Auf den ersten Blick wirkt die Szene, die da auf der Internetseite des Magazins Atlantic zu sehen ist, wie eine gemütliche Plauschstunde. Christopher Hitchens hat es sich im Salon seiner Wohnung in Washington bequem gemacht, er hat die Beine übereinander geschlagen, auf seinem Schoß hält er eine Tasse Tee. Ihm gegenüber sitzt Jeffrey Goldberg, Redakteur des Atlantic, daneben Hitchens’ Freund Martin Amis, der britische Romancier. Es ist eine illustre literarische Runde, doch das Thema ist an diesem Nachmittag im August weder George Orwell noch die große Weltpolitik, zwei Gegenstände besonderer Leidenschaft für Hitchens. „Ich sterbe“ beginnt der 61-Jährige das Gespräch. „Wenn ich noch fünf Jahre habe, bin ich ein glücklicher Mann.“ Dabei klingt seine Stimme nüchtern und ruhig.
Der Anglo-Amerikaner Hitchens, Verfasser von 15 Büchern und Universal-Intellektueller alter Schule, hat Speiseröhrenkrebs. Die Prognose ist „ganz und gar nicht gut“, wie er sagt, er hat sich darauf eingerichtet, dass er „wahrscheinlich nicht die Wiedererrichtung des World Trade Center erlebt und auch keinen Nachruf auf Josef Ratzinger wird schreiben können“. Eines will er aber unter allen Umständen – so distanziert wie möglich vom Sterben berichten.
Amerika verfolgt diese Aufzeichnungen aus dem „Land der Todgeweihten“, wie Hitchens seinen neuen Wohnsitz nennt, mit Spannung. Nicht, weil die Mehrheit der Amerikaner der Person Hitchens besondere Sympathien entgegen bringt oder auch, weil sie den Witz und Geist des Kolumnisten schätzen. Neugierig ist man vor allem auf eines: Ob der bekennende Atheist es durchhält, Gott die kalte Schulter zu zeigen, oder ob er im Angesicht des Todes schwach wird und den Herrn um Gnade anfleht.
Diesen Gefallen will Hitchens, der vor drei Jahren mit seiner Streitschrift „God is not great“ dem evangelikal angeheizten Amerika die ganze Verachtung des humanistisch gestählten Oxford-Absolventen entgegen schleuderte, den Missionaren unter seinen Lesern nicht tun. „Niemand, der als ich erkennbar ist“, sagte er beim Gespräch mit dem Atlantic, „wird jemals so etwas von sich geben.“ Er wolle nicht ausschließen, dass „irgendeine völlig verängstigte, gepeinigte Person, welcher der Krebs in das Hirn gekrochen ist“, im späteren Verlauf seiner Krankheit eine solche Bemerkung machen würde. Er könne aber garantieren, dass diese Entität nicht Christopher Hitchens sei. Das einzige Selbst, das Hitchens anerkennt, ist das Idealbild des analytischen Intellektuellen, dem er nacheifert, seit er in den 60er Jahren bei Karl Popper studierte. Und es ist das Ideal, dem er bis zum letzten Atemzug zu entsprechen gedenkt.
So schrieb Hitchens in der ersten Folge seines Tagebuchs des Todes, nachzulesen in der Septemberausgabe von Vanity Fair, dass die berühmten fünf Stufen des Sterbens von Elisabeth Kübler-Ross auf ihn nicht zutreffen. Die erste Stufe des Leugnens habe er übersprungen, dazu sehe er seine Situation zu objektiv. Die zweite Stufe der Wut, jenes „Winseln, dass das doch alles nicht fair sei“, habe er auch ausgelassen. Stattdessen sei er gleich zur dritten Stufe gesprungen, dem Feilschen um ein wenig Zeit, wenn man etwa seinen Geschmacksinn, seine Haare oder Verdauung gegen ein paar Monate Leben eintauscht.
Hätte er gewusst, dass er bei diesem Kuhhandel auch seine Sexualität würde verpfänden müssen, hätte er sich das ganze vielleicht noch einmal überlegt, sagt Hitchens. „Im Krieg gegen Thanatos ist der sofortige Verlust des Eros das größte Opfer.“ Worte eines Macho-Intellektuellen, wie Hitchens ihn gibt, seit er in der Öffentlichkeit steht; eines Mannes, der sich zu seinen zahllosen Affären mit Angehörigen beider Geschlechter bekannt und sich dabei genauso jedes moralische Urteil verbeten hat, wie bei seiner Sauferei und Nikotinsucht.
Für diesen Lebenswandel ist er nun bereit, die Konsequenzen zu tragen. Ein tapferer Trotz, der denjenigen nicht viel Mut machen kann, die auf ein Zu-Kreuze-Kriechen Hitchens’ warten. Hoffnung, dass Amerikas exponiertester Atheist die Meinung ändert, kann den von ihm brüskierten Gläubigen nur noch eines machen: Dass Hitchens schon einmal grundlegend die Meinung geändert hat.
2004 war er für Bush
Hitchens ist ein Kind der 60er Jahre, auch wenn ihm Ho Chi Minh näher war als Jimi Hendrix, Karl Marx ihm mehr sagte als Bob Dylan. Hitchens demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, war Trotzkist und aktives Mitglied der Labour-Partei. Einer seiner ersten Jobs als Journalist in den USA war es, eine Kolumne für die „Nation“ zu schreiben, eine Wochenzeitschrift am linken Rand. Nach dem 11. September 2001 vollzog Hitchens eine Kehrtwende – er sprach sich vehement für die Invasion des Irak aus, wechselte von der „Nation“ zur neo-konservativen „National Review“ und unterstützte 2004 George W. Bush.
In seinen eben erschienenen Memoiren stellt Hitchens den Seitenwechsel nicht als Widerspruch dar. Er sei nach wie vor historischer Materialist und habe nur im Irak keine Alternative zur Intervention gesehen: „Hätten wir den Irak denn so lassen sollen, wie er ist?“, fragt er seine Kritiker. Für Hitchens war der „Verrat“ folgerichtig. Es war die Entscheidung, sein Moralempfinden über die Angst zu stellen, anzuecken. Hitchens zögert nicht, sich Feinde zu machen – sogar von seinem Bruder, Anhänger der anglikanischen Kirche, hat er sich entfremdet.
Immerhin, sagt Christopher Hitchens, könne er es mit einer gewissen Dankbarkeit annehmen, wenn Leute wie sein Bruder für ihn beteten. Insofern jedenfalls, als sie nur für seine Genesung beten. Wer dafür betet, dass seine Seele gerettet wird, soll ihm bitte, solange er noch klar denken kann, den Buckel herunter rutschen.