Irgendein Witzbold hat das Bonmot geprägt, das Volumen des deutschen Buchmarktes entspräche etwa dem hiesigen Geschäft mit tiefgefrorenen Erbsen. Nun kennen wir nicht die aktuellen Zahlen für das Tiefkühl-Sortiment. Dafür aber die Zahlen des Deutschen Buchhandels, die der in Frankfurt am Main ansässige Börsenverein unter Vorsitz von Gottfried Honnefelder heute für das Jahr 2008 bekannt gibt. Sollte jener Witzbold Recht haben, dann werden in Deutschland mit tiefgefrorenen Erbsen knapp zehn Milliarden Euro Umsatz erzielt. Denn das ist die offizielle Zahl für den Buchhandel im vergangenen Jahr: 9,614 Milliarden Umsatz.
Dieser Tage wurde die Presse im Frankfurter Literaturhaus vorab über die Lage der Branche informiert. Der langjährige Suhrkamp-Cheflektor Gottfried Honnefelder - heute selber Verleger - kann sich eine Spitze gegen die Bundesregierung nicht verkneifen, der Buchhandel würde neuerdings als "Kreativwirtschaft" rubriziert.
Etwas von dem rugbyhaften Charme Siegfried Unselds scheint auf Honnefelder übergegangen zu sein. Er wundert sich über einiges - etwa darüber, dass der Belletristik-Umsatz 2008 im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent gestiegen sei (Zwischenruf: "Feuchtgebiete!") - und freut sich über anderes, etwa über den Verkauf der illegalen Tauschbörse Pirate Bay sowie darüber, dass die Chinesen von ihrem Filtersoftware-Vorhaben, vulgo: der Internetzensur, offenbar doch Abstand genommen haben.
Rückläufige Preisentwicklung
Für die Branche mögen kleine Ausschläge nach oben und unten relevant sein, als Ergebnis darf aber gelten: Der deutsche Buchhandel ist bisher von der Wirtschaftskrise verschont worden, sei es, weil die Verkaufszahlen erst im Jahr 2009 nach unten gehen werden, sei es, weil die Menschen in Rezessionszeiten gern zum Buch greifen. Blickt man über den Atlantik, wo nicht nur traditionsreiche Zeitungen sterben wie die Fliegen, sondern auch die angesehensten Verlage ums Überleben kämpfen, muss man eigentlich von einem kleinen Wunder sprechen. Good old Germany erlebt offenbar eine Schonzeit.
Eine "schlechte Nachricht", so Jürgen Horbach, Schatzmeister des Börsenvereins, sei die rückläufige Preisentwicklung für Bücher. Höhere Preise seien, bei gleichzeitig steigenden Herstellungskosten, nicht durchsetzbar. Die Folge: Taschenbücher und Hardcover liegen preislich nicht mehr weit auseinander, wovon die harten Umschläge profitieren. Ferner werde längst die Buchpreisbindung illegal im Internethandel unterwandert. Kaum sei ein Buch auf dem Markt, manchmal schon Tage vor seinem Erscheinen, würden "gebrauchte" Bücher bei Amazon, dem Platzhirschen unter den Internethändlern, angeboten - unter dem Ladenpreis.
Als erste Opfer der elektronischen Publikationspraktiken nennt Horbach die Fachverlage (für Medizin, Recht etc.), die von den alten Abonnement-Systemen der Universitätsbibliotheken plötzlich abgeschnitten sind. Nebenbei: Ob jede Dissertation als gedrucktes Buch erscheinen muss, darüber wäre in der Tat einmal tabulos nachzudenken.
Jedenfalls wandert im Bereich Wissenschaft ein ganzer Publikationszweig ins Internet ab, was keineswegs nur Nachteile für die Forschenden bedeutet, wie die Befürworter des "Open Access" zu betonen nicht müde werden. So bleibt beispielsweise die akademische Qualifizierung unabhängig von den mächtigen Verlagen und deren Forderungen nach teilweise horrend hohen Druckkostenzuschüssen.
Hörbücher stagnieren
Die Publikumsverlage, die den Bärenanteil am Branchengesamtumsatz beisteuern (über fünf Milliarden), verdienen am meisten nach wie vor mit der Ware Buch. Nicht mit Hörbüchern (die bei knapp fünf Prozent stagnieren) und erst recht nicht mit dem "E-Book", das nach Auskunft des Börsenvereins in Deutschland wirtschaftlich noch überhaupt keine Rolle spielt.
Zwei Tendenzen wurden ausgemacht: zum einen eine Sättigung der Verkaufsflächen bei den Großhandelsketten Hugendubel, Thalia und Weltbild; kein Zuwachs im Jahr 2008. Auf der anderen Seite eine Stärkung des mittleren und kleineren Sortimentsbuchhandels: Auch wenn der Verkauf per Internet kontinuierlich ansteige, hätten gerade die kleinen und mittleren Buchhandlungen (mit bis zu zehn Angestellten) sich als besonders umsatzstark erwiesen.
Und die Zukunft? Der Buchhandel müsse, betont Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, das E-Geschäft integrieren, konkret: dem Kunden Zugang zu legalen Downloads (wie "libreka.de") anbieten. Denn: Wir machten uns keine Vorstellung, warnt Skipis, wie raffiniert die Internet-Kriminalität es verstünde, seriöse Auftritte zu simulieren, die beim Kunden ein Unrechtsgefühl gar nicht erst aufkommen ließen. Raubkopien (von Ratgebern, Reiseführern) seien gang und gäbe. Der Kunde stößt auf eine mit Werbung bestückte Website, ahnt nichts von Urheberrechtsverletzung, zahlt per Kreditkarte - und der Anbieter befindet sich im außereuropäischen Ausland, vor Strafverfolgung sicher.
Rechtliche Sicherheit im Netz, das ist der zwar nicht neue, aber bleibend dringliche Appell des Börsenvereins an den Gesetzgeber. Der Buchhandel brauche Rechtssicherheit, um selbst vernünftig und, ja doch, kreativ auf die Möglichkeiten des Netzes zu reagieren. Konkret gestaltet sich die Umsetzung der Rechtssicherheit freilich schwierig. Denkbar wären Warnhinweise nach dem Motto: "Sie kaufen gerade ein illegales Produkt." Doch wollen sich die Provider nicht zwischen den Anbieter und den Kunden drängen, und das ist mehr als nur verständlich. Merke: Der Buchhandel ist eine Baustelle - und kein Tiefkühlfach.