Am neunten Tag des Klimagipfels in Kopenhagen wurde Afrika geopfert. Dabei war die Position der afrikanischen Gruppe - dem Verhandlungsblock der G-77-Staaten und aller afrikanischen Länder - von Anfang an klar gewesen: Eine globale Erderwärmung um 2 Grad Celsius entspräche einem Temperaturanstieg von 3 bis 3,5 Grad in Afrika. Die Pan African Climate Justice Alliance schätzt, dass dann weitere 55 Millionen Menschen von Hunger bedroht und 350 bis 600 Millionen unter Wassermangel leiden würden. Erzbischof Desmond Tutu drückte es folgendermaßen aus: "Wir stehen vor einer Katastrophe von gigantischen Ausmaßen. Bei dem global angestrebten Ziel von 2 Grad Celsius wird Afrika zum Backofen und verliert jede Hoffnung auf Entwicklung."
Für den Premierminister von Äthopien, Meles Zenawi, scheint das kein Problem zu sein. Er schaute auf dem Weg nach Kopenhagen bei Präsident Sarkozy in Paris vorbei und präsentierte "im Namen von ganz Afrika" (er war Vorsitzender der afrikanischen Verhandlungsgruppe) einen Plan, der das gefürchtete 2-Grad-Ziel vorsieht und den Entwicklungsländern ein Budget von 10 Milliarden Dollar pro Jahr zusichert, das für alles aufgewendet werden kann, was mit dem Klimawandel zu tun hat, vom Deichbau über Malaria-Behandlung bis hin zu Wiederaufforstungsprojekten.
Es ist kaum zu glauben, dass derselbe Mann vor nur drei Monaten verkündete: "Wir werden uns mit allen Mitteln gegen jede Vereinbarung stellen, die unseren Minimalanforderungen nicht Rechnung trägt. Wir werden nicht davor zurückschrecken, die Verhandlungen abzubrechen, wenn sie nur darauf hinauslaufen, unserem Kontinent weiterhin den schwarzen Peter zuzuschieben. Wir sind nicht bereit, eine globale Erwärmung zu tolerieren, die vermeidbar gewesen wäre." Und weiter: "Wir werden nicht als Bittsteller nach Kopenhagen gehen, sondern als vollwertige Partner an den Verhandlungen teilnehmen."
Wir wissen nicht, was Zenawi für seinen Meinungswechsel bekommen hat. Auch ist schwer nachvollziehbar, wie man eine Forderung von 400 Milliarden Dollar pro Jahr (den Betrag, den die Afrika-Gruppe ursprünglich vorgesehen hatte) auf 10 Milliarden zurückschrauben kann. Genauso wenig weiß man, was zwischen Außenministerin Hillary Clinton und der Präsidentin der Philippinen, Gloria Arroyo, vor sich ging, als sie sich wenige Wochen vor dem Klimagipfel trafen und danach die streitbarsten philippinischen Vertreter aus der Delegation entfernt wurden, die dann plötzlich handzahm war. Im Vorfeld des Gipfels war eine ganze Reihe solcher 180-Grad-Wenden zu beobachten, woraus man schließen darf, dass die G8-Mächte bereit waren, manches zu tun, um in Kopenhagen zu einem Abschluss zu kommen. Allerdings kann man auch davon ausgehen, dass dieses dringende Verlangen nicht aus dem Wunsch resultiert, einen katastrophalen Klimawandel zu verhindern. Die Verhandlungspartner wissen genau, dass die mageren Emissionsreduktionen, die sie vorschlagen, zu einer "dantesken Erwärmung von 3,9 Grad" führen werden, wie es Umweltaktivist Bill McKibben ausdrückte. Matthew Stilwell vom Institute for Governance and Sustainable Development - einem der einflussreichsten Ratgeber in den Verhandlungen - sagt, dass es nicht wirklich um Maßnahmen gegen Klimawandel gegangen sei, sondern um die Atmosphäre als Wertstoffquelle. Der Kohlenmonoxidausstoß, den die Atmosphäre vertragen kann, ist begrenzt; wenn die reichen Länder ihre Emissionen nicht drastisch reduzieren, verbrauchen sie auch die Anteilsrechte der Südhalbkugel. Es gehe also darum, so Stilwell, "den Himmel gerecht zu verteilen".
In Europa, wo das System seit Jahren im Einsatz ist, weiß man, wie viel Geld mit Emissionshandel zu verdienen ist. In den Entwicklungsländern dagegen, wo es noch keine Schadstoffrestriktionen gibt, sind sich die Regierungen nicht im Klaren darüber, was ihnen entgeht.
Stilwell stellt das Potenzial des Emissionshandels - 1,2 Billionen Dollar pro Jahr, schätzt der britische Wirtschaftsexperte Nicholas Stern - in Relation zum dürftigen Angebot von 10 Milliarden und bezeichnet dieses als den Versuch der reichen Länder, "Manhattan gegen Glasperlen und Wolldecken einzutauschen". Er fügt hinzu: "Deswegen wurde auch nichts unversucht gelassen, um die Staatsführer zu einem schnellen Abschluss zu bewegen. Man hat die letzte noch freie Rohstoffquelle erschlossen und kurzerhand den Reichen überschrieben."
Seit Monaten hatten NGOs darauf gedrungen, dass in Kopenhagen unbedingt ein Abschluss erreicht werden müsse. Aber nicht jeder Abschluss taugt etwas - am wenigsten der dort erreichbar scheinende, der die Klimakrise nicht bewältigen, sondern die Lage allenfalls verschlimmern kann, wenn das derzeit herrschende Ungleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden zementiert würde. Augustine Njamnshi von der Pan African Climate Justice Alliance verurteilt den 2-Grad-Vorschlag mit den Worten: "Man kann nicht von einer Lösung für das Klimaproblem sprechen, wenn dabei Millionen von Afrikanern sterben und die Armen weiterhin für die Umweltsünden der Reichen bezahlen."
Stilwell betont, dass es nicht zu spät sei, eine Katastrophe abzuwenden. "Ich würde lieber sechs Monate oder ein Jahr warten, bis die Wissenschaft nachgekommen ist und sich ein Bewusstsein für das Problem und ein politischer Wille gebildet haben, so dass die Führer der betroffenen Gesellschaften angehalten sind, ihre Interessen durchzusetzen." Zu Anfang des Gipfels war der bloße Gedanke an Verzögerung schon eine Umweltsünde. Dann aber haben viele einen Gang zurückgeschaltet und wollten alles lieber nicht zu schnell, aber dafür ordentlich machen.
Auf den Punkt brachte es Erzbischof Tutu, der zunächst darauf hinwies, was der 2-Grad-Vorschlag für Afrika bedeuten würde, und dann sagte, dass man "besser zu keinem Abschluss als zu einem schlechten Abschluss" komme. Es wäre vielleicht die einzige Chance, die eigentliche Katastrophe abzuwenden.
Von Naomi Klein, 1970 in Montreal geboren, erschien auf Deutsch zuletzt das Buch "Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus". Unseren Text übersetzte Andrian Widmann.