Anders Breivik verwendete Symbole der Templer. Dass seine Taten jedoch etwas damit zu tun haben, dass christliche Kirchen sich nicht deutlich genug von den Kreuzzügen distanziert haben, bezweifelt unser Autor.
Das schreckliche Ereignis auf der norwegischen Insel Utoya bleibt in Erinnerung. Foto: REUTERS
In seinem Beitrag für die Frankfurter Rundschau hat der Münsteraner Professor für mittelalterliche Geschichte und Sprecher des an dieser Universität angesiedelten Exzellenzclusters Politik und Religion, Gerd Althoff, die Frage gestellt, ob die christlichen Kirchen häufiger und klarer die Kreuzzüge gegen die Muslime im Heiligen Land hätten verurteilen müssen, um nicht falschen Vorbildern Raum zu geben. Anlass für diese Frage gibt die Tatsache, dass bei dem Attentäter von Oslo offenbar Symbole der Templer gefunden wurden, die auf das Selbstverständnis des Täters und eine Deutung seiner Beweggründe Rückschlüsse geben sollen.
Nun kann man, wie Althoff es tut, die Frage nach einer Mitschuld durch Unterlassung stellen – im Wissen, dass man dem Täter auf den Leim geht und seine Selbstauskunft als sinnvoll übernimmt. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Bei muslimischen Attentätern, die den eigenen Tod in Kauf nehmen, sind wir nicht ohne weiteres bereit, ihre selbst geltend gemachte „pseudoreligiöse Motivation“ einfach hinzunehmen. Wir fragen stattdessen, was das für ein Verständnis von Religion ist, das in einem vergleichbaren Zusammenhang ins Spiel gebracht wird. Ist Religion überhaupt fähig, eine so schreckliche Tat anzuregen – oder gar zu rechtfertigen.
Im Zeichen des Kreuzes: Ritter-Mosaikbild nach einem Motiv aus einem mittelalterlichen Handschriftenbuch.
Foto: Jens Schlueter/ddp
Im Zeichen des Kreuzes: Ritter-Mosaikbild nach einem Motiv aus einem mittelalterlichen Handschriftenbuch.
Foto: Jens Schlueter/ddp
Ganz und gar weltlicher Herrschaftsanspruch
Althoff gibt – mehr unter der Hand – die im Übrigen zutreffende Antwort selbst: Nicht die Religion war es, die zum Beispiel Päpste im Hochmittelalter bewogen hat, statt zu Wallfahrten zu Kreuzzügen aufzurufen. Es war der damalige ganz und gar weltliche Herrschaftsanspruch der Päpste, der ihre seinerzeitige Rolle in der Geschichte entscheidend prägte und – wen kann es wundern – zu diesen und anderen verheerenden Fehleinschätzungen führte.
Die Antwort befriedigt nicht ganz. Denn es gab auch durch und durch religiös verursachte Aufrufe zur Befreiung des Heiligen Landes. Nun mag dahingestellt bleiben, ob diese Aufrufe ausdrücklich auch die mit ihnen verbundene Aufforderung zum Massenmord beinhalteten. Nicht jeder Prediger im 11. und 12. Jahrhundert hatte die Möglichkeit, eine wirklichkeitsnahe Vorstellung von Krieg und Gewalt mit seinem von klösterlichen Lebenserfahrungen geprägten Denken zu verbinden. Das ist keine Entschuldigung für falsche Ratschläge, aber ein Hinweis auf die tatsächliche Gewaltbereitschaft von Menschen, die selbst keiner Fliege etwas zuleide taten, auch wenn sie gleichwohl in flammenden Reden zu Kreuzzügen aufriefen. Man denke an Catarina von Siena, die ihre Friedensbotschaften nicht in einem Widerspruch zum Kreuzzugsgedanken sah.
Nur andeutungsweise – und weil der Ministerpräsident der Türkei mit seiner Bemerkung zum Massaker in Oslo dazu Anlass gab: Grausame Gewalt gab es auf beiden Seiten, bei den Eroberern und den Rückeroberern – in einer Zeit, in der Gewalttätigkeit weit weniger geächtet war als heute. Keine Seite stand der anderen nach, wenn es darum ging, möglichst viele Köpfe abzuschlagen. Die Geschichte der Kreuzzüge ist verwickelt und schwierig. Von ihr versteht Althoff weit mehr als ich. Und es mag Zeiten gegeben haben, da man dieses Verhalten einseitig romantisierend verklärte, wie auf der anderen Seite einseitig dämonisierend verteufelte.
76 Tote bei Anschlägen in Norwegen
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76 Tote bei Anschlägen in Norwegen
Der norwegische Premier Jens Stoltenberg (Mitte), seine Frau Ingrid Schulerud und Eskil Pedersen, Vorsitzender der sozialdemokratischen Jugendorganisation, auf dem Weg zum Trauergottesdienst in der Kathedrale in Oslo.
Foto: REUTERS
Trauergottesdienst in der Kathedrale von Oslo am Sonntag nach dem Attentat.
Foto: dapd
Der Hauptverdächtige: Anders Behring Breivik - wie er sich auf Facebook präsentiert.
Foto: Getty
Trauernd: Überlebende des Massakers von Utøya.
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Rettungskräfte suchen in den Trümmern nach Verletzten.
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Einige Augenzeugen sprechen von einer Autobombe, andere von mehreren Explosionen. Die Ermittler bestätigten jedoch lediglich, dass es sich um einen Sprengsatz gehandelt hat.
Das Ausmaß der Zerstörung in Oslo.
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Spuren einer schweren Explosion: Regierungsgebäude, darunter auch das Büro des Ministerpräsidenten, wurden beschädigt.
Polizisten bringen eine schwerverletzte Frau in Sicherheit.
Dieser Mann verletzte sich am rechten Bein - zwei Militärpolizisten leisten Erste Hilfe.
Leere Straßen im Zentrum von Oslo. Die Polizei sperrte die Innenstadt nach der Bombenexplosion.
Kurz nach der Bombenexplosion herrschte völliges Chaos. Menschen lagen blutüberströmt auf den Straßen.
Ein Bild der Verwüstung: die Bombe explodierte im Regierungsviertel von Oslo.
Weitere Bilder aus Oslo ...
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Der Palast in Oslo wird mittlerweile vom Militär beschützt.
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"Die Anschläge verändern Norwegen": Jens Stoltenberg.
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Kontakte zur rechten Szene: Anders Behring Breivik.
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Ein Land in Trauer: Vor der Kathedrale in Oslo legen die Menschen Blumen nieder, um ihr Mitgefühl auszudrücken.
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Trauer in Norwegen
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In einem bewegenden "Rosenzug" gedachten fast 200.000 Menschen den Anschlägen von Oslo und in dem Juso-Lager auf Utøya.
Foto: dapd
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In Europa setzte, als das Rittertum allmählich ausstarb und Kriege seitdem – nicht weniger bluttriefend – als Massenauftriebe geführt wurden, eine Verklärung dieses Standes (allerdings nie mit kirchlichem Segen oder Wohlgefallen) ein, wie wir ihn in der Persiflage des Ritters von der traurigen Gestalt aus dem Jahre 1605 noch heute nachlesen können.
Aber sollte tatsächlich diese Verklärung des ausgehenden Mittelalters die Empfindungen des 32 Jahre alten Massenmörders von Oslo beeinflusst haben? 1979 geboren, 1985 eingeschult: Sollte dieser Mann tatsächlich von ausgebliebenen weltkirchlichen Verurteilungen der Kreuzzüge in die Irre geleitet worden sein, oder, wie behauptet wird, sich dadurch gar zu seiner Tat ermutigt und aufgefordert gefühlt haben? Bis zu dem großen Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. am 1. Fastensonntag des Jahres 2000 gab es 94 Erklärungen und Reden allein dieses Papstes, mit denen er um Vergebung bat für die Schuld und die Sünden der Kirche – auch jene im Zusammenhang mit den Kreuzzügen, als die Politik an die Stelle des Evangeliums trat.
Althoff legt die Vermutung nahe, dass der Täter von Oslo seine Verirrungen rechtzeitig hätte einsehen können, wenn es in den neunziger Jahren mehr scharfe Verurteilungen der Kreuzzüge gegeben hätte. Man wird es bezweifeln dürfen. Wissen können wir es zum jetzigen Augenblick nicht, die weiteren Ermittlungsergebnisse bleiben abzuwarten. Voraussetzen müsste man allerdings, wollte man Althoffs Vermutung (oder Befürchtung) teilen, eine eigenartige Ambivalenz des Täters zu kirchlichen Lehren: Einerseits die gänzliche Unkenntnis der Lehre über die Würde des Menschen – und andererseits jene unterstellte vertiefte Aufmerksamkeit für unterbliebene lehramtliche Verurteilungen.
Seite 2: Das schwierige Verhältnis von Religion und Politik