kalaydo.de Anzeigen

Literaturfestival "European Borderlands": Utopia spricht belarussisch

Eine Reise ins gesamteuropäische Bewusstsein: Das Literaturfestival "European Borderlands" verbindet das baltische Vilnius mit dem slawischen Minsk. Von Katrin Hillgruber

Hier lohnt der Blick hinter die postsowjetischen Kulissen: die weißrussische Hauptstadt Minsk. Der Fluss heißt Swislotsch. Das kann man gut singen.
Hier lohnt der Blick hinter die postsowjetischen Kulissen: die weißrussische Hauptstadt Minsk. Der Fluss heißt Swislotsch. Das kann man gut singen.
Foto: dpa

Wenn wir Felder furchen / Wenn wir Brunnen bauen / Wie die Toten uns durch / Löcher in der Erde schauen": Im prunkvollen Rathaussaal von Vilnius rief die weißrussische Autorin Vera Burlak lauthals die toten Seelen herbei. In der herausgeputzten europäischen Kulturhauptstadt nahm ein ungewöhnlicher Zug von West nach Ost Fahrt auf: Das Festival European Borderlands, eine Initiative des Literarischen Colloquiums Berlin in Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung und dem Goethe-Institut.

Autoren aus osteuropäischen Nachbarländern, die von den neuen EU-Außengrenzen getrennt sind, lernen sich auf deutsche Initiative hin kennen und treten gemeinsam auf. Ausdrücklich soll damit zu Nachfolgeveranstaltungen in Eigenregie angeregt werden. Nach dem Auftakt in der Ukraine 2006 folgten ein Festival im nordostrumänischen Iasi und Moldaus Hauptstadt Chiinau und ein Treffen auf der Leipziger Buchmesse. Eine Bilanz der bisherigen Aktivitäten zieht das aktuelle Sonderheft der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter".

In diesem Herbst nun wollten 13 Autorinnen und Autoren, vornehmlich Lyriker, eine Verbindung zwischen dem baltischen Vilnius und dem slawischen Minsk schaffen. Von deutschsprachiger Seite nahmen Ilma Rakusa (die soeben den Schweizer Buchpreis gewonnen hat) und Marcel Beyer teil. Der Danziger Lyriker Tadeusz Dbrowski, 2008 mit dem Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik ausgezeichnet, war besonders gespannt auf Minsk: Er hatte die Stadt zu Sowjetzeiten als Neunjähriger erlebt, bei einem Gastspiel der Balletttruppe seiner Mutter.

Litauen, Polen, Weißrussland: Einst gehörten die drei Regionen zusammen, waren zwei Jahrhunderte lang Bestandteil des stolzen polnisch-litauischen Großreichs. 1795 machte die dritte polnische Teilung der Adelsrepublik, der "Rzeczpospolita", ein Ende. Adam Mickiewicz, der Schöpfer des polnischen Nationalepos "Pan Tadeusz", wurde 1798 in Litauen geboren, das er stets als seine Heimat empfand.

Heute gibt sich die Stadt voller prächtiger Barockkirchen bemüht westlich. Neben italienischen Edelboutiquen bieten gebeugte Mütterchen ihre Blumen und Pilze feil. Am Rathaus prangt in Stein gemeißelt eine Versicherung von George W. Bush: "Jeder, der sich Litauen zum Feind wählt, macht sich damit auch die USA zum Feind."

Zwischen Vilnius und Minsk liegt die Fahrt mit der weißrussischen Eisenbahn. Breit und mächtig steht der blaue Salonwagen bereit, beim Erklimmen der Stufen fühlt man sich wie ein Zwerg. Zuerst kontrolliert die platinblonde Schaffnerin in properer Uniform und schwindelerregend hohen Schuhen streng die Pässe und Platzkarten, dann wird unter Ranken aus künstlichem Efeu schwarzer Tee serviert. Die Grenzbeamten tragen sagenhaft hohe Schirmmützen und Bärenwappen auf den Uniformärmeln. Ihre Passlese-Geräte sind mit fluoreszierenden Bändern versehen, auf denen der Schriftzug "Belarus" glitzert. Der Einlass ins Bärenland erfolgt nur mit Visum und offizieller Einladung.

Für Gilbert Bécauds "Nathalie" war die Sache noch einfach. Die charmante Fremdenführerin aus dem Chanson von 1964 erläuterte dem Moskau-Besucher in nüchternen Worten die Oktoberrevolution und das Lenin-Mausoleum, bevor es zum Kakaotrinken ins Café Puschkin ging. Artur Klinau hingegen legt seine Führung durch das Zentrum seiner geliebten Heimatstadt Minsk dialektisch an.

Der 44-jährige Architekt und Herausgeber des unabhängigen Kunstmagazins "pARTisan" versammelt seine Zuhörer vor einem der wenigen verbliebenen Felix-Dserschinskij-Denkmäler der ehemaligen Sowjetunion. Tauben haben sich auf Kopf und Schultern des Gründers der gefürchteten "Tscheka" niedergelassen, dem Vorläufer des KGB.

In Belarus trägt der Geheimdienst seinen alten Namen, residiert in einem säulenstrotzenden Palast und präsentiert sich auf einer farbenfrohen Website wie eh und je als "Schwert und Schild der Partei". Rätselhaftes Weißrussland: Der autokratische Staatspräsident Alexander Lukaschenko tut so, als sei das Land weiterhin eine Sowjetrepublik. "Wenn man die Hauptstraße von Minsk entlangfährt, erhält man den Eindruck, man befände sich auf dem Nevskij-Prospekt", zitiert der Historiker Thomas M. Bohn in seinem Buch "Minsk - Musterstadt des Sozialismus" den sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow.

Pfeilförmig führt der kilometerlange Boulevard der Unabhängigkeit nach Osten, Richtung Moskau. Die Prachtbauten werden nachts grell angestrahlt, es herrscht mustergültige Sauberkeit. In einem Außenbezirk ist die hypermoderne Nationalbibliothek wie ein eckiger Ufo gelandet. Artur Klinau behauptet, Stalin habe während der deutschen Besatzung ab 1941 gezielt Minsk und damit seine eigenen Landsleute bombardieren lassen, um Platz für seine Paläste zu schaffen.

Klinau ist auch Autor des ebenso analytischen wie schwärmerischen Essays "Minsk - Sonnenstadt der Träume" (edition suhrkamp 2006). Der Titel "Sonnenstadt" bezieht sich auf Tommaso Campanellas Utopie vom Sonnenstaat und wurde 1961 offiziell proklamiert. Doch das Ensemble, das maßgeblich durch den Architekten Iosif G. Langbard geprägt wurde, ist in Gefahr. Denn mit dem freien Markt kam die Geschmacklosigkeit. Artur Klinau spricht vom Stil der "petits bourgeois", der etwa den pseudomodernen Neubau des Hauptbahnhofs präge.

Ihm gegenüber erheben sich zwei majestätische Wohnhäuser im Zuckerbäckerstil, die "Tore von Minsk". "Die "Sonnenstadt" ist nicht deshalb gefährdet, weil sie jemand abreißen will", erklärt Klinau, "sondern weil auf ihrem Territorium verschiedene andere, unpassende Gebäude errichtet werden sollen. Und so werden Eklektizismen entstehen, wie wir sie aus Moskau oder Kiew kennen.

Die Einmaligkeit des Minsker Ensembles könnte Schaden nehmen." Denkmalschutz nach westlicher Art ist unbekannt. Nach einem Blick in den runden "Postpalast", dessen Glasfenster dynamische Sonnen zieren und in ein vor Obstdekorationen überbordendes Büffet für Werktätige führt Artur Klinau in den Hinterhof eines der Wohnblöcke. Hier regiert der Verfall, Potemkin lässt grüßen: brüchige Balkone, schäbige Eisentüren, die einstigen großzügigen Gemeinschaftsgärten sind zerteilt.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Katrin Hillgruber
Datum:  16 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.