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Komm zur Ruhr: Galaglanz und Rostromantik

Essen und das Ruhrgebiet sind Kulturhauptstadt Europas, während die kommunalen Kunstetats schrumpfen. Ein Rundgang im Land der Industrie- und Kulturbrachen. Von Stefan Keim

Industriedenkmäler, wohin man schaut, nur dass sie jetzt ganz der Kultur zu dienen haben, hier die Bochumer Jahrhunderthalle.
Industriedenkmäler, wohin man schaut, nur dass sie jetzt ganz der Kultur zu dienen haben, hier die Bochumer Jahrhunderthalle.
Foto: Jahrhunderthalle/ruhr2010

Ein Einmachglas steht in der Vitrine. Es ist mit Wasser gefüllt, denn sauberes Wasser war Mangelware im Kriegsjahr 1944. Essen wurde bombardiert. Eine Mutter, die gerade Zwillinge geboren hatte, hat es abgefüllt und eingekocht, Quellwasser von der Borbecke, einem kleinen Fluss im Nordwesten der Stadt. Materiell ist dieses Ausstellungsstück nichts wert, aber es erzählt vom Überlebenskampf in einer Region, die harte Zeiten gewöhnt ist.

Das Einmachglas ist das Lieblingsobjekt von Ulrich Borsdorf, dem Leiter des Ruhrmuseums. Am Wochenende eröffnet die Sammlung in der neu gestalteten Kohlenwäsche auf dem Gelände der Zeche Zollverein, dem zum Weltkulturerbe erklärten Industrieareal im Essener Norden. Es ist einer der Höhepunkte der Kulturhauptstadt Ruhr 2010, mit der die Region das Malocherimage abschütteln und sich als Metropole ganz eigener Art präsentieren will. Bodenständig und weltläufig, mit Galaglanz und Rostromantik. Viel wurde bereits in den vergangenen Jahren investiert, um an die internationale Spitze anzuknüpfen.

Komm zur Ruhr

Herbert Grönemeyers eigens für die Essener Kulturhaupstadtfeierlichkeiten komponierte Hymne trägt den Titel "Komm zur Ruhr" und hat folgenden Inhalt:

Wo ein rauhes Wort dich trägt / weil dich hier kein Schaum erschlägt / wo man nicht dem Schein erliegt / weil man nur auf Sein was gibt. / Wo man gleich den Kern benennt / und das Kind beim Namen kennt / Von klarer offner Natur / Urverlässlich, sonnig stur / Leichter Schwur / komm zur Ruhr //

Schnörkellos ballverliebt wetterfest und schlicht / geradeaus, warm, treu und laut / hier das Leben da der / Mensch, dicht an dicht / Jeder kommt für jeden auf, in Stahl gebaut. / Und der Hang, zum dürretrockenen Humor / Und der Gang, lässig und stark / Wer morgens verzagt hat’s mittags längst bereut / Es ist wie es ist, es wird Nacht und es wird Tag.//

Wo ein rauhes Wort dich trägt / weil dich hier kein Schaum erschlägt / wo man nicht dem Schein erliegt / weil man nur auf Sein was gibt. / Wo man gleich den Kern benennt / und das Kind beim Namen kennt / Von klarer offner Natur / Urverlässlich, sonnig stur / So weit so pur, / komm zur Ruhr.//

Leute geben / Leute sehn / Sie bewegen / sie verstehn. / Alle vom Flussrevier / Dass der Rhein sich neu genießt / liegt an diesem Glücksgebiet / Alles fließt alles von hier //

Wo ein Wort ohne Worte zählt, / Dir das Herz in die Arme fällt / Wo woher kein Thema ist / Man sich mischt und sich nicht misst / Wo man gleich den Kern benennt / und das Kind beim Namen kennt / Von klarer offner Natur Urverlässlich, sonnig stur / Das ist Ruhr, Seelenruhr / Von schwerverlässlicher Natur / Urverlässlich, sonnig, stur / So weit, so ur / Seelenruhr. / Ich mein ja nur / Komm zu Ruhr

www.groenemeyer.de

Das Kunstprojekt der Kokerei Zollverein: Werkschwimmbad.
Das Kunstprojekt der Kokerei Zollverein: "Werkschwimmbad".
Foto: ruhr 2010

Mit Erfolg, die Ruhrtriennale hat sich als bedeutendes Festival etabliert, und das Aalto-Musiktheater in Essen lag zumindest zwischenzeitlich in nationalen Kritikerumfragen ganz vorne. Nun stehen einige viel versprechende Projekte an. Alle sechs Schauspielhäuser des Ruhrgebietes vereinigen sich zu einer "Odyssee", in der sich sechs europäische Autoren - darunter der Österreicher Christoph Ransmayr und der Ire Enda Walsh - mit dem Mythos Ruhrgebiet aus heutiger Sicht auseinandersetzen. Es gibt eine riesige Hommage an den 83-jährigen Hans Werner Henze mit allein zwölf Opernproduktionen, darunter einer Uraufführung. Mit vielen Festivals und Aktionen versuchen die Macher der Ruhr 2010, die Migranten im Ruhrgebiet anzusprechen. Ein Geist der Gemeinsamkeit soll entstehen, eine regionale Identität, die Stadtgrenzen überwindet.

Zur Eröffnung an diesem Wochenende haben sich der Bundespräsident und ein heftiger Schneesturm angesagt. Trotzdem soll die Eröffnung vor der Kokerei Zollverein unter freiem Himmel statt finden. Fritz Pleitgen, einer der beiden Geschäftsführer der Ruhr 2010 und Ex-WDR-Intendant, hat schon empfohlen, Flachmänner für die Jackettaschen mitzubringen. Ein Programm aus Feuerwerk und Illuminationen, Parties, Konzerten und Diskussionen wird nach dem Festakt auf die Kulturhauptstadt einstimmen.

Die Unübersichtlichkeit des Gebotenen deutet schon auf den weiteren Verlauf des Jahres hin. Denn das Ruhrgebiet wird mit Kultur der verschiedensten Art geradezu geflutet. Jede der 53 Städte - mit Ausnahme von Essen - ist eine Woche lang "local hero" und protzt mit Veranstaltungen von morgens bis abends. Allerdings sind einige besonders reizvolle Projekte bereits geplatzt oder verschoben worden. Die Idee, unter der Zeche Zollverein einen Kunstraum unter Tage, eine "zweite Stadt" zu errichten, wird nicht umgesetzt. Der Umbau des "Dortmunder U", eines ehemaligen Brauereigebäudes, zum Kunstmuseum wird nicht im Mai fertig. Der "Platz des europäischen Versprechens", ein Kunstprojekt von Jochen Gerz vor der Bochumer Christuskirche, ist teurer geworden als gedacht und auf unbestimmte Zeit vertagt worden.

Hintergrund ist die Finanzmisere der Ruhrgebietskommunen. Hagen und Oberhausen sind schon überschuldet, Essen, Duisburg und Mülheim kurz davor, auch Bochum und Dortmund arbeiten mit Nothaushalten und müssen sich jede Ausgabe von den Aufsichtsbehörden, den Regierungspräsidenten, genehmigen lassen. Das hat zum Beispiel die Folge, dass Bochum kein Konzerthaus für die sehr erfolgreichen Symphoniker bauen darf. Obwohl das Orchester 13 Millionen Euro Spenden gesammelt hat. Brutale Kürzungen der Kulturetats bis zu 30 Prozent haben die Kämmerer angekündigt. Während die Ruhr 2010 den Wandel der Region voran treiben will, stehen einige Theater, Museen und Orchester vor dem Zusammenbruch oder zumindest vor Einsparungen, die sie an den Rand der Arbeitsfähigkeit bringen würden. Die Ereignisse im nahen Wuppertal sprechen Bände: Dort will die bankrotte Stadt ihren Bühnen zwei Millionen Euro weniger geben, was mehr ist als der gesamte Etat für die künstlerische Arbeit, und außerdem eine Spielstätte, das Schauspielhaus, schließen.

Aber auch in schweren Zeiten muss gefeiert werden. Das Gelingen einer jeden Kulturhauptstadt hängt davon ab, welche Stimmung sie verbreitet. Und da ist die Ruhr 2010 auf einem guten Weg. Die Macher sind in den letzten Monaten oft herumgereist, haben mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein, Ironie und zupackendem Humor auf vielen Veranstaltungen für ihre Sache geworben.

Und das neu gestaltete Ruhrmuseum ist ein erster Höhepunkt. Auf einer orange beleuchteten Rolltreppe fahren die Besucher 24 Meter hoch zum Eingang der ehemaligen Kohlenwäsche. Kasse und Café liegen inmitten großer Stahlträger, Trichter und Kessel. Zwischen zwei großen Setzmaschinen, Wasserbecken, in denen die Kohle vom Gestein gereinigt wurde, geht der Weg ins Treppenhaus. Auf der ersten Ebene beginnt das eigentliche Museum. Ein Videoportal zeigt Klischeebilder und Mythen des Ruhrgebietes, Bergbau, Fußball, staubige Luft, die in den folgenden Räumen hinterfragt werden. Aus den verschiedenen Trichtern einer "Klangdusche" kommen Töne aus der Region, die Bewegungen der Besucher werden von Sensoren erfasst, man kann sein eigenes Ruhrhörspiel gestalten. Dann folgt ein stiller Bereich mit Glasvitrinen. Darin liegen Dinge, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken, aber ihre eigenen Geschichten haben. Wie ein Bergarbeiterhelm aus Leder oder das Glas mit dem eingemachten Wasser.

Die Geschichte vor der Industrialisierung birgt einige Überraschungen. Wie ein Mammut-Skelett, das bei der Ausschachtung des Rhein-Herne-Kanals gefunden wurde. Oder ein Blick in die Bodenschichten des Ruhrgebietes hinein, mit riesigen Versteinerungen urzeitlicher Kopffüßler. Auch die Kloster- und Kirchengeschichte des Ruhrgebietes ist überregional wenig bekannt. Immerhin besitzt der Essener Dom noch heute einen Schatz, den manche Experten für bedeutender halten als den Kölner. Die Industriegeschichte erzählt das Ruhrmuseum als Tragödie in fünf Akten. So ist sie auch wahrhaftig verlaufen, von den Anfängen über den großen Höhepunkt bis zur - im klassischen Sinne - Katastrophe, dem so genannten Strukturwandel.

Alfried Krupp ist als Statue zu sehen, Kaiser Wilhelm II. und viele Unternehmer als Ölgemälde. Eine Tafel erzählt von einem Unglück in der Hattinger Henrichshütte, als 1900 fünf Hochofenarbeiter in den glühenden Stahl fielen. Die Dokumente spiegeln nicht nur Industriegeschichte, sondern auch das Leben, Zusammenhalt und Erschütterungen, Überlebenskampf und Stolz auf die eigene Leistungskraft.

Kohleklumpen liegen in einer Reihe, wie auf einem Förderband. Aus jedem Flöz des Ruhrgebietes ist ein Stück vertreten. Zu ihrer Zeit hatte das Wort "Abbau" noch einen positiven Klang. Heute steht es für die Gefahr, dass die Ruhr 2010 ein letztes großes Kulturfeuerwerk sein könnte. Die Region steht wieder mal vor einer Bewährungsprobe.

Internet: www.ruhr2010.de

Autor:  Stefan Keim
Datum:  9 | 1 | 2010
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