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Kolumbien: Ein Leben wie im Fegefeuer

Kolumbien enthält die Welt im Kleinformat - von Erster bis Dritter Welt, von schwarz bis weiß. Doch leider fließen alle Mittel in die Bekämpfung der Guerilla und nicht die der Armut. Von Héctor Abad Faciolince

Ein Polizist in Cartegena lässt sich seine Schuhe putzen
Ein Polizist in Cartegena lässt sich seine Schuhe putzen
Foto: bilderberg

Kolumbien kommt mir vor wie eine gute Zusammenfassung der Welt. Eine Elite, vorwiegend von weißer Haut, etwas weniger als zehn Prozent der Bevölkerung, die in den kühlsten Klimazonen lebt und Besitzerin der fruchtbarsten Ländereien ist, herrscht über achtzig Prozent des allgemeinen Reichtums (Bergbau, Landwirtschaft, Viehzucht, Banken, Industrien) und hält die politische Macht in ihren Händen. Weitere vierzig Prozent der Bevölkerung, ein wenig dunkler in ihrer äußeren Erscheinung, arbeiten sehr hart, nicht so sehr, um in die Elite aufzusteigen, sondern eher, um nicht der Armut jener übrigen fünfzig Prozent der Bevölkerung zu verfallen, die in den heißesten und unfruchtbarsten Regionen leben oder in den elendesten Teilen der Städte, die schwarzer, indianischer, mulattischer oder mestizischer Herkunft sind und nie genau wissen, ob sie morgen noch genug zu essen haben oder sauberes Wasser trinken können.

Die Erste, entwickelte Welt (gewissermaßen ein Spiegel Europas, der Vereinigten Staaten und einiger Teile des Fernen Ostens) wird repräsentiert von dieser hellhäutigen Elite, die die Rohstoffe und die billigen Arbeitskräfte aus dem Rest des Landes für sich nutzt. Diese Leute leben gut, essen gut, studieren an den besten Universitäten, verfügen über ausgezeichnete Krankenhäuser und sterben, wenn sie alt sind. Die Mittelklasse, die kleinen Angestellten, Facharbeiter, sind der Spiegel von Schwellenländern wie Brasilien und Mexiko. Die fünfzig Prozent Armen, die mit Mühe überleben, ähneln Afrika und den ärmsten Ländern und Regionen des Ostens, und natürlich den am wenigsten entwickelten Teilen Lateinamerikas. So sieht sie aus, die Welt, Kolumbien hat im Kleinformat viel Ähnlichkeit mit ihr.

Zum Autor

Héctor Abad Faciolince wurde 1958 in Medellín geboren. 1982 verließ er Kolumbien und studierte in Italien. 1987 kehrte er zurück, musste aber nach der Ermordung seines Vaters wieder nach Italien flüchten. Zurück in Kolumbien, begann Abad Romane zu schreiben, er arbeitet zudem als Journalist. Auf Deutsch gibt es "Kulinarisches Traktat für traurige Frauen" (2001) und "Brief an einen Schatten" (2009, Berenberg), die Geschichte seines Vaters, eines Arztes.

Ein bewaffneter Soldat in ein Buch vertieft von einer Kirche in Bellavista.
Ein bewaffneter Soldat in ein Buch vertieft von einer Kirche in Bellavista.
Foto: bilderberg

Wer eine Reise durch Kolumbien macht, dem wird ein ganzer Fächer an nützlichen und lehrreichen Erfahrungen geboten: Der Reisende, der im Norden losfährt, in der Wüste der Halbinsel La Guajira, kann die Moschee von Maicao besuchen, Quibbes essen, wie im Libanon, er begegnet Frauen arabischer Abstammung in muslimischer Verschleierung und kann Desserts aus Honig-Baclavas und getrockneten Früchten genießen. Durchquert er danach die fruchtbaren Ebenen von Córdoba, Bolívar und Sucre, wird er riesigen Zebu-Herden begegnen, Brahman-Rindern, vor mehr als einem Jahrhundert aus Indien importiert, mit ihren fett- und fleischgepolsterten Mäulern und der beneidenswert gleichmütigen Bedächtigkeit heiliger Kühe. Steigt er die Hänge der Andenkordillere hinauf, wird er an Almhütten vorbei kommen, mit Holsteinern und Jersey-Rindern, und Bauern mit blauen Augen treffen, die in den Bergen von Antioquia Käse herstellen. Steigt er hinab in die Wälder des Chocó, kann er sich wie in Afrika fühlen, mit großen, kräftigen und freundlichen Schwarzen, nach innen voller Musik und nach außen bitter arm und von großer Würde. Wagt er sich vor in den amazonischen Urwald, wird er sich schon wie in Brasilien fühlen, umgeben von gewaltigen, träge dahinfließenden Strömen, einem Meer von Bäumen, gewaltiger Hitze und seltsamen Tieren. Begibt er sich in die Departements Cauca und Nariño, im Süden, könnte er meinen, er sei in Bolivien oder Peru, er wird Indios treffen, ferne Abkömmlinge der Quechúas, deren Reich sich einst bis hierher erstreckte, die sich freilich in lokalen Idiomen unterhalten, die nicht einmal Evo Morales verstehen könnte.

Auf dieser imaginären Reise wird er selbstverständlich auch Bekanntschaft machen mit Dingen, die als typisch kolumbianisch gelten: Grüne Bananen und Yukka in den subtropischen Gegenden, Kaffeepflanzungen und Vögel in den gemäßigten Klimazonen, Ölfelder, Gold- und Kohleminen, die meist von gigantischen europäischen oder US-amerikanischen Konsortien ausgebeutet werden, Coca-Pflanzungen mit Mafiosi, die die Leute umbringen, um die Wege ihres Kokains zu verteidigen, grausame Guerilleros, die Menschen entführen und Geld erpressen, Paramilitärs, blutrünstig wie Nazis, eine Armee, die immer wieder für Verbrechen verantwortlich ist, die an Fürchterlichkeit denen von den Grupos Ilegales in nichts nachstehen, und ein Staat, der, je nachdem, ob man in der Nähe der großen Städte bleibt oder aber sich von ihnen entfernt, in der Lage ist, das nationale Territorium zu kontrollieren oder auch nicht.

Was fehlt noch in dieser geographischen Beschreibung? Zwei lange Küstenstreifen am Karibischen Meer und am Pazifischen Ozean, Delfine und Korallenstrände, lauwarme Buchten, welche sich die Wale, auf ihrem Weg von Pol zu Pol, ausgesucht haben, um hier, am Mittelpunkt ihrer Reise, jene lärmenden und wilden Paarungen aufzuführen, für welche den Menschen das Wort Liebe eingefallen ist. Der eine oder andere Industriehafen findet sich hier, Baranquilla, zum Beispiel, wo Juden und Araber zusammenleben und in friedlicher Konkurrenz den Handel beleben; eine Stadt von legendenumwobener Schönheit, Cartagena de las Indias, in deren Zentrum man sich wie in Andalusien fühlt, am Stadtrand eher in Bangladesch; und dann ist da noch der hässlichste Hafen des Pazifischen Ozeans, Buenaventura, wo sich das schöne Abenteuer, welches die Stadt im Namen trägt, in einen Alptraum verwandeln kann.

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Autor:  Héctor Abad Faciolince
Datum:  10 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
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