Frauen hören Musik, sagt Klaus Farin, Männer sammeln sie. Deshalb fing irgendwann auch alles an. Weil er selbst ein notorischer Sammler ist, kam Klaus Farin 1998 auf die Idee, das Archiv der Jugendkulturen aus den Stapeln und Kisten seines Büros hervorgehen zu lassen.
Szenehefte, Fanzines, Musikzeitschriften, CDs: alles da. Im Archiv in der Fidicinstraße 3 in Berlin-Kreuzberg finden sich seit nunmehr zwölf Jahren Studenten, die über einer Diplomarbeit brüten, ebenso ein wie ehemalige Punkmusiker, die mehr über die Zeit in Erfahrung bringen wollen, die sie in schnell wechselnden Bands verbrachten. Filmleute recherchieren, um ein bestimmtes Zeitgefühl genau abbilden zu können oder benötigen rasch eine alte Ausgabe des legendären Magazins Twen als Requisite.
In den meisten Fällen können Klaus Farin und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter helfen. Auf 700 Quadratmetern ist vieles aufgehoben, was das junge Herz einmal bewegt und in selbstdarstellerische Druckerzeugnisse überführt hat. Jugendkultur, das war schon in den sechziger Jahren weit mehr als nur Bravo.
So kann es nicht weitergehen
Vieles stammt aus privaten Sammlungen. Manches kam bei Umzügen oder Wohnungsauflösungen zum Vorschein. Wär doch zu schade, einfach alles wegzuwerfen. Das Archiv der Jugendkulturen ist aber nicht nur Rumpelkammer für schrille Drucksachen, sondern auch Forschungseinrichtung, Ausstellungsareal und Ort für Jugendseminare.
Der ist nun bedroht. Rund 5500 Euro zahlt der Verein monatlich an Miete, bis zu 1500 Euro legen die Mitglieder oft aus eigener Tasche drauf, wenn nicht genügend Geld über Buchverkäufe reinkommt. So kann es nicht weitergehen, befand Farin und machte die prekäre Lage des Archivs öffentlich.
Am 31. Oktober läuft der Mietvertrag aus. Bis dahin, sagt Farin, müssen wir entscheiden. Dichtmachen oder weiterwursteln. Aber wie? Er und seine 28 Vereinsmitglieder haben beschlossen, eine Stiftung zu gründen. Dafür brauche man mindestens 100000 Euro, etwa 10000 Euro sind über Spenden bereits zusammengekommen. Woher aber soll der Rest kommen?
An Anerkennung von höchster politischer Seite hat es dem Archiv nie gemangelt. Wer sich über Themen wie Jugendliche und Rechtsradikale oder Jugendliche und Migration informieren will, fand hier oft authentisches Material.
Der Zuspruch, beklagt Klaus Farin, war oft einer, der nichts kostet. Projektmittel sind immer wieder in die Fidicinstraße 3 geflossen, wo Farin Mitte der achtziger Jahre mit anderen eines der ersten Berliner Journalistenbüros unter dem Namen Presstige gegründet hatte.
Als die Kollegen allmählich in Festanstellungen diverser Berliner Rundfunkanstalten abwanderten, blieb Farin mit Jeansjacke und Langhaarfrisur einfach in der Fidicinstraße sitzen. Er schrieb diverse Bücher über Pop und Jugendgewalt, recherchierte in der rechten Szene und provozierte gern auch einmal. „Böhse Onkels? Find ich gut“ war ein Artikel überschrieben, in dem er als einer der ersten den Wandel der einst als rechtslastig geschmähten Band registriert hatte.
Es gibt auch Unterstützung
Klaus Farin ist eine Art deutsche Antwort auf Jon Savage. Der legendäre britische Autor und Punk-Kenner hatte zuletzt mit seinem Buch „Teenage“ eine aufregende Kulturgeschichte der Jugendbewegungen veröffentlicht.
Das Archiv der Jugendkulturen ist in ernster Gefahr, aber nicht ohne Unterstützung. Monika Grütters (CDU), Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, kritisierte kürzlich die Versuche der Politik, sich für nicht zuständig zu erklären. Dieses Verhalten wirke so, als ob die Politik nicht anerkennen würde, welche enorme Leistung der Leiter des Archivs, Klaus Farin, und seine Mitarbeiter erbracht hätten, sagte die Politikerin gegenüber dem Sender Deutschlandradio Kultur.
Monika Grütters sprach sich für ein Modell der Mischfinanzierung zwischen Bund und Ländern aus. Ein bisschen Mut machte sie Farin auch. „Wenn dann so ein Notruf losgeht“, so die erfahrene Kulturpolitikerin, „dann interessieren sich ja doch auf einmal viele Stellen neu und immer wieder dafür.“