Die Debatte um die Integration von Zuwanderern und ihren Kindern polarisiert sich zunehmend. Die einen unterstellen, sie seien unfähig oder unwillig zur Integration und beschreiben „den Islam“ als zentrale Barriere. Die anderen halten Integration für eine Zumutung, Ausdruck eines repressiven Gesellschaftsverständnisses. Integration als Konzept gilt ihnen als heillos überholt. Erstere verknüpfen Neoliberalismus mit Sozialdarwinismus und konstruieren rechtspopulistisch den Islam als inneren Feind. Bei den eher linken Positionen steht die Kritik eines vorgeblich völkischen Nationenverständnisses und eines offenen oder latenten Rassismus im Mittelpunkt.
Integrationsskeptiker unterstellen eine neue Unübersichtlichkeit: An die Stelle traditioneller Aus- und Einwanderung seien zunehmend Prozesse „transnationaler Migration“ getreten. Zunehmender Ausbau globaler Verkehrs- und Kommunikationsnetze lasse „transnationale Bürgergesellschaften“ und „multikulturelle Sozialräume“ entstehen. Infolgedessen soll nicht mehr von Integration gesprochen werden, sondern von Inkorporation als „ergebnisoffenem sozialen Prozess“.
In einem weiteren Ansatz wird behauptet, Wandlungen der Migrationsbewegungen und kulturelle Pluralisierung, Differenzierung und Individualisierung der Aufnahmegesellschaften hätten zu einer „Super-Vielfalt“ von Milieus geführt. Integrationspolitik müsse neu als „Politik der Vernetzung sozialer und kultureller Vielfalt“ verstanden werden. Folglich ginge es dann nicht mehr um die Eingliederung von sesshaften, marginalisierten Gruppen, sondern um die Gestaltung der Vielheit.
Diese Positionen haben einige Gemeinsamkeiten:
1. Es fehlt an einem angemessenen Verständnis von Staatlichkeit, auf die Migranten angewiesen sind – nur sie (und nicht ein konstruierter Sozialraum jenseits von Staaten) gewährt ihnen Schutz oder lässt sie an sozialstaatlichen Leistungen teilhaben. Voraussetzung dafür sind allerdings Integrations- und Anpassungsleistungen von Seiten der Migranten.
2. Es werden wichtige Aspekte der Realität ausgeblendet: Zentrale Systeme – etwa Bildungssystem oder Arbeitsmarkt – sind weiterhin durch landespezifische Kulturen (in erster Linie die Landessprache) geprägt. Dementsprechend ist der Erwerb der Sprache des Aufnahmelandes von zentraler Bedeutung für einen erfolgreichen Aufstieg. Außerdem lösen sich auch im 21. Jahrhundert soziale Ungleichheiten nicht in eine Vielfalt von Milieus auf. Auch in Deutschland sind massive ethnische Ungleichheiten (als Sonderform sozialer Ungleichheit) festzustellen. So wohnt die Gruppe der Türkischstämmigen und der türkischen Staatsangehörigen besonders stark abgegrenzt. Für sie gilt, so das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2008, dass „die Intensität ethnischer residentieller Segregation deutscher Städte in vielen Fällen die nordamerikanischen Segregationsindikatoren der Zuwandererstädte erreicht und die residentielle Segregation somit ein alltägliches Erscheinungsbild deutscher Städte ist“. Sie weisen sowohl in der ersten als auch in der zweiten Generation die schlechteste Arbeitsmarktintegration auf, Freundschaftsnetzwerke sind außerordentlich stark auf die eigene Gruppe begrenzt, Deutschkenntnisse unterdurchschnittlich.
Dabei stehen soziale und ethnische Segregation in einem engen Zusammenhang. In einer Sozialraumanalyse für Nordrhein-Westfalen wurde 2006 festgestellt, dass dort, wo die meisten ausländischen Staatsangehörigen wohnen, die meisten armen Inländer und die meisten Familien und Kinder leben. Hier liegt eine der zentralen Herausforderung der Sozial- und Stadtpolitik. Das Zelebrieren von Vielfalt wird die Spaltungen vertiefen. Die gehobene Mittelschicht nutzt die Städte schon heute als Gabentisch. Sie kann kulinarischen Multikulturalismus pflegen und zugleich Wohnen und Schulbesuch mit Kindern zugewanderter und einheimischer sozial Schwacher meiden. Andere aber haben keine Exit-Option. Die schichtspezifische Organisation der Integrationsaufgabe („gespaltene Kindheit“) bietet auf Dauer keine Lösung.
3. Die Debatte über Integration krankt auch an mangelndem Verständnis für grundlegende Mechanismen und Abläufe von Integrationsprozessen – etwa der Rolle der Gruppengröße, der Bedeutung „ethnischer Kolonien“, der Mobilitätsfalle oder des negativen Zusammenhangs von ethnisch-sozialen Konzentrationen in Wohn- und Schulumfeld und dem Erwerb der Sprache des Aufnahmelandes. Hinzu kommt, dass sich der Staat durch die Schuldenbremse im Grundgesetz Ausgaberestriktionen auferlegt hat, die seine Handlungsfähigkeit hinsichtlich wichtiger Zukunftsaufgaben stark einschränken.
Stefan Luft ist Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bremen.Sein Beitrag ist der achte Teil der Essay-Reihe von FR und Nordwestradio (ein Programm von Radio Bremen und NDR). Die Essays finden sie online unter: fr-online.de/wandel.