Die Entscheidung von Yale University Press, ein Buch über den dänischen Karikaturenstreit ohne die betreffenden Zeichnungen zu veröffentlichen, ist ein weiteres und vielleicht das traurigste Beispiel für die Kapitulation vor dem religiösen Fanatismus - insbesondere dem muslimischen religiösen Fanatismus - der sich in unserem Kulturkreis breit macht.
"The Cartoons That Shook the World" von Jytte Klausen, einer dänisch-stämmigen Professorin für Politik an der Brandeis University in Massachusetts, beschreibt die sorgfältig organisierte und verheerende "Protestwelle", die 2005 auf die Veröffentlichung einiger Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erfolgte. (Die Zeichnungen wurden im Rahmen eines ausgeschriebenen Wettbewerbs veröffentlicht, der wiederum eine Reaktion auf die plötzliche Entscheidung eines dänischen Verlages war, ein Kinderbuch über das Leben Mohammeds nicht herauszugeben, aus Angst, es könne Anstoß erregen.) Als die Wogen von ihren Initiatoren wieder geglättet worden waren, hatten schon etwa 200 Menschen sinnlos ihr Leben gelassen.
Die zwölf Mohammed-Karikaturen, die die dänische Tageszeitung Jyllands Posten Ende 2005 veröffentlichte können Sie hier angucken.
Letzte Woche hatte Yale University Press angekündigt, dass man das Buch zwar veröffentlichen würde, aber ohne die zwölf kontroversen Karikaturen. Doch damit nicht genug, wurden gleich alle Abbildungen des Propheten entfernt, darunter ein Stich von Gustave Doré zu Dantes Inferno, die Mohammed mit herausgerissenen Gedärmen zeigt. (Diese Textstelle Dantes wurde schon von William Blake, Sandro Botticelli, Salvador Dalí und Auguste Rodin illustriert; es würde also noch eine Menge Zensurarbeit geben, wenn der aktuelle Fall Schule machte.)
Ursprünglich sollte das - übrigens nur für Muslime geltende - Darstellungsverbot von Mohammed die Götzenanbetung verhindern. Man fürchtete, dass die Gläubigen sonst anfangen würden, den Menschen anzubeten, statt den Gott, der ihn gesandt hatte. Deswegen ist es auch völlig falsch, Muslime als Mohammedaner zu bezeichnen.
Dessen ungeachtet ist die islamische Kunst - besonders im Iran - voll von Darstellungen des Propheten, und obwohl die Dante-Illustration wegen ihrer sadistisch anmutenden christlichen Sektiererei ein ziemlich verstörendes Beispiel ist, hat es doch nie muslimische Proteste gegen die bildliche Darstellung in der westlichen Kunst gegeben.
Wenn sich das je ändern sollte, was im Moment durchaus möglich scheint, dann hat Yale den Kunstgaleristen schon ein Argument an die Hand gegeben, mit dem sie in Zukunft entsprechende Bilder von den Wänden nehmen und in der Versenkung verschwinden lassen können. Yale argumentiert, dass die Veröffentlichung solcher Darstellungen Gewaltausbrüche provozieren könnte und dass darüber hinaus die Aussteller der Bilder direkt verantwortlich für die Gewalt wären.
Hier ein Beispiel: Am 13. August stand in der New York Times ein Artikel über die Kapitulation der University Press, in dem ihr Vorsitzender John Donatich zitiert wurde, der sagte, dass er bei Kontroversen im Allgemeinen "immer standhaft" gewesen sei, dass er aber, "wenn die Gefahr von Blutvergießen bestehe, sich keineswegs etwas zu Schulden kommen lassen werde".
Angst und Chaos in unserer alleinigen Verantwortung
Ich bin mit Donatich, der früher mein Verleger war, befreundet und so schrieb ich ihm einen Brief und fragte ihn, wie er es logisch begründen wolle, dass im Falle eines Bombenanschlages auf einen Buchladen, in dem das Buch von Jytte Klausen zum Verkauf steht, die Schuld beim Herausgeber läge und nicht beim Attentäter. Seine Antwort kam in Form eines offiziellen Schreibens von University Press, in dem stand, dass Yale vor der Veröffentlichung des Buches eine Reihe von Experten zu Rate gezogen habe, die alle bestätigt hätten, dass "der Abdruck der Zeichnungen durch Yale University Press ein ernsthaftes Risiko sei und möglicherweise zu Gewaltausbrüchen anstiften könne.
"Wirklich traurig ist Folgendes: Weder die "Fachleute aus Geheimdienst, nationaler Sicherheit, Polizei und Diplomatie, die führenden Islamwissenschaftler und Nahost-Experten", die man angeblich konsultiert hatte, noch die Öffentlichkeitsvertreter eines unserer renommiertesten Universitätsverlage scheinen die Bedeutung des sehr einfachen und nützlichen Wortes "anstiften" zu verstehen. Etwas anzustiften, heißt, ein Ereignis willentlich herbeiführen. Handelt es sich um einen Volksaufruhr, dann gehört man selbst zu den Aufhetzern; bei Mord ist man Mittäter.
In allen Wörterbüchern steht dieselbe Definition. Ein mögliches Synonym wäre "provozieren", das eine eher passive Konnotation hat. Es gibt ja Leute, die behaupten, dass unverschleierte Frauen ihre Vergewaltiger "provozieren" - eine "Logik", die Yale nun auch vertritt.
Es war schon schlimm genug, dass während des Karikaturenstreits die meisten Nachrichtenorgane - und das im "Zeitalter der Bilder" - sich weigerten, die Zeichnungen zu zeigen, und zwar einfach aus Angst. Inzwischen aber sitzt das Problem tiefer. Jetzt müssen wir uns eingestehen, dass das Chaos, das wir fürchten, auch unsere Schuld ist, wenn nicht sogar unsere alleinige Verantwortung. Wir haben uns ins eigene Fleisch geschnitten und dabei nicht nur unsere Sprache missbraucht, sondern auch das unterlaufen, was wir bis jetzt als unsere moralische Verantwortung betrachtet haben.
Während des Karikaturenstreits 2005 habe ich in meiner Online-Publikation einen Link zu den dänischen Zeichnungen auf HumanEvents.com bereitgestellt, damit man sich ein eigenes Bild machen konnte. Auch heute sei der Leser wieder eingeladen, dem Link zu folgen, um selbst zu sehen. Das letzte Mal ist nichts passiert, aber wer weiß schon, welcher mordlustige Theokrat sich diesmal aufregen möchte. Ich weise jeden Vorwurf der Anstiftung von meiner Seite zurück, und ich erkläre hiermit schon, dass, wenn jemanden für vergossenes Blut die Schuld trifft, es ganz allein der Attentäter ist.
Um ihn müssen sich unsere Polizei- und Sicherheitsorgane kümmern, die unsere Verfassung schützen, die wir gar nicht hätten, wenn wir nicht willens gewesen wären, Blut zu vergießen - unser eigenes und das von anderen. Der erste Zusatz dieser Verfassung untersagt jegliche Beschneidung der Pressefreiheit. Es ist unendlich beschämend, dass auf dem Campus von Yale vorsorglich die weiße Fahne gehisst und dann auch noch kriecherisch die Blutschuld von potentiellen Attentätern und Tyrannen auf sich genommen wurde.
(Übersetzung: Andrian Widmann)