Es klingt wie ein Märchen. Ein reicher Investor aus Abu Dhabi will im überschuldeten Oberhausen entweder das Stadttheater oder den Zweitligafußballclub Rot-Weiß finanzieren. Teams der beiden Institutionen treten in einem kreativen Wettkampf gegeneinander an, um die Gunst des Sponsors auf sich zu lenken. Das ist aber kein Märchen - sondern eine Performance. Schorsch Kamerun nimmt sich mit seinem Projekt "Abseitsfalle" in einer Oberhausener Sporthalle die Finanzkrise vor. Die Idee trifft die Stimmung: Am liebsten würden viele einmal fest die Augen zukneifen und dann ist alles wieder gut. Aber die Realität ist mal wieder hart im Ruhrgebiet. Früher baute man Kohle ab, heute die Kultur. Passenderweise genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Region sich mit dem Titel einer Kulturhauptstadt Europas schmückt.
Essen, der Bannerträger des Ruhrgebietes, hat extreme Einsparungen angekündigt. Beschlossen werden sie wie in allen Städten erst in einigen Monaten von den Stadträten. Aber die Vorlagen liegen auf den Tischen und würden vielerorts Spartenschließungen oder die Abwickelung ganzer Häuser bedeuten. Dabei kümmern sich die Kämmerer - und Oberbürgermeister - gar nicht mehr darum, wie die Theater ihre Vorgaben umsetzen sollen. Sie setzen eine Summe fest und sagen: Macht mal!
In Essen sind Oper, Ballett, Schauspiel und Philharmonie zur TUP, der Theater und Philharmonie GmbH, zusammen geschlossen. Der Zuschuss für die TUP soll nun bis 2013 auf 37, 8 Millionen Euro gesenkt werden. Laut Stadt ist das eine Reduktion von 7 Millionen Euro. Der Betriebsrat rechnet aber anders. Denn durch viele weniger gespielte Vorstellungen gibt es auch weniger Einnahmen, außerdem muss die TUP zwei Jahre lang die Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst auffangen, was sich über die Jahre hinweg potenziert. So dass die effektive Einsparung doppelt so hoch ist. Das bedeutet, sagt der Betriebsratsvorsitzende Adil Laraki, dass entweder das Aalto-Musiktheater geschlossen werden muss - noch vor kurzem laut deutschlandweiter Kritikerumfrage Opernhaus des Jahres - oder alle drei anderen Sparten, Schauspiel, Ballett und Philharmonie. Hagen und Oberhausen sitzen schon länger in der Überschuldungsfalle. Der Gesamtwert des städtischen Besitzes ist geringer als die Verbindlichkeiten. Hier hängt das Damoklesschwert der inzwischen allmächtigen Regierungspräsidenten, der kommunalen Aufsichtsbehörden, über den Theatern.
Jederzeit kann die Anordnung kommen: Macht zu! Jürgen Büssow, Regierungspräsident in Düsseldorf, hat in einem Interview die Stadt Wuppertal schon für ihren "Mut" gelobt, das Schauspielhaus als Spielstätte zu schließen und zwei Millionen bei den Bühnen einzusparen. Er ist für einige weitere Städte in Not zuständig, der Druck ist gewaltig. Bei den vielen Demonstrationen dieser Tage hört man oft den bitteren Witz: "Was wird wohl demnächst aus Menschen, die kein Theater mehr kennen? - Regierungspräsident."
Oft geht es um verschwindend geringe Summen, die aber manchen ohnehin schon auf finanzieller Sparflamme arbeitenden Theatern den Garaus machen würden. In Moers zum Beispiel sind es 64 000 Euro, die das Schlosstheater in der nächsten Saison sparen sollte. Das würde laut Intendant Ulrich Greb schon bedeuten, dass kein Geld mehr für Gastregisseure und Ausstattung da wäre, das kleine Haus also nicht mehr produzieren könnte.
Gerade das Schlosstheater ist ein Beispiel für ein kleines Theater, das sich mit kreativen Ideen und gewaltigem Engagement aller Beteiligten ein eigenes Profil erarbeitet hat. Ulrich Greb startet Kampagnen, beschäftigt sich mit Themen wie Armut und Demenz, verzahnt die Bühne mit sozialen und kulturellen Einrichtungen der Stadtgesellschaft. Das leistet er mit einem Gesamtetat von 1, 27 Millionen Euro. Wenn der nun wie geplant bis 2014 auf drei Viertel der bisherigen Summe zurück gefahren wird, ist klar, dass dann nur noch ein paar unkündbare Techniker und Bürokräfte tatenlos herum sitzen.
Die freie Szene wird von den Sparbeschlüssen ähnlich hart getroffen. Denn viele Gruppen arbeiten ohnehin schon am Rande der Armutsgrenze. Alle Erkenntnisse, wie wichtig Kulturerlebnisse für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind, haben in der Krise keine Geltung mehr. Duisburg will das Reibekuchentheater nicht mehr fördern und seine Spielstätte, das Kom´ma im Vorort Rheinhausen schließen. Hamm plant, dem Helios Theater, das es vor vielen Jahren in die Stadt gelockt hat, ein Viertel der Unterstützung zu streichen. Und viele Musikschulen müssen ihre Preise erhöhen, was in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit ein hässliches Signal ist. Die Eintrittskarten vieler Bühnen sind ebenfalls schon teurer geworden, und es ist fast ein Wunder, dass zum Beispiel in Hagen die Vorstellungen immer noch voll sind. Weil sich die Bürger ihr über hundert Jahre altes Stadttheater mit eigenem Ensemble nicht weg nehmen lassen wollen.
Es gibt keine Theaterkrise, sondern eine Finanzkrise. Das ist zwar tröstlich für die Bühnen, hilft aber nicht weiter. Zumal viele Kulturdezernenten und -politiker inoffiziell berichten, dass in den meisten Stadträten die Mehrheit nichts mit Theater anfangen kann und auch kaum etwas von den Abläufen eines solchen Betriebs versteht. Es wird also für die Bühnen überlebensnotwendig, Menschen von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen, die sich nicht für ihre Arbeit interessieren. Ein großer Teil der städtischen Eliten hat sich von der Kultur abgewandt. Das gibt der Situation zusätzliche Dramatik.
Das Land NRW gibt den Bühnen viel weniger Geld als andere Bundesländer. Die Forderung, den Anteil nun zu erhöhen, liegt auf der Hand. Doch so einfach geht das nicht. "Die Finanzierung der Kommunen muss generell neu gestaltet werden", sagt Peter Landmann, Abteilungsleiter Kultur in der Staatskanzlei NRW. "Das können wir nicht nur kulturpolitisch diskutieren." Aber das Kabinett hat eine Kommission eingesetzt, die auf akute Notlagen der Städte mit Hilfe reagieren kann. Es gibt also zumindest eine Struktur , in der solche Fragen besprochen werden können. Für Politiker ist so etwas wichtig, sonst fühlen sie sich handlungsunfähig.
Nirgendwo gibt es so eine Theaterdichte wie im Ruhrgebiet. Das macht den geistigen Reichtum dieser Region aus, doch natürlich könnte man sich ein regionales Konzept vorstellen, das die Kräfte effektiver bündelt. Das fordern viele, aber es macht keiner. Weil sich niemand zuständig fühlt. Das Land verweist auf die kommunale Selbstverwaltung, die Städte kämpfen ums Überleben und kümmern sich um sich selbst. Also passiert nichts, die Angst lähmt, keiner will einen Fehler machen. Die Situation war seit vielen Jahren absehbar, nun verschärft sie sich immer mehr. Die Stadträte fällen ihre Beschlüsse zwischen Mai und Juli, dann könnte es die ersten Sparten- und Theaterschließungen geben. Dass sich die Region gerade als europäische Kulturhauptstadt feiert, wirkt vor diesem Hintergrund absurd. Das Ruhrgebiet ist auf dem Weg zum Kulturhauptslum.