kalaydo.de Anzeigen

Literaturfestival "European Borderlands": Utopia spricht belarussisch

Der Name Minsk/Mensk kommt vom altrussischen "menjat" für Tausch. Tausch, Wandel, Veränderung: Minsk ist im historischen Durchgangsgebiet zwischen West- und Osteuropa gelegen, eine Projektionsfläche für Utopien und damit ein idealer Ort für die Literatur. Das Goethe-Institut residierte bis vor kurzem in einem atemberaubenden Gebäude aus der Zeit des Konstruktivismus, dem "Haus der Schriftsteller". Im Treppenhaus perlt eine Kaskade rotweißer Kugellampen herab.

Die Leiterin Katrin Ostwald-Richter spricht von einem ständigen Balanceakt zwischen der Förderung der freien Szene und der Kooperation mit der offiziellen Ebene: "Zum Beispiel geht auf dem Gebiet der elektronischen Musik alles, wahrscheinlich weil sie textfrei ist. Gerade im Theaterbereich jedoch sind wir in den letzten Jahren ziemlich behindert worden. Oder bei einer Lesung mit Ilma Rakusa im letzten Jahr: Punkt 19 Uhr setzte die Tanztruppe über uns ein, und das war kein Zufall."

Die Weißrussen sind ausgesprochen deutschfreundlich und sprechen die Sprache vielfach ausgezeichnet. Die Bibliothek des Goethe-Instituts und die Sprachkurse erfreuen sich lebhaften Zuspruchs. Dabei wüteten die Besatzer während des Zweiten Weltkriegs ebenso grausam wie bürokratisch, wie das Museum des Großen Vaterländischen Krieges anhand zahlreicher Dokumente belegt. Auf deutsche Besucher wirkt das beschämend.

Wie in Vilnius wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet, Partisanen wurden zur Abschreckung öffentlich gehenkt. Auf rührend pathetische Weise ehrt die seit Jahrzehnten unveränderte Dauerausstellung, in der Panzer durch samtbespannte Wände brechen, die Widerstandskämpfer. Nun aber soll das identitätsstiftende Museum einem Luxushotel weichen.

Als die 27-jährige Lyrikerin und Linguistin Volha Hapeyeva ihr Gedicht "eine vergleichende analyse der flugbahn fallender blätter von bäumen in minsk und berlin" im Haus der Freundschaft vor einem raumhohen Bären-Gobelin vorträgt, sitzen pro-russische Agents provocateurs im Publikum. Sie beklagen sich, dass nur belarussische, aber keine russischen Autoren zu Wort kämen; Weißrussisch gilt als Sprache der oppositionellen Intelligenz.

Später stürmen einige Veteranen in vollem Ornat das Büffet. Wie lebt es sich in einem Land, dessen Präsident die eigene Sprache, das Belarussische, als minderwertig erachtet? Wie immer sind das auch Identitätsfragen. Volha Hapeyeva äußert sich vorsichtig: "Meine innere Welt spricht mit mir auf Belarussisch. Wenn ich versuche, etwas Poetisches auf Russisch zu schreiben, dann klingt das für mich weniger natürlich."

Dzmitri Dzmitryjeu sitzt der Schalk im Nacken. Er ist im Hauptberuf Tonregisseur in Mahilow am Djnepr, nahe der russischen Grenze. In seinen Anagrammen und Palindromen, die er am Computer vorführt, nimmt Dzmitryjeu avantgardistische Traditionen der russischen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre auf - und das höchst amüsant. Welche Rolle spielt das spezifisch weißrussische Alphabet für seine beweglichen Sprachbilder?

"Lange Zeit habe ich mich auch mit russischsprachigen Texten befasst", sagt er, "aber eines Tages habe ich verstanden, dass es sich doch um eine andere Nation handelt und ich wollte etwas für meine eigene tun." Politisch fühle er sich dank der Globalisierung nicht isoliert, sagt der 31-Jährige. Listig ergänzt er: "Unter einem wirtschaftlichen Aspekt aber ist das schwer zu sagen, denn Wirtschaft ist keine poetische Kategorie."

Die Russland-Kennerin Ilma Rakusa überrascht diese diplomatische Haltung nicht: "Es herrscht eine gewisse Vorsicht nach außen, aber es gibt eben auch Nischen. Insofern ist das, glaube ich, nicht so bedrückend, wie es scheint. Aber sobald es um Publikationen geht, müssen diese Texte die Zensur passieren. Nur wenige Autoren publizieren auf eigene Kosten im Selbstverlag. Das scheint auch zu gehen, aber natürlich haben die Zensoren ein Auge darauf."

Am Rand des gewaltigen Dynamo-Stadions haben fliegende Händler ihre Stände aufgebaut. Sie nutzen jeden Winkel und reduzieren damit den Monumentalbau auf eine menschliche Größe. Der litauische Lyriker Laurynas Katkus zeigt sich von den Gemeinsamkeiten mit den östlichen Nachbarn positiv überrascht: "Das Besondere ist, zu sehen wie ähnlich man ist und in welch ähnlichen Verhältnissen in der Sowjetzeit man aufgewachsen ist. Ich empfinde Bewunderung für die Leute hier, die es viel schwerer haben als wir. Mir gefällt, dass sie nicht klagen, nicht jammern, sondern versuchen, etwas Neues und Lustiges zu machen."

Die Balten haben sich längst vehement von der einstigen sowjetischen Hegemonie gelöst. Weißrussland dagegen befindet sich in einem komplizierten Übergangsprozess und sieht sich im Westen mit weit verbreiteter Ignoranz konfrontiert. Und doch dämmert allen Teilnehmern von "European Borderlands" der gemeinsame historische Kulturraum. Die sagenhafte Stadt Minsk müssen wir ins gesamteuropäische Bewusstsein zurückholen.

« Vorherige Seite
2 von 2
Autor:  Katrin Hillgruber
Datum:  16 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.