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Kindersendungen der 70er: Herr Rossi und die Rappelkiste

Bevor Thanner Schimanski im Tatort helfen durfte, erklärte er seinen Kindern den Kapitalismus. Doch das Privatfernsehen verdrägte Kinderformate der 70er - von der Rappelkiste bis zum Feuerroten Spielmobil.

Die Farbe Rot war vielleicht kein Zufall beim  Feuerroten Spielmobil.
Die Farbe Rot war vielleicht kein Zufall beim "Feuerroten Spielmobil".
Foto: Reni Emmer/br

Youtube bringt es an den Tag: Für Thanner gab´s ein Leben vor dem "Tatort"? 1977 jagte Schimanskis Helfer keine Mörder, sondern erklärte seinen Kindern den Kapitalismus. Dass er dem Bauherrn als Bauarbeiter zwar die Häuser baut, aber nicht drin wohnen darf, sagt Eberhard Feik in einer Folge der Kinderserie "Rappelkiste", sei schon ungerecht. Dies Stück Befreiungsfernsehen muss man heue im Internet suchen. Denn die progressiven Formate der sozialdemokratischen Siebziger, vom "Feuerroten Spielmobil" bis "Neues aus Uhlenbusch", sie bleiben meist ohne Wiederholung.

Kinderfernsehen als Reklame

Welch ein Jammer. Denn seit das Privatfernsehen dem öffentlich-rechtlichen KiKa vor 14 Jahren SuperRTL vor die Nase setzte, wurde es laut in der Glotze. "Power Rangers", "Ninja Turtles", jene Dauerreklamen der Spielzeugindustrie eroberten die Kindersparte, Nickelodeon ersetzte Inhalt durch Farbe, PC-Spiele erzeugen Epilepsie - da wird ein Pan Tau, der Kli Kla Klawitterbus oder Herr Rossi zum TV aus der Steinzeit. Der Einschlag kommerzieller Ästhetik begrub sperrige, dialogische, subversive Kinderformate.

Rasch wirkten "Neues aus Uhlenbusch", "Rappelkiste" oder "Feuerrotes Spielmobil" wie Relikte emanzipativer Pädagogik, als Heranwachsende plötzlich aufmucken, Meinungen bilden, mitreden durften. Selbst Mädchen fluchten, rotzten, wider-sprachen, ein Gebaren, das Eltern bis dato physisch sanktioniert hatten. Die waren ihrerseits plötzlich arm, im Unrecht, geschieden, was wiederum ziemlich gegenwärtig klingt. Aber das scheint heute alles verschlossen in Giftschränken der geistig-moralischen Wende.

Nicht dass Onkel Heini, Postbote der intakten Dorfgemeinschaft Uhlenbusch, viel mit der Gegenwart zu tun hätte, dass Hinterhofwelten in digitalisierten Jungszimmern zeitgemäß wären oder die offenen Wohnungen im "Haus Nr. 30", das gern vom Spielmobil Besuch erhielt. Und dennoch ist all dies nicht nur als Zeitzeugnis der Wiederholung wert, sondern auch als Retroerlebnis. Lifestylehefte und Trendsetter, Ikea und Oli Geißen predigen der Konsumschicht um die 40 permanent, wie dufte Ringelpullunder sind und die alten Scheiben.

Warum da aber "Lemmy und die Schmöker" vergraben bleibt, die mehr Leselust vermittelt haben als neun Jahre Regelschule, ist ein Rätsel. Sogar die "Sesamstraße" ist von antiautoritärer Energie befreit aus dem Vorabend ins Morgengrauen geraten. Da wären ein paar Stunden Nostalgie am Sonntagnachmittag das Mindeste.

Doch RTL verweist auf seine Ableger mit Super davor oder 2 dahinter. ARD & ZDF delegieren die Aufgabe gen KiKa. Nick argumentiert mit dem Zeitgeist. MTViva hätten "die Sehgewohnheiten eben verändert", meint Karen Mitrega, Produktionsleiterin bei Super RTL. Aber im August, da sendete man ja die "Fünf Freunde". Gut, das ist zwar Spießerzeugs. Aber das ZDF, so Mitrega, gebe die Biene Maja so wenig frei wie die ARD ihre "tollen tschechischen Serien". Von denen war indes bis auf "Luzie, der Schrecken der Straße" im Jahr 2004 wenig zu sehen.

Fehlversuch mit Cäsar

Der Kika beklagt seinerseits die private Rechteblockade der ökobewegten Barbapapas, die samstags bei RTL läuft. Um 5.45 Uhr! Kika-Programmplaner Stefan Rehberg führt immerhin einen Fehlversuch mit dem "Hasen Cäsar" vor drei Jahren an, "um die Kids auf der Retroschiene ihrer Eltern abzuholen". Die chaotischen "Ratz und Rübe" oder Gewaltlösungen wie bei "Captain Future" und "Bonanza" aber fänden viele Eltern "nicht optimal". Es regiert Fun Fun Fun.

Willste übern Rasen laufen, musste dir ein Grundstück kaufen, so hieß es im Vorspann der "Rappelkiste". Und heute? Willste was von früher sehen, musste zu Amazon gehen. Drei DVDs "Rote Zora" etwa, 39,90 Euro. Karen Mitrega war´s das wert. "Stinklangweilig", klagt sie nun. Ein möglicher Beleg, warum die Serie zuletzt 1999 lief.

Aber es geht ja nicht bloß um Entertainment, sondern ein Lebensgefühl, wie es die rebellischen Hörspiele von Volker Ludwig (Grips Theater) transportieren. "Balle, Malle, Hupe und Artur" etwa, rotzig-linke Selbstbehauptung für Kinder. Bespaßung einer Ära, da die Jüngsten schon ein wenig erwachsen und kindlich zugleich sein durften.

Wen also die Fernsehnostalgie treibt, sollte kurz bei Opel in Rüsselsheim vorbeischauen. Dort wird der feuerrote Opel Blitz, vor über 30 Jahren das gleichfarbige Spielmobil, derzeit restauriert. Wenn es schon im Fernsehen nicht mehr fährt

Autor:  Jan Freitag
Datum:  26 | 10 | 2009
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