Als ich sehr spät, erst während meines Literaturstudiums, ich war Anfang zwanzig, die Lateinamerikaner entdeckte, war das wie ein Befreiungsschlag. Gabriel Garcia Marquéz, Mario Vargas Llosa, Julio Cortázar, dann auch Juan Carlos Onetti, öffneten mir die Augen für die Vielfalt der möglichen Schreibarten. Im Seminar in Wien gab es nur den Realismus, der seine große Zeit gehabt hatte, aber jetzt nicht mehr möglich war, und eine sprachartistische Avantgarde, die längst auch sehr in die Jahre gekommen war. Das war alles. Eine karge Landschaft. Die Lateinamerikaner dagegen spielten mit Worten, Figuren, mit Plots, mit allem, das einen Roman ausmacht und noch mit vielem anderen dazu.
So spricht Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975 und, seit 2005 "Die Vermessung der Welt" erschien, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Romanautoren. Er sitzt, den rechten Fuß aufs Knie des linken Beines legend, entspannt in einem Sessel auf dem Podium des Frankfurter Cervantes-Institutes. Ihm gegenüber hat der von ihm beredt bewunderte Mario Vargas Llosa Platz genommen, geboren 1936, einer der bekanntesten Autoren Lateinamerikas.
Beide wollen an diesem heißen Mittwochabend ein Loblied singen auf Juan Carlos Onetti (1909-1994), den Beschwörer der Abgründe des Menschen, den grausamen Porträtisten des Bösen. Eingeladen hat der Suhrkamp-Verlag, der nicht nur gerade einen Essay von Mario Vargas Llosa über Onetti vorgelegt hat, sondern auch dessen Werkausgabe und zahlreiche Einzelveröffentlichungen von Onettis Romanen und Erzählungen den deutschen Lesern näher zu bringen sucht.
Daniel Kehlmann fragt Vargas Llosa: Onettis Konstruktion ist immer wieder diese: Er lässt seine Figuren auf Widerstände stoßen. Sie scheitern an ihnen und flüchten in Phantasiewelten. Darin steckt doch auch ein immens komisches Potenzial. Davon macht Onetti radikal keinen Gebrauch. Er lässt alles finster, bedrängend aussichtslos. Warum verzichtet er auf die komische Seite?
Solange Mario Vargas Llosa stumm dasitzt, ist er ein alter Mann. Seine Mundwinkel weisen nach unten. Sobald er zu sprechen beginnt, blüht er auf. Sein erster Satz kommt wie vor dem Stimmbruch so hoch. Er spricht druckreif, drastisch. Er gestikuliert nicht viel, aber er artikuliert so deutlich, dass sein Gesicht sich zu einer Bühne weitet. Fracaso zum Beispiel: Zusammenbruch, Scheitern. Er sagt das lustvoll. Wegen der Sache und wegen des Klangs. Beim zweiten a reißt er die Lippen auseinander, zeigt uns sein Wolfsgebiss, und Onetti fällt uns ein, der auf die Frage, warum er so ungern Fernsehinterviews gebe, antwortete, er habe einst ein schönes Gebiss gehabt, das habe er aber an Mario Vargas Llosa abgetreten. Ihm sei nur noch ein Zahn geblieben.
Vargas Llosa ist ein großer Autor, aber er ist auch Rhetor sehr alter Schule. Wenn er ein paar Reihungen bringt, kommen danach kurze Sätze aus drei vier Wörtern. Man erkennt, was Kehlmann vor mehr als einem Jahrzehnt an den Lateinamerikanern erfuhr: Hier gibt es keinen Bruch mit der Tradition. Nichts wurde weggeworfen. Die Latifundistas haben auf ihren ausgedehnten Landsitzen auch noch die ältesten Tricks aufbewahrt und können sie bei Bedarf aus entlegenen alten Scheunen holen und mit viel Schmackes einsetzen. Faulkner und Joyce, Beckett und Ponge werden nicht als Radiergummis benutzt, um die Vergangenheit loszuwerden, sondern sie werden hinzugefügt, einmontiert.
Mario Vargas Llosa beantwortet Kehlmanns Frage nicht. Er hält seine eigene Rede. Mit der erheitert er das Publikum. Er hat das gelernt bei den Klassikern zwischen Aristoteles und Quintilian, und er sieht keinen Grund, ausgerechnet hier auf diese Techniken zu verzichten. Sehr zu unserer Freude. Vargas Llosa lässt das Argument nicht aus, aber weiß, dass eine Anekdote ungleich erhellender sein kann.
So erzählt er, wie er Onetti 1966 in San Francisco traf . Er fragte den älteren Kollegen nach seiner Arbeitsweise. Nein, er, Onetti, folge bei seinem Schreiben nicht einem vorgefassten Plan, er habe auch keine ordentlichen Arbeitsstunden. Er schreibe, wenn es ihn überkomme, konvulsivisch, unter Zwang. Wenn nichts komme, dann komme eben nichts. Mario Vargas Llosa warf ein: "Aber Ihre Romane sind so kunstvoll konstruiert, so raffiniert gebaut." Onetti lachte ihn aus. "Wissen Sie, Schreiben - für Sie ist es Ihre Ehefrau; für mich ist es die Geliebte!" Vargas Llosa lacht über die Geschichte. Mit den Zähnen Onettis.
Daniel Kehlmann schreibt gerade an einem Nachwort zu einem Band der Werkausgabe Onettis. Ich habe in den letzten Wochen wieder viel von ihm gelesen. Mir ist wieder klar geworden: Wirklich gut ist ein Autor nur dann, wenn er keine Kompromisse macht, wenn er nicht einknickt vor den Konsequenzen eines Gedankens, wenn er wagt bis ans Ende zu gehen. Er darf sich nicht einspinnen lassen in die Konvention. Onetti beeindruckt durch seine Kompromisslosigkeit, durch seine Verachtung unserer Alltagstauglichkeit, durch die Gnadenlosigkeit seiner Weltsicht. Er hat sich nicht zufrieden gegeben. Er ist immer noch einen Schritt weiter gegangen.
Kehlmann sagt es nicht. Aber jedem im Saal ist klar: Er hat sich und uns seine Frage nach Onettis Verzicht auf den Humor - da Vargas Llosa ihm die Antwort schuldig blieb - selbst beantwortet. Das augenzwinkernd Versöhnliche, das in der Komik steckt, ist exakt das, das Onetti nicht wollte. Onetti hasste das Bittersüße. Er wollte die reinen Bitterstoffe. Darum, so meint Vargas Llosa, werde er niemals ein Schriftsteller für die breite Masse sein, die aber, die ein Gegenmittel haben wollen gegen das süße Gift des Einverständnisses, die haben in Onetti einen zuverlässigen Lieferanten. Einen freilich, der dennoch weiter arbeitet mit dem, was in Daniel Kehlmanns Wiener Seminar so verpönt war: mit wirklichen Figuren und mit den alten Tricks von Spannungsaufbau und Plot.