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Kubricks "Napoleon": Der beste nie gedrehte Film

Stanley Kubrick wollte einen Napoleon-Film drehen. Doch das Projekt wurde nie realisiert. Zehn Jahre nach dem Tod des Regie-Genies werden nun seine Recherchen veröffentlicht. Von Natalie Soondrum

Um Geld zu sparen, ließ Kubrick für die geplanten 50.000 Statisten Kostüme aus reißfestem Papier entwerfen.
Um Geld zu sparen, ließ Kubrick für die geplanten 50.000 Statisten Kostüme aus reißfestem Papier entwerfen.
Foto: 1978 The Stanley Kubrick 1981 Trust/with permission of mgm

Im Jahr 1798 unternahm Napoleon Bonaparte seine Ägyptische Expedition mit mehr als 30.000 Mann. Er hoffte, die Briten aus dem Land am Nil vertreiben und so ihren Handel mit Indien empfindlich stören zu können. In diesem Vorhaben scheiterte der große französische Feldherr. Doch mit den 150 Gelehrten in seinem Gefolge, die in seinem Auftrag kartographierten, zeichneten und sammelten, gelang ihm ein Coup: Sie trugen ihre Erkenntnisse in dem enzyklopädischen Werk "Description de L´Egypte" zusammen, mit dem sie die Initialzündung für das Entstehen der Ägyptologie gaben.

Daran muss man unwillkürlich denken, wenn man die große Materialsammlung zu Stanley Kubricks niemals realisiertem Monumentalfilm "Napoleon" sichtet. Als er im Jahr 1999 starb, hinterließ Kubrick das größte Privatarchiv der Welt zu Napoleon Bonaparte. Jan Harlan, Kubricks Schwager, der als ausführender Produzent für das Film-Projekt engagiert war, hat jetzt Alison Castle beauftragt, Teile des faszinierenden Nachlasses in zehn Bänden zu veröffentlichen. "Stanley Kubrick´s Napoleon: The Greatest Movie Never Made" versammelt Fotomaterial, Korrespondenzen, eine historische Datensammlung und einen Faksimiledruck von Kubricks hervorragendem Original-Drehbuch.

Alison Castle (Hg.): Stanley Kubrick’s Napoleon : The Greatest Movie Never Made. Zehn Einzelbände. Taschen, 2874 Seiten. 500 Euro.
Alison Castle (Hg.): Stanley Kubrick’s Napoleon : The Greatest Movie Never Made. Zehn Einzelbände. Taschen, 2874 Seiten. 500 Euro.
Foto: taschen

Im Jahr 1967, die Arbeiten zu "2001: Odyssee im Weltraum" waren noch nicht ganz abgeschlossen, war Kubrick schon besessen von der Idee, das Leben Bonapartes zu verfilmen. Kubrick sagte immer wieder, es sei eine Illusion zu glauben, wir Menschen seien vernunftgesteuert, da doch unsere Emotionen die Triebkraft unseres Handelns seien. Als ausgewiesener Schachspieler bewunderte Kubrick Napoleons strategisches Genie. Es war für ihn unbegreiflich, wie ein Mann mit so großen Begabungen letztlich an seinem eigenen Charakter scheitern musste: Aus Trotz versäumte er es, mit den Engländern Frieden zu schließen und richtete stattdessen seine ausgezeichnete Armee beim Russlandfeldzug zugrunde.

"Der Stoff bietet alles, was eine gute Geschichte braucht: Einen überlebensgroßen Helden. Mächtige Feinde. Bewaffneten Kampf. Eine tragische Liebesgeschichte. Loyale und verräterische Freunde. Und jede Menge Mut, Grausamkeit und Sex", heißt es in seinen Aufzeichnungen.

Datenbank mit 17.000 Motiven

Doch neben der Story interessierte den für seinen Perfektionismus berühmten Regisseur kein geringeres Vorhaben als das, die Zeit Napoleons in seinen Filmbildern wiederaufleben zu lassen: In einem kleinen querformatigen Band finden sich 4000 Bilder in Briefmarkengröße. Ein Querschnitt aus der 17.000 Motive zählenden Datenbank zeitgenössischer Abbildungen von Napoleon, seinen Wirkstätten, Weggefährten und Widersachern, die Stanley Kubrick von seinen Assistenten anlegen ließ, um das ausgehende 18. und beginnende 19. Jahrhundert visuell zu erforschen. Mit einer ähnlichen Besessenheit hatte Napoleon übrigens den Maler Dominique Vivant Denon Zeichnungen der ägyptischen Denkmäler und Kultur anfertigen lassen, die 1802 unter dem Titel "Reisen im Oberen und Unteren Ägypten" erschienen. Kubrick dagegen ließ 35mm-Dias fotografieren, die auf IBM-Lochkarten montiert und archiviert wurden.

In einem blau gebundenen Band entdeckt man eine 1968 angefertigte Foto-Sammlung von Schauplätzen aus dem Leben Bonapartes: Schloss Fontainebleau, Versailles und herbstliche Aufnahmen kahler Äcker von Waterloo in Belgien. Der Produktionsfirma gegenüber warb Kubrick damit, dass man viel Geld sparen könne, wenn man an Originalschauplätzen drehte, anstatt teuere Sets nachzubauen.

Innnenaufnahmen ohne zusätzliches Filmlicht

Stanley Kubrick war ein sparsamer Regisseur, doch es ist wahrscheinlicher, dass er mit den günstig hergestellten Papier-Kostümen für die geplanten 50000 Soldaten-Statisten sparen wollte als durch das Drehen "on location". Das scheint nur ein schlauer Vorwand gewesen zu sein. In Wahrheit besaß Kubrick damals schon das lichtstarke Objektiv mit einer Blendengröße von 0,7, das die Firma Zeiss für die NASA hergestellt hatte. 1975 realisierte er damit in "Barry Lyndon" die spektakulären Kerzenlicht-Aufnahmen. Kubrick wollte seinen Napoleon-Film ohne zusätzliches "Filmlicht" in den Originalinterieurs drehen, der authentischen Atmosphäre wegen. 1971 schrieb er: "Ich glaube wirklich, dass ich den besten Film aller Zeiten machen werde."

Doch dazu kam es nicht. Anders als Napoleon scheiterte Kubrick nicht an seinem Charakter, sondern an der Finanzierung: Da MGM bereits den Napoleon-Film "Waterloo" produzierte, bekam Kubrick eine Absage. Daraufhin verhandelte er mit United Artists. Als "Waterloo" jedoch 1970 in den Kinos floppte, machte auch diese Produktionsfirma einen Rückzieher. Die Zeit der großen Historiendramen war vorbei.

Was bleibt, ist das nun veröffentlichte Material des Ausnahmeregisseurs, wenn auch nur in der limitierten Auflage von 1000 Exemplaren. Man hätte übrigens auf die disneyeske Verpackung verzichten können: Der ledergebundene Foliant mit ausgehöhlten Seiten als Schober ist kitschig und vermag nicht die Sensation des Inhalts, wohl aber seinen Preis zu steigern.

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  17 | 12 | 2009
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