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Jonathan Franzen in Berlin: Ein lange, langsame Party

"Sex, Literatur und die deutsche Sprache" lautete der geheimnisvolle Titel seines Vortrags: Jonathan Franzen gelang es, aus kleinen Unsicherheiten eine Charmeoffensive zu machen. Von Harry Nutt

Jonathan Franzen hat bei seinem Vortrag in Berlin besonders sein weibliches Publikum charmiert.
Jonathan Franzen hat bei seinem Vortrag in Berlin besonders sein weibliches Publikum charmiert.
Foto: bilderberg

Die Ansage ist dem Popfach entlehnt. Direkt aus New York in die Temporäre Kunsthalle Berlin. Vielleicht sind es seine schüchtern-linkischen Bewegungen, die das nachfolgende Kreischen in der Kunsthalle unterdrücken. Der Mann ist gekommen, um zu lesen.

Der Auftritt von Jonathan Franzen, dem Autor des Welterfolgs "Die Korrekturen", ist der Höhepunkt der noch bis Sonntag laufenden Tage der auswärtigen Kulturpolitik in Berlin. Die deutsche Sprache in der Welt, wie sie da hinkommt und was sie da soll: So oder ähnlich könnte man das Spektrum beschreiben, das hinter den zahlreichen Veranstaltungen zum Vorschein kommt.

Jonathan Franzen, Jahrgang 1959, hat sich früh als Adressat des Deutschen verstanden. Nicht politisch, sondern literarisch und sexuell. "Sex, Literatur und die deutsche Sprache" lautete der geheimnisvolle Titel seines Vortrags. Er sei sehr nervös, sagt Franzen.

Es ist das erste Mal, dass er eine Lesung auf Deutsch abhalte, eine Sprache, die er beinahe ausschließlich aus Büchern erlernt habe. Das erste Mal. Franzen versteht es, sein Publikum glauben zu machen, dass es einem erotischen Augenblick beiwohnt.

Der literarische Trick seines Buches "Die Unruhezone", aus dem er vortrug, besteht in der konsequenten Verknüpfung erotischer Irritationen mit der Sprache, die den jungen Studenten schließlich zu Rilke, Kafka, Goethe und Thomas Mann brachte. Literarische Initiation verläuft nicht selten über derlei Ausschlusserfahrungen. Franzen gelingt unterdessen das Kunststück, aus kleinen performativen Unsicherheiten eine überwältigende Charmeoffensive zu machen. Es waren gewiss nicht wenige Zuhörerinnen im Saal, die bereit gewesen wären, dem verlegen wirkenden Mann mittleren Alters auf der Stelle beizuspringen.

Amerikanische Vortragskunst? Alles nur gespielt? Was er denn gerade in Berlin mache, wollten einige wissen. Er arbeite gerade an einem neuen Roman und komme nicht sonderlich gut damit voran, sagte Franzen. Nein, er sei nicht darauf aus, viel zu erleben. "Wenn ich schreibe, dann bin ich sehr langweilig. Ich möchte dann einfach nur ein regelmäßiges Leben führen."

Das gehe in Berlin besonders gut, weil die Straßen und Plätze im Vergleich zu New York so schön leer seien. Berlin, sagt Franzen, ist eine lange, langsame Party. Wenn es ihn von dort forttreibt, geht der Hobby-Ornithologe ins Umland, um Vögel zu beobachten. Seine Unruhezone ist nun für eine Weile das Brandenburgische.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  23 | 4 | 2009
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