts unternehmen. Dünkelhaft wird dabei das Allgemeinwohl mit den persönlichen Interessen gleichgesetzt. Nicht immer können sie ihre Macht so weit ausbauen, wie sie es gerne hätten, weil die Gesellschaft sie daran hindert.
Aber wenn es ihnen doch gelingt, warum sollten wir uns über sie beschweren und nicht über die Gesellschaft, die es zulässt, dass diese Männer es so weit bringen?Meine Mutter erzählte mir eine Geschichte, die ich nie vergessen werde: Mit 20 bekam sie eine Stelle als Sekretärin bei einem liberalen Parlamentsabgeordneten - und ich betone hierbei "liberal". Am Tag nach Mussolinis Machtergreifung sagte ihr Arbeitgeber: "Vielleicht gelingt es diesem Mann, in Italien für ein wenig Ordnung zu sorgen." In jener krisengeschüttelten Zeit war die Haltung dieses liberalen Parlamentariers sehr verbreitet.
Der Faschismus wurde nicht von Mussolini allein etabliert, sondern konnte sich ausbreiten durch die Nachgiebigkeit und Trägheit von Leuten wie dem Chef meiner Mutter. Deswegen hat es keinen Sinn, sich auf Berlusconi zu versteifen, der sozusagen lediglich seinen Geschäften nachgeht. Es ist die Mehrheit des italienischen Volkes, die es versäumt hat, Protest einzulegen gegen die Interessenkonflikte ihrer Politiker, gegen die Bürgerwehr-Patrouillen in den Straßen, gegen die Verabschiedung des Alfano-Gesetzes, das den vier obersten Repräsentanten des Staates während ihrer Amtszeit Immunität vor Strafverfolgung gewährt; und es ist das italienische Volk, das eine (vorläufige) Beschneidung der Pressefreiheit ruhig akzeptiert hätte, wenn der Staatspräsident nicht die Augenbrauen hochgezogen hätte.
Wenn sich die Katholische Kirche nicht auch noch in die öffentliche Diskussion eingemischt hätte, dann hätte die Nation ohne Zögern, ja wahrscheinlich sogar mit einer gewissen heimlichen Komplizenschaft die Tatsache akzeptiert, dass Berlusconi die Dienste Prostituierter in Anspruch nimmt. Allerdings wird das sowieso bald vergessen sein, da viele Italiener, sogar die gläubigen Katholiken, gelegentlich dasselbe tun.
Warum sollte ich also über diese Besorgnis erregenden Umstände einen Artikel schreiben, den eine Zeitung bezahlen muss? Der Artikel würde von denen gelesen werden, denen die Gefahren für die Demokratie bekannt ist, die aber bereit sind, einen solchen Zustand zu akzeptieren, solange sie ihre tägliche Dosis an Dokusoaps im Fernsehen bekommen - die gleichen Leute also, die im Grunde herzlich wenig über solche Politiker-Sex-Skandale wissen, da Berlusconi fast alle italienischen Fernsehsender unter seiner Kontrolle hat und so über die meisten dieser Skandale gar nicht erst berichtet wird.
Warum also die Mühe? Der Grund ist klar. 1931 zwang die faschistische Regierung alle Universitätsprofessoren Italiens - damals 1200 an der Zahl - einen Treue-Eid auf das Regime abzulegen. Nur zwölf von ihnen (also ein Prozent) weigerten sich und verloren ihre Stellung. Manchmal wird auch von vierzehn Verweigerern gesprochen, und dass die Erinnerung so ungenau ist, zeigt, wie wenig Bedeutung der Sache damals beigemessen wurde.
Viele legten den Eid ab - vielleicht auch auf Anraten von Leuten wie dem kommunistischen Aktivisten Palmiro Togliatti oder dem Philosophen Benedetto Croce - um weiter unterrichten zu können, und einige wurden später in der Nachkriegszeit auch zu wichtigen Figuren der antifaschistischen Bewegung. Vielleicht hatten die 1188, die den Eid ablegten, ihre guten und durchaus ehrbaren Gründe, aber die zwölf, die sich weigerten, retteten die Ehre der Universität und ganz bestimmt die des Landes. Deswegen müssen wir uns manchmal weigern, auch wenn es keinen großen Einfluss hat. Wenigstens weiß dann die nachkommende Generation, dass es einige gab, die nicht mitgemacht haben.
Übersetzung: Andrian Widmann