Als ich ein Kind war, Mitte der Fünfzigerjahre, saß ich hinten im Auto. Vorne saßen meine Eltern. Ich war Dinosaurierfan und stellte mir vor, wie es vor zweihundert Millionen Jahren gewesen sein mochte, als der Tyrannosaurus Rex, der heute vor dem Frankfurter Senckenbergmuseum steht, durch die Farnlandschaften eines erdmittelalterlichen Taunus stapfte. Diese Fantasien wurden an einer bestimmten Stelle – unsere Sonntagsausflüge führten immer wieder auf dieselben Strecken – unterbrochen, weil ich rechts, gegenüber auf dem Mauerwerk einer Brücke verblasst, aber doch deutlich lesbar „Rätedeutschland“ erkennen konnte. Ich wusste nicht, was dieses Wort bedeutete.
Es war rätselhafter als „Eoraptor lunensis“, „Argentinosaurus“ oder „Brachiosaurus“ – die hatte ich alle aus Silberpapier nachgeformt. In langen, sehr vergnüglichen Nachmittagen hatte ich meine Zunge an ihre Namen gewöhnt.
„Rätedeutschland“ dagegen war ein nicht zu knackendes Rätsel. Räte kannte ich gut. „Geheimräte“ traten schließlich in fast allen Büchern auf, die wir in der Schule lasen. Was „Deutschland“ war, schien ohnehin klar zu sein. Aber das Kompositum war ein unlösbares Geheimnis. „Rätedeutschland“ war – so viel war mir klar – ein Relikt, das Fossil einer Auseinandersetzung, über die mir nichts bekannt war. Es stand – ich wusste nicht, wie lange schon – da drüben an einer Brücke, über einer Straße, die keine Straße mehr war.
Idee einer Räterepublik reizte in den Sechzigern viele
Mehr als zehn Jahre später hatte ich die Namen der Saurier vergessen, aber ich propagierte die Idee einer Räterepublik. Die Philosophin Hannah Arendt hatte die Räte begeistert begrüßt, als sie 1956 den Eindruck hatte, bei den aufständischen Ungarn wieder auf sie gestoßen zu sein. Die Vorstellung, dass die Menschen sich zusammentun, Räte bilden, um ihre Interessen selbst wahrzunehmen, dass sie sich also nicht vertreten ließen, reizte in den Sechziger- und zu Beginn der Siebzigerjahre viele Menschen – fast überall auf der Welt.
Wer damals links war in der Bundesrepublik, der war nicht unbedingt für eine Ausweitung des Staates. Im Gegenteil. Die meisten waren sehr interessiert daran, der Macht des Staates Grenzen zu setzen. Die DDR war keine linke Utopie. Dass dort die Menschen nichts zu sagen hatten, war niemandem entgangen. Es gab dann freilich viele, die nach der Logik „der Feind unseres Feindes ist unser Freund“ verfuhren. Das ist die Logik des Realpolitikers.
Auf Seite 2: Ein paar Jahre später waren einem die eigenen Slogans rätselhaft