Bremen weiß nicht mehr, was es will. Noch vor wenigen Wochen hieß es, dass man schnellstmöglich einen Nachfolger für den Generalintendanten Hans-Joachim Frey suche, um das Theater Bremen vor größerem Schaden zu bewahren. Jetzt will man sich bei der Suche Zeit lassen, wieder um das Theater vor größerem Schaden zu bewahren. Erst sollte der Nachfolger ein mächtiger Generalintendant werden wie Frey es war, jetzt liebäugelt Kultursenator Jens Böhrnsen und seine Staatsrätin Carmen Emigholz mit einer "weniger autoritären Führungsspitze, in der sich die Spartenleiter stärker einbringen können als bisher". Einen Generalintendanten aber soll eine kürzlich einberufene Findungskommission dennoch suchen. Ausgeschrieben ist die Stelle nicht, dafür steht die Findungskommission mit Amelie Niermeyer, Barbara Mundel, Andreas Homoki und Jürgen Schitthelm seit vier Wochen.
In Bremen kann man sich ansehen, was Kulturpolitik tut, wenn sie am Ende der Sackgasse angekommen ist: Während der Anspruch an das Theater seit Jahrzehnten ungebrochen hoch ist, hat die Politik dem Haus in derselben Zeit kontinuierlich Geld weggenommen. Schon vor nunmehr 15 Jahren formulierte der designierte Bremer Intendant Klaus Pierwoß nach ersten Gesprächen im Rathaus den bemerkenswerten Satz: "Die Erwartungshaltung geht in Richtung Bundesliga, die Finanzausstattung entspricht der zweiten." Zwischenzeitlich bewegte sich Bremens Theater auf Dritte-Liga-Niveau.
Kein Wunder: Das Vier-Sparten-Haus erhält jährlich öffentliche Zuschüsse in Höhe von 23 Millionen Euro. Das ist weniger als beispielsweise das viel kleinere Staatstheater Braunschweig bekommt. Es ist mit über vier Millionen Euro verschuldet. Bürgermeister Jens Böhrnsen schließt betriebsbedingte Kündigungen der fast 500 Mitarbeiter kategorisch aus. Da bleibt kein Spielraum für den neuen Intendanten, egal, ob der mehr oder weniger autoritär sein wird.
Die Politik weigert sich, eine ganz simple Wahrheit offen auszusprechen: Theater auf jenem Niveau, das der Bremer seit langem kennt und liebgewonnen hat, wird es an der Weser künftig nicht mehr geben. Stadt und Land Bremen können und wollen es sich nicht leisten. Zumindest die Oper, deren künstlerisches Budget jenes des Schauspiels - je nach Rechenart - um glatt das Zehnfache übersteigt, lässt sich unter den gegebenen Bedingungen nicht länger finanzieren. Entsprechend schwer dürfte es werden, einen Nachfolger für den gescheiterten Hans-Joachim Frey zu finden. Schon als Klaus Pierwoß abtrat und die Stadt einen neuen Intendanten suchte, meldete sich nicht eine einzige Person mit Erfahrung aus vergleichbarer Position.
Auch jetzt winken die gehandelten Favoriten ab. Martin Röder etwa, ehemals Intendant in Heidelberg und heute Leiter der Bremer Kulturbehörde, möchte "ganz sicher nicht" seinen Hut um die Leitung des städtischen Theaters in den Ring werfen. Markus Müller, derzeit Intendant in Oldenburg, möchte es "ganz bestimmt nicht". Frank-Patrick Steckel, zehn Jahre Intendant des Schauspiels Bochum und ehedem Oberspielleiter in Bremen, erklärt gar, dass er erstens "nicht verrückt" und zweitens mit Bremen "fertig" sei - "und zwar seit 30 Jahren."
Nicht ganz so lang ist es her, nämlich dreieinhalb Jahre, da waren die Wirtschaftsprüfer der "PricewaterhouseCoopers AG" mit Bremen fertig. In ihrem Gutachten zur wirtschaftlichen Lage des Theaters empfahlen sie der Stadt, das Kapital des Hauses entweder anzuheben oder "die Verringerung des kulturpolitischen Anspruchs auf ein notwendiges, erforderliches, nachgefragtes und finanzierbares Maß". Der damalige Kultursenator Jörg Kastendiek hielt das Gutachten unter Verschluss. So geht es jetzt weiter. Oder, um mit Bürgermeister und Kultursenator Jens Böhrnsen zu sprechen: Die Stadt versucht die vakante Stelle des Intendanten wieder einmal ganz "im Sinne der Bremischen Theatertradition" zu besetzen. Darin liegt das Problem.