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Kulturhauptstadt 2009: Bereit, sich auf Neues einzulassen

Linz, sagen seine Stadtväter, mauserte sich von einer Industrie- zur Kulturstadt. Aber stimmt das auch? Ein Besuch in der Kulturhauptstadt Europas 2009. Von Stephan Hilpold

Blick auf Linz, die Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2009.
Blick auf Linz, die Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2009.
Foto: ddp

Das berühmteste Porträt der Stadt stammt aus dem Jahr 1955. Es hängt derzeit im Linzer Kunstmuseum Lentos, es zeigt rauchende Industrieschlote und Ochsen und Pferde und stammt von dem Maler Oskar Kokoschka. Die Stadt selbst ist im Hintergrund recht undeutlich auszumachen, sie ähnelt eher einem lang gestreckten Dorf als einer pulsierenden Provinz-Metropole.

Die Stadtväter, die den skandalträchtigen Maler Kokoschka um ein "Bild der aufstrebenden Stadt Linz" baten, waren's zufrieden. Es hätte schlimmer kommen können. Bis heute heißt die wichtigste Straße von Linz "Landstraße". Das erklärt ganz gut, wie es um das Selbstverständnis von Linz bestellt ist. Genauer gesagt: war.

Zur Sache

Linz ist zusammen mit Litauens Hauptstadt Vilnius die Kulturhauptstadt Europas 2009. Die wichtigste Stadt in Oberösterreich litt lange unter ihrem Ruf, vor allem ein Industriestandort zu sein.

Dieses Bild hat sich allerdings nach der aufwendigen Sanierung des von historischen Häusern geprägten Zentrums und der Etablierung des Avantgarde-Festivals "Ars Electronica" stark gewandelt. Für die Saison als Kulturhauptstadt wirbt man folglich mit dem Motto "Linz verändert".

Denn die Stadt des Jahres 1955 ist nicht mehr jene von 2009. Einst kalauerte man "In Linz, da stinkts" und reimte ihren Namen auf Provinz. Heute gibt es dafür keinen Grund mehr. Die Industriestadt mauserte sich, so die offizielle Version der Stadtväter, zur Kulturstadt. Seit dem 1. Januar 2009 und bis zum 31. Dezember darf sie sich (gemeinsam mit Litauens Vilnius) sogar europäische Kulturhauptstadt nennen.

Sind die Zeiten als Linz Österreichs hässliches Entlein war also vorbei? Einst war die 190 000-Einwohner-Stadt zwischen den Kulturschwänen Salzburg (100 km entfernt) und Wien (200 km) höchstens für ihre verpestete Luft bekannt.

Ja und nein, sagt Martin Heller: "Die kulturelle Lufthoheit besitzen wir nicht." Wenn es nach dem Intendanten der Kulturhauptstadt geht, wird sich daran auch nicht viel ändern: "Ihr seid keine Kulturstadt, habe ich zu den Stadtvätern gesagt, ihr seid noch immer eine Industriestadt."

Freunde hat sich der Kulturhauptstadt-Intendant mit diesen Worten, die er gerne und oft wiederholt, keine gemacht. Er, der Schweizer, der auch als Linz09-Intendant nicht in Linz wohnt, sondern zwischen Zürich und der oberösterreichischen Landeshauptstadt hin und her jettet, macht den Stadtpolitikern nicht den Gefallen und malt das Bild vom großartigen Linz an die Wand. Linz wird nicht Salzburg werden. Aber, so der Intendant, vielleicht wird sie bis 2015 die interessanteste Stadt Österreichs werden. Falls alles gut geht.

Heller setzt auf das, was die Stadt mitbringt. Und meint damit weniger das vor einigen Jahren errichtete Lentos-Museum für zeitgenössische Kunst, auch nicht das gerade ausgebaute Ars Electronica Center oder den in Bau befindlichen Südflügel des Linzer Schlosses: Die großen Ausstellungen und die berühmten Künstler werden weiterhin in Salzburg, München oder Wien zu sehen sein.

Hellers Konzept für die Kulturhauptstadt ist seit Anfang des Jahres auf den Plätzen der Stadt, in Stollen und verlassenen Häusern, und, ja, auch in den großen Kulturinstitutionen von Linz zu sehen. 280 Seiten hat das Programmbuch von Linz09, und zwischen den Bildern, die ein heruntergekommenes, ländliches, modernes, multikulturelles, industrielles, fröhliches und auch tristes Bild der Stadt zeigen, sind mehr als 150 Programmpunkte aufgelistet.

Es ist ein Programm für die und mit der Stadt geworden, ohne große Prestigeprojekte wie das Ufo-ähnliche Kunsthaus, mit dem die Kulturhauptstadt Graz im Jahre 2003 international viel Aufsehen erregte, ohne teure Koproduktionen oder Ausstellungen, die um viel Geld in die Stadt geholt werden.

Das Konzept von Linz09 ist, mit den Linzerinnen und Linzern selbst an der Veränderung ihrer Stadt zu arbeiten - Partizipation statt Repräsentation, wenn man so will. 65 Millionen Euro hat das Team um Heller dafür zur Verfügung, 260 Millionen steckt die Stadt in Investitionen.

Das Herzstück des Theaterprogramms etwa ist ein riesiges Schulprojekt, das im gesamten Bundesland mit internationalen Koryphäen veranstaltet wird. Gemeinsame Aufführungen gibt es nicht. Warum auch, fragt Airan Berg, der das Theaterprogramm zusammengestellt hat: "Ich mache ein Programm für die Menschen und nicht für das Feuilleton." Er holt zwar Kapazunder - österreichisch für Koryphäen - wie Luc Perceval oder Matthias Langhoff in die Stadt, doch auch mit ihnen arbeitet er auf seine eigene Art und Weise.

Berg leitete in den vergangenen Jahren das Schauspielhaus in Wien mit einer betont internationalen, kulturüberschreitenden Ausrichtung. Er lud jüdische Theatermacher ein und initiierte gemeinsam mit heimischen Künstlern Projekte, er holte fremdsprachige Schauspieler und mit ihnen neue Zuschauer ins Theater. Genau das macht er jetzt auch in Linz. Nur eben in einem viel größeren Maßstab und mit dem Unterschied, dass er in Linz kein sattes Metropolenpublikum bedienen muss, sondern Zuschauer, die einen neugierigen Blick in die Welt hinaus werfen wollen. Beim von Regisseur David Maayan inszenierten "Purimspil" von Joshua Sobol geht es dafür erst einmal tief ins Berginnere.

In einem zum Weinkeller umfunktionierten Stollen begeht eine bunte Schauspieltruppe das jüdische Faschingsfest auf ihre Weise: Sie singen Roma-Lieder und jiddische Weisen, völlern und feiern, reißen sich die Lager-Kleidung vom Leib und bespucken den König. Ein hoffnungsloser Fall von tiefschwarzem jüdischem Humor. Doch das Publikum ist begeistert."Mein Programm ist meine Rache an Adolf Hitler", sagt Schauspielchef Airan Berg. Um diesen Satz zu verstehen, muss man einige Dinge über Linz wissen. Schon einmal war Linz nämlich Kulturhauptstadt, das war in der Nazizeit, und Linz firmierte als "Kulturhauptstadt des Führers".

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Autor:  STEPHAN HILPOLD
Datum:  24 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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