Ganze Busladungen von Besuchern drängen am Freitag vormittag ins Paul-Löbe-Haus und stauen sich wegen der Taschenkontrolle am Eingang. Oha!, denkt man, die Kulturkonferenz der Bundestags-Grünen scheint einen Nerv getroffen zu haben. Im Inneren des Parlamentsgebäudes sieht man die meisten Einströmenden dann aber rasch in Fahrstühlen verschwinden, während sich die für die Kulturkonferenz vorgesehenen Stuhlreihen im Parterre nur allmählich und nicht einmal zur Gänze füllen.
Ein seltsam preisgegebener Ort ist mit dem Foyer des langgestreckten Betonbaus für die Konferenz zum Thema "Heimat" gewählt worden. Eine Passage zwischen Fluss und Kanzlerinnenamt, in die von jenseits der Spree eines der riesigen Bullaugen des benachbarten Wissenschaftszentrums hereinglotzt. Die Galeriegänge werden von herabstarrenden Besuchergruppen durchflutet, während immer wieder die Klingel ertönt, die die Abgeordneten "zur Abstimmung mahnt", wie Fritz Kuhn erklärt, der Vorsitzende der Bundestagsfraktion, der die Grüne Kulturkonferenz 2009 moderiert.
Dass es auch hier um Ergebnis und Konsens gehen könnte, erwartet von den vielleicht hundertzwanzig Teilnehmenden der "Heimat"-Konferenz aber wohl keiner. Nicht nur der schlaue Untertitel "Wir suchen noch" hält die Sache in der Schwebe. Auch das Plakatmotiv sorgt für ironische Distanz: ein sanierungsbedürftiges Mehrparteienhaus, dessen trostlose Minibalkons an der falschen, nämlich türlosen Wand kleben. Trotzdem: Die Grünen und die Heimat - ja geht's denn noch?
Durchaus. Und das auch keineswegs nur so weit, wie sich Ernst Bloch zum Thema äußerte, als er Heimat als utopischen Ort markierte, als "etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war". Sondern man identifiziert diesen Begriff von Parteiseite letztlich recht konkret mit der auch anderswo "Heimat" genannten umgebenden Lebenswelt, sprich: mit Deutschland. Allerdings nicht unbedingt mit dem Deutschland der Kindheit, nicht einstimmig, nicht allgemeingültig und ganz und gar nicht ohne Bedingungen.
Für Katrin Göring-Eckardt, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, 1966 in Thüringen geboren, ist Heimat ein Ort, den sich Menschen erst schaffen müssen. Und an dem sich dann aber durchaus Leute finden können, "die man sich nicht ausgesucht hat". Starke, positive Heimatgefühle hielten auch Zugezogene aus, sagt sie in ihrem Eröffnungsbeitrag. Und im übrigen sei Heimat ein originär grünes Thema; Graswurzelbewegung und so.
Für die Fraktionsvorsitzende Renate Künast ist der Bezug zur Parteigeschichte zentral. In ihrer Jugend, sagt die 1955 im Ruhrgebiet Geborene, sei "Heimat ohne Tümelei nicht zu haben gewesen". Ein Gartenzwergalptraum, in dem kritischen Stimmen die Tür (bzw. der Weg nach Osten) gewiesen worden sei. Dabei hätten die "Nestbeschmutzer", als sie sich später als Grüne konstituierten, im wesentlichen "Kulturlandschaften" erhalten, lokales Geschichtsbewusstsein entwickelt und die deutsche Linde geschützt. Etliche grüne Tugenden (Mülltrennen!) gälten im Ausland inzwischen als "typisch deutsch". "Heimat", resümiert Renate Künast, "ist dort, wo ich Ursache bin".
Dass es bei der Suche der Grünen nach einem akzeptablen Heimatbegriff sowohl darum geht, die gesellschaftlichen Erfolge der Partei auszustellen, als auch etwas Programmatisches gegen die globalen Krisen in die Hand zu bekommen, zeigt schließlich die am Abend im Café Einstein gehaltene Rede von Claudia Roth. Die 1955 im schwäbischen Krummbach geborene Bundesvorsitzende findet es - wie sie im Garten ausruft, bevor es Schnittchen gibt - vor allem wichtig, "dass man den Heimatbegriff nicht den Konservativen" überlässt.
Statt dessen müsse man "Heimat von unten denken" und ihr "einen neuen Sound geben". Den Sound der Randgruppen und den Sound Europas, "das eine Heimat sein kann für eine halbe Milliarde Menschen". Spätestens da ist der Heimatbegriff in alle links- und grünpolitisch korrekten Wünsche dissoziiert, die einer nur haben kann. Heimat als offenes, beeinflussbares, plurales, individuell zu definierendes und allseits anschlussfähiges Angekommensein. Eine Heimat also, deren Qualität gerade darin besteht, dass man sie gar nicht merkt?
Die nicht parteipolitischen Beiträge der Konferenz und die Diskussionen in den "Grünen Schollen" am Nachmittag sind bei weitem nicht so bemüht, den Begriff zu erhalten und führen viel schneller in persönliche Tiefen. Die feinstofflichste Auseinandersetzung lieferte die 1967 geborene Publizistin Carolin Emcke. Sie entwickelte die These, dass so genannte Heimatgefühle eher von Geschichten als von Orten oder gesellschaftlichen Kontexten ausgelöst würden und alles, was gemeinhin als Heimat konstituierend gilt, nur ein Code für die Erinnerung an das sei, was den Einzelnen geprägt hätte. "Ich stelle mir Heimat als Die Kunst der Fuge' von Bach vor", bekennt sie abschließend. "Als unfertige Partitur, als offener Klang, als nicht zu Ende geschriebenes musikalisches Werk." Hier ist die Suche selbst die Heimat.
Am späteren Abend taucht, etwas erschöpft, aber braun gebrannt, noch Jürgen Trittin im Café Einstein auf. "Heimatlieder mit DJ Jürgen" steht auf dem Programm. Assistiert von einem, der sich an den Reglern ein bisschen besser auskennt als er selbst, zieht der (1954 geborene) männliche Spitzenkandidat der Grünen die Sache durch. Mit den Toten Hosen, Foyer des Arts oder der Spider Murphy Gang manövriert er sich quer durch die Republik, ein paar Altmitglieder tanzen ausgelassen dazu, während Frau Roth und Frau Künast nicht mehr zu sehen sind und man selbst etwas erschrickt, als man merkt, dass man alle Texte kennt. Ist es hier nun also doch, das "vermaledeite" (Claudia Roth) Heimatgefühl? Ist es Heimat, wenn man unwillkürlich mitgrölt? Aber nein: Auch nach dieser Konferenz wird man weiterhin einfach von popkultureller Sozialisation sprechen dürfen.