kalaydo.de Anzeigen

Konservativen-Debatte: Das neue Gespenst

Die Konservativen sind unglückliches Bewusstsein: Die Welt ist ihnen abhanden gekommen. Immerhin lassen sie es die Welt lauthals wissen.

        

Eine Werteordnung muss schon sein, etwas, das die Welt zusammenhält, ihr flüchtiges Wesen festhält.
Eine Werteordnung muss schon sein, etwas, das die Welt zusammenhält, ihr flüchtiges Wesen festhält.
Foto: istockphoto

Ein Gespenst geht durch Europa und die neue Welt: der abtrünnige Konservative. Der Konservative, die geistige und moralische Karyatide im Tempel der westlichen Werte, gibt zu allerlei Sorgen Anlass, und eine einfühlsame Öffentlichkeit beugt sich über sein gestörtes Seelenleben. Eine erste Diagnose erkennt Heimatverluste.

Die konservativen Sozialdemokraten fühlen sich in der SPD nicht mehr zu Hause, weil dort die Agenda 2010 abgeräumt werden soll. Die christlichen Konservativen sehen sich aus der CDU vertrieben, weil Angela Merkel mit so viel Pragmatismus regiert und das katholisch-rheinische wie das süddeutsche Unionsgefühl mitsamt seinen Beharrungskräften nicht versteht. Und auch in der FDP wächst das Unglücklichsein der alten liberalen Säulenheiligen, weil zu viel von Steuern und zu wenig von der Gefährdung der Freiheit die Rede ist. Unsere Konservativen sind Sorgenkinder, sie ziehen sich aus der Arena zurück, man denke nur an die Spitzenpolitiker Clement, Merz, Koch oder Köhler, an die alte Hildegard Hamm-Brücher oder an die jungen Wortzuspitzer aus den zweiten Parteireihen, an die Sarrazins und Erika Steinbachs.

Bislang dachte man, dass die Konservativen den raschen Wandel der Welt zwar mit Kummer betrachten, den Niedergang von Ehe und Familie, das schrumpfende Heimatgefühl, die Macht der Konzerne, die Gentechnologie, die vielen türkischen Kinder, den Untergang des Gymnasiums, die Missachtung der Leistungseliten, die Heuschreckenwirtschaft. Aber man durfte damit rechnen, dass sie ihren Parteien nicht untreu werden. Die Konservativen waren unglücklich, aber sie harrten auf ihren Posten aus. Jetzt muss damit gerechnet werden, dass die Konservativen, die Grauen Panther der Grundwerte, in die Diaspora gut dotierter Industrieposten abwandern oder gar neue Parteien gründen, neue Naturparks für ihre aussterbende Art.

Der Konservative ist ein Mensch mit tiefen Empfindungen, er liebt die Tradition in Form von tausend Mal gesprochenen Sätzen über Freiheit, Leistung, Kultur, Individualität und Markt. Vor allem hängt er an bestimmten Begriffen, die auf -tum enden, an Volkstum, Christentum, Brauchtum, Wachstum, Eigentum, Unternehmertum, Beamtentum.

Die Seele des Konservativen stärkt sich an solchen Tümern und hofft auf ihre Wiederkehr, so wie man im 19. Jahrhundert angesichts der politischen Revolutionen in Europa auf die Wiederkehr des Kaisers Barbarossa aus dem Kyffhäuser hoffte. Bisweilen legt er seine Trachtenanzüge an, aber er weiß doch genau, dass er da nur einen Karneval der vergangenen Zeiten feiert. Vermutlich ist der Konservatismus eine Welthaltung, aber die Welt hat sich verändert oder vielmehr: Unsere Welt ist die Veränderung.

Die letzten Wochen warfen schlagartig ein Licht auf die Szene der Unverträglichkeiten: Die kleinen Wortrüpeleien von Thilo Sarrazin, der die Zuwanderung als biopolitisches Menetekel an alle Wände schreibt, Erika Steinbachs spielerische Radierversuche an der Kriegsschuldfrage und die Debatten über die Vertreibung dieser Unruhestifter aus Vorständen oder Parteien ließen auch in Deutschland eine neue Klasse von politisch und intellektuell Heimatlosen auftauchen. Diese unruhigen Konservativen bilden eine Art globaler Gemeinschaft über die Grenzen der Länder und Kontinente hinweg. Große Teile der westlichen Welt haben es mit ihnen zu tun: In den USA ist es die Tea-Party-Bewegung, in Europa stören von den Niederlanden bis nach Ungarn rechtspopulistische Bewegungen erfolgreich das politische Establishment. Was sie verbindet, ist jedoch nicht das Eintreten für überlieferte Werte, nicht der Kampf um die Wiederherstellung der alten vertrauten Welt, sondern einzig und allein das Ressentiment. Das Ressentiment gegen zahlreiche Erscheinungen unserer ebenso schwierigen wie großartigen Moderne.

Dieses Ressentiment ist nicht politisch, denn es richtet sich gegen das Politische selbst. Nicht die Bewahrung alter Lebensformen und Wunsch nach Atemspenden für die Tümer treiben die populistischen Wortführer und Bewegungen an, sondern das pure Missvergnügen an den Folgen einer Veränderung, die die meisten Politiker und Wähler theoretisch bejahen. Blickt man in die Programme der großen deutschen Parteien, so findet man das Schlüsselwort „Wachstum“ wie Konfetti durch die Sätze gestreut. Und dies mit vollem Recht. Das Rezept für ökonomischen Erfolg und für soziale Stabilität ist die Mobilisierung der evolutionären Kräfte der Gesellschaft: Bildung, Einsatz, Flexibilität, Innovation, die freilich wie Arzneimittel eine Menge von Nebenwirkungen haben. Mit diesen Nebenwirkungen ist die Politik vor allem befasst: mit Strukturwandel, Konjunkturschwankungen, Arbeitslosigkeit, Altern, Krankheitskosten, Kinderlosigkeit, Migration, Terror.

Die von der CDU-Spitze so lächerlich hofierten Konservativen können nur noch über das alte Unrecht klagen und gegen die neue Welt aufbegehren. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was zu befürchten steht vor dieser Unruhe und Abtrünnigkeitsdrohung der Konservativen? Werden sie sich der schweigenden Mehrheit der Nichtwähler zugesellen? Werden sie eine neue Partei gründen? Tatsächlich lässt sich auch hinter dem Ressentiment gegen das Politische, nämlich gegen die Probleme, mit denen die Politik heute zu kämpfen hat, eine Menschenmenge versammeln. Das Potential für eine künftige populistische Ressentimentpartei sind die Nichtwähler. Aber es wird keine durch Ideen oder Programme überzeugte oder gar begeisterte Menge sein, sondern eine, die auf Führer, am besten auf charismatische Führer wartet.

Das Charisma ist der Bruder des Ressentiments. Das Charisma ist die Politiklosigkeit, ja, die Erlösung von der Politik, die auf eine vermeintliche Heilsfigur projizierte Problembeseitigungshoffnung. Hinter dieser Projektion, hinter der Untätigkeit vieler Wähler steckt freilich auch eine Erfahrung: Wir erkennen immer deutlicher, dass die drängenden Probleme nicht mehr von den alten Ideologen, den christlichen, liberalen und sozialistischen Programmen erfasst werden. Die Parteien eint nicht nur die Gemeinschaft der Probleme, sondern auch die gemeinsame Einsicht in deren begrenzte Beherrschbarkeit.

Die letzten Wochen, in denen der heimatvertriebene Konservative vor unseren Augen seine Patientenrechte beanspruchte, erteilten uns aber noch eine weitere Lehre. Das Ressentiment, das über die eigentümliche Kraft der Ansteckung verfügt, bleibt nur dann lebendig, wenn es sich auf Ereignisse beziehen kann, die die Leute wirklich aufregen.

Der sich abzeichnende ökonomische Aufschwung aber bietet dem Ressentiment ebenso schlechte Entfaltungschancen wie ein heißer Sommer dem Grippevirus. Rasch verfliegen seine Verbreitungskräfte. Was einst Sigmund Freuds Psychoanalyse zur Heilung von Neurosen in die Welt brachte: die „talking cure“, die Klage von der Couch, das haben wir heute zur Therapie unserer Ressentiments nur ein wenig verändert: Wir nutzen die kollektive Talkrunde im Fernsehen und den Internet-Chat. Sie wirken, denn nach kurzer Zeit sind wir von dem Thema geheilt.

Die Probleme bleiben, die Lust darüber zu reden verfliegt. Weder die Heilkräfte der Charismatiker noch die Talkingkuren lösen Probleme. Nehmen wir doch unsere traurigen Konservativen in die Arme und trösten sie mit einer Erfahrung, die immerhin 250 Jahre alt ist: Der Ort, wo die Politik spricht, wo sie entscheidet und die Gespenster verjagt, ist das Parlament.

Autor:  Manfred Schneider
Datum:  16 | 9 | 2010
Kommentare:  2
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.