Joachim Unseld war am Dienstag Abend im Frankfurter Literaturhaus demonstrativ um Sachlichkeit bemüht. Vor rund zwei Monaten war der Verleger auf einer emotionalen Mitgliederversammlung zum Vorstandsvorsitzenden des Frankfurter Literaturhauses gewählt worden - ein Denkzettel an den seinerzeit amtierenden Vorsitzenden Rainer Weiss und sein Team, dessen Umgang mit der langjährigen Programmleiterin Maria Gazzetti (die ihren im kommenden Jahr auslaufenden Vertrag nicht verlängert) in den Feuilletons bundesweit für Aufregung gesorgt hatte (FR vom 28. April). Die Mitgliederversammlung war damals abgebrochen worden, um Unseld Zeit für die Bildung eines neuen Vorstandes zu geben, da sich schnell abgezeichnet hatte, dass sämtliche bisherigen Mitglieder demissionieren würden.
Unseld setzt dezidiert auf Kommunikation. Er habe den Eindruck gehabt, erläuterte er jetzt, dass die Situation nach innen und nach außen hin nicht mehr erträglich gewesen sei. Er umschrieb die Ziele, die er selbst sich als Vorstandsvorsitzender gesetzt habe: Klare Strukturen schaffen, den Standort des Literaturhauses im Bewusstsein der Bürger verankern, die Arbeit der amtierenden Programmleiterin wertschätzen, ohne die bisherige Politik kritiklos zu übernehmen. Denn dass das Literaturhaus ein finanzielles Problem hat, ist dem neuen Vorsitzenden bewusst. Nicht umsonst nannte er die Akquise von Drittmitteln als eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre.
In dieses Vorhaben fügt sich das von Unseld zusammengestellte Vorstandsteam, das sich der Versammlung vorstellte und schließlich in erstaunlicher Einmütigkeit öffentlich, en bloc und mit nur einer Gegenstimme gewählt wurde: Zweiter Vorsitzender ist Rechtsanwalt Hartwig Graf von Westerholt; Schatzmeister ist der Bankier Rudolf E. Dösch, der sich vor allem als Sanierer einen Namen gemacht hat. Beisitzerinnen werden die Mäzenin Sylvia von Metzler, die Kulturjournalistin Andrea Pollmeier, die Lektorin Annette Reschke vom Verlag der Autoren sowie Kulturamtsleiterin Carolina Romahn als Vertreterin der Stadt, die die Literaturreferentin Sonja Vandenrath ablöst.
Auch wenn die eine oder andere Personalie erstaunen mag die Chancen für einen Ausweg aus der hoch aufgeladenen Krise des Literaturhauses sind nun gegeben. Entschieden forderte Unseld ein stärkeres Bekenntnis der Stadt zum Literaturhaus ein. Und selbst in Bezug auf den Posten der Programmleitung scheint nun wieder alles offen: "Maria Gazzetti und ich", so Unseld gegenüber den Mitgliedern, "haben sehr gute Gespräche geführt. Seien Sie beruhigt." Donnernder Applaus folgte.