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Kambodscha: Verbrechen und Strafe

In Phnom Penh beginnen die Prozesse gegen die letzten hochrangigen Funktionäre der kambodschanischen Roten Khmer. Sie werden das Land noch auf Jahre beschäftigen. Von Jürgen Berger

Angeklagt: Ex-Staatschef Sampan.
Angeklagt: Ex-Staatschef Sampan.
Foto: AFP

Rithy Panh hat bisher keinen Verhandlungstag verpasst. Das Völkerrechtstribunal sei schon alleine deshalb von immenser Bedeutung, sagt er, weil heute aufwachsende Kambodschaner ein Recht darauf hätten, Antworten zu bekommen. Ansonsten stünden sie sprachlos vor traumatisierten Eltern und fühlten sich selbst schuldig. So würde Rithy Panh, der Regisseur, auch zu gerne eine Dokumentation über das Völkerrechtstribunal drehen, das Kambodscha nun schon so lange in Atem hält und es weiter tun wird. Er sei aber leider kein "embedded documentarist". Er müsste mit eigenen Kameras aus verschiedenen Perspektiven filmen, um die Geschichten hinter der Geschichte erzählen zu können. Er kämpft seinen Kampf mit den Behörden. Sie stellen ihm die Bilder zur Verfügung, die sie selbst drehen.

Rithy Panh spielt wegen seiner Dokumentation "S 21" und des "Bophana" eine große Rolle im Selbstfindungsprozess Kambod-schas. Dort, im "Bophana", kann man ihn auch treffen. Es ist ein Dokumentationszentrum, das er selbst im Zentrum von Pnom Penh aufgebaut hat und das alles bereithält, was es zum Terror der Roten Khmer gibt.

Waffenstarrend gegen das eigene Volk: Die Roten Khmer marschieren         1975 in Pnom Penh ein.
Waffenstarrend gegen das eigene Volk: Die Roten Khmer marschieren 1975 in Pnom Penh ein.
Foto: Scanpix

In den Jahren von 1975 bis Ende 1978 verwüstete das Regime der Roten Khmer den Agrarstaat im Herzen Indochinas und dezimierte die Bevölkerung in einem beispiellosen Autogenozid. Mindestens 1,7 Millionen Kambodschaner wurden nach offiziellen Schätzungen ermordet, zu Tode gefoltert oder starben an Entkräftung. Am 17. April 1975 marschierten die Roten Khmer in Phnom Penh ein. Massensäuberungen, Deportationen und Folterzentren gehörten zum Alltag. Vorbei war der Spuk, als vietnamesische Truppen im Dezember 1978 das Regime stürzten.

Ein Riss geht durch viele Familien

Bis heute allerdings geht ein tiefer Riss durch viele kambod-schanische Familien: Ein Sohn oder eine Tochter war Teil der Tötungsmaschinerie, andere Familienmitglieder wurden gefoltert und ermordet. Vor allem aber verläuft der Riss zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Die Führungskader der Roten Khmer, die in Paris in den angesagten Kreisen verkehrten und von Linksintellektuellen als jesuitische Avantgarde der Weltrevolution verehrt wurden, wollten in ihrer Heimat alles vernichten, was nach Bildung und Intelligenz roch.

Reiste man vor zehn Jahren durch Kambodscha, waren da nicht nur mit Landminen gepflasterte Landstriche, man betrat auch vermintes Gelände, sobald das Thema "Rote Khmer" angesprochen wurde. Inzwischen wird offener über die Vergangenheit gesprochen. Das hat mit dem Internationalen Gerichtshof vor den Toren Phnom Penhs zu tun, in dem gegen die letzten überlebenden Führungskader der Khmer Rouge verhandelt wird.

Es geht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist nicht neu, aber neu in der Geschichte Internationaler Gerichtshöfe ist, dass vor den "Außerordentlichen Kammern an den Gerichten von Kambodscha" auch Zivilkläger zugelassen sind. Das gab es weder zu Zeiten der Nürnberger Prozesse und gibt es auch nicht am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, wo gegen den bosnischen Serbenführer Radovan Karadi verhandelt wird.

Nicht zuletzt wegen dieser zivilen Nebenklagen beginnt Kambodscha jetzt zu sprechen. Überlebende wie Huy Taing oder der Traktorfahrer Chum Mey trauen sich nun zu erzählen. Er wurde zur selben Zeit wie Huy Taing in das berüchtigte Foltergefängnis S 21 im Zentrum von Phnom Penh verschleppt. Chum Mey zählt zu den wenigen, die diese Stätte des Grauens überlebt haben. Als er jetzt vor dem Internationalen Gerichtshof seine Leidensgeschichte erzählte, gab er der Vergangenheit ein Gesicht.

Verantwortlich ür den Tod Tausender

In den kommenden Monaten wird gegen Khieu Sampan verhandelt, Kambodschas Staatsoberhaupt in den Jahren des Terrors, gegen Ieng Sary und seine Ehefrau Ieng Thirith, ehemals Außenminister und Sozialministerin. Nuong Chea muss sich verantworten, graue Eminenz des Regimes und einst Stellvertreter Pol Pots. Bereits auf der Anklagebank Platz genommen hat Kain Guek Eav, den die Welt auch als Duch kennt. Er leitete das Foltergefängnis S 21 und soll für den Tod von mehr als 15000 Menschen verantwortlich sein. "Ich weiß, dass die Verbrechen, die gegen das Volk begangen wurden, sehr schwere Verbrechen waren. Deshalb bitte ich Sie mir die Möglichkeit zu geben, um Vergebung zu bitten", sagte er zu Prozessbeginn.

Rithy Panh, der Dokumentarfilmer, war dreizehn, als die Roten Khmer in Phnom Penh einmarschierten. Heute sagt er: "Wir müssen lernen, mit der Trauer zu leben". Man hört ihm zu und fragt sich, ob es neben dieser Trauer auch einen Platz für die Wut geben wird, die sich angesichts der Doppeldeutigkeiten und Euphemismen einstellen müsste, mit denen Täter wie Duch sich heute vor Gericht rechtfertigen. Und man erinnert sich an eine Passage in Rithy Panhs S 21-Dokumentation, in der Vann Nath zu Wort kommt: Auch er ein Maler, der das Foltergefängnis überlebt hat und heute berichtet, Duch sei, als er ein Portrait von Pol Pot zeichnen musste, häufig hinter ihm gestanden, und da habe der Folterer, von Picasso und van Gogh schwärmend, sich als Kunstfreund zu erkennen gegeben.

Inzwischen wurden im Prozess gegen Duch die Plädoyers gehalten. Die Staatsanwaltschaft beantragte 40 Jahre Haft, und der heute 67-Jährige meinte in seinem Schlusswort: "Ich sage weiterhin, dass ich als Mitglied einer kriminellen Partei mit verantwortlich für die Verbrechen dieser Partei bin. Da ich nun aber schon zehn Jahre, sechs Monate und achtzehn Tage inhaftiert bin und mit dem Gericht kooperiert habe, bitte ich um einen Freispruch". Das Urteil wird demnächst erwartet.

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Autor:  Jürgen Berger
Datum:  1 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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