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Leipziger Buchmesse 2010: "Wäre auch schrecklich gewesen"

Sorgen und Freuden, Kapern und Sardellen auf der Leipziger Buchmesse 2010. Der gute Ausgang, der Preis für Georg Klein, täuscht nicht über die mutmaßlich seltsame Dynamik einer solchen Vergabe hinweg. Von Judith von Sternburg

Die wichtigste Buchmessen-Parole wird allenthalben befolgt, wenn auch nicht ausschließlich.
Die wichtigste Buchmessen-Parole wird allenthalben befolgt, wenn auch nicht ausschließlich.
Foto: ddp

Es war die Messe des "Es wäre ja auch schrecklich gewesen". Es wäre ja nämlich auch schrecklich gewesen, wenn die seit kurzem 18 Jahre alte Helene Hegemann den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hätte. So hörte man es bis Sonntag in den Hallen und abends in den Reihen der Wartenden auf die nächste Leipzig-liest-Lesung (je 1 von 2000). Auch fiel manches "Gott sei Dank" wider das Zweite Gebot. Insofern muss man darauf hinweisen, dass die Ehrung für "Axolotl" wohl kaum zum Untergang des Abendlandes und der Buchkultur geführt hätte.

Der gute Ausgang, der Preis für Georg Klein, der den Meister des in jedem Satz perfektionierten Schauer- und Ausnahmeromans in das Lampenlicht rückt, in das er längst gehört, täuscht nicht über die mutmaßlich seltsame Dynamik einer solchen Vergabe hinweg.

Das Ergebnis kann nur eine Aufforderung zum großflächigen Weiterlesen sein - und für die Jury manchmal peinlich, was hier aber mithilfe der plausiblen Vorauswahl umschifft wurde. Zumal der Hinweis der Jury-Vorsitzenden Verena Auffermann saß, dass in der wuchtigen Last-Minute-Warnung aus dem Deutschen Schriftstellerverband die Furcht vor der digitalen Zukunft ihre Rolle gespielt haben dürfte.

Auch die erleichterten Passanten vermittelten die Haltung, dass die Dinge bitte so bleiben sollen, wie sie sind. Das werden sie jedoch wie immer nicht tun. Es war auch die Messe des "Nun habt Euch nicht so". Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ging bei der Eröffnung auf das Lesegerät iPad als weiteres Indiz für das bereits seit der Erfindung des Radios prophezeite Ende der Buchkultur ein. "Totgesagte leben länger", sagte Honnefelder. Der Buchhändler jedoch müsse sich darauf einstellen, Literatur künftig in anderer Form zu vermitteln und für Literatur in anderer Form eine Öffentlichkeit zu bieten.

Das ist erfreulich, dass eine Buchhandlung, egal wie sie künftig aussehen und was sie künftig verkaufen wird, einmal als Teil der Öffentlichkeit ernst und in die Pflicht genommen wird - just während die berühmte Öffentlichkeit des weltweiten Netzes schließlich ebenfalls ihre Macken zeigt (in der freien Welt Macken wie Anonymität, Undurchsichtigkeit, Machtkonzentration). Und das ist auch vernünftig, selbst wenn schon klar ist, dass das Hadern weitergehen wird.

Trotz einer wachsenden Besucherzahl auf der Leipziger Messe - schon zur Halbzeit 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr -, trotz 2071 Ausstellern auf 65 000 Quadratmetern, trotz des starken Eindrucks, dass kaum ein bundesdeutscher Schüler im Alter zwischen zehn und siebzehn Jahren um den Besuch herumkommt. Irgendetwas wird er schon mitnehmen: sei es die Erinnerung an den frohen und wie vervielfältigt überall auftauchenden Georg Klein; sei es eines der ausgestellten Bücher, für die erneut ein geheimnisvoller Schwund von circa 30 Prozent erwartet wurde.

Am schönsten wäre es jedoch, wenn auch die klassenweise Angereisten etwas ahnen dürften vom nicht zwingenden, aber anregenden Glück, sich durch ein Potpourri des Buchmarktes zu schlagen. Hier sprach Christian Hansen, Übersetzer von Roberto Bolaños Romanriesen "2666" (Hanser) aus dem Spanischen, einen Satz für den Zitatenschatz: "Der Autor erfindet den Text. Ich muss den Autor erfinden." Leben könne man davon selbstredend nicht. Dort wies Wulf Kirsten, Herausgeber der soeben bei Ammann erschienenen Gedichtanthologie "Beständig ist das leicht Verletzliche", darauf hin, dass man die Auswahl selbstverständlich mit dem Verleger abspreche. Und die Zuhörerin fragte sich, wo es außer Egon Ammann eigentlich noch einen Verleger gibt, mit dem man eine Gedichtauswahl selbstverständlich absprechen würde.

Abends berichtete Günter Grass bei der Vorstellung von Kai Schlüters Buch "Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte" (Links Verlag), wie fleißige westdeutsche Kulturattachés Notizen machten, während er im Ausland auf Einladung des Goethe-Instituts über die Bundesrepublik sprach. Und wie in einem Fall daraus eine strenge Anfrage im Parlament geworden sei.

György Dalos, mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, kritisierte aufs Schärfste den in Ungarn herrschenden "primitiven Rechtsradikalismus" und erzählte aufs Zarteste von seiner frühen Liebe zu Heinrich Heine.

Martin Walser las anlässlich der bei Hoffmann und Campe veröffentlichten Faksimile-Edition der "Französischen Zustände" vor, Heine könne er jetzt brauchen, "wie ich ihn noch nie habe brauchen können". Das sei Heines Richtung: "Gegen eine Person, gegen einen Menschen kann er nichts haben, gegen eine Institution alles."

Heine selbst schrieb 1832 von dem Mann, der sich schlug, weil er der festen Meinung war, Sardellen wüchsen auf Bäumen. Gerade in dem Moment, in dem er den Gegner durchschoss, fiel ihm ein, dass er Sardellen mit Kapern verwechselt hatte. Darum, so Heine, sei es wichtig, Worte säuberlich zu unterscheiden.

So sind Schriftsteller am Anfang und Ende selbst Leser und Mitbürger, aufmerksame Leser und nicht bessere, aber doch Mitbürger, die die richtigen Worte finden. So war es auch, wie jede gute Buchmesse, eine Messe des "Jetzt aber schnell ein Buch her".

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  22 | 3 | 2010
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