Eigentlich will Mecki nur den Ingenieur Tick besuchen. Der, jung und blond, hat nämlich ein wundersames Allzweck-Fahrzeug erfunden. Als Mecki eintrifft, hockt freilich noch eine weitere Person bei Tick. Schofel heißt der, was im Jüdischen so viel wie schäbig, geizig, kleinlich bedeutet, und er hat dunkle Haut. "Dieser Freund gefällt Mecki gar nicht!", steht unter dem Bild.
So geschildert in der "Mecki"-Episode "Das Allzweckfahrzeug", erschienen Ende 1958. Nachlesen lässt sie sich in der jüngst erschienenen ersten Ausgabe der "Gesammelten Abenteuer" des Esslinger Verlages. Erstmals seit ihrem Erscheinen werden so die einst in der Programmzeitschrift Hörzu erschienen Comicseiten wieder zugänglich gemacht.
Damals war die Figur des kugeligen Igels ein Hit. Nicht nur prägte sie den Namen der gleichnamigen Stachelkopffrisur. Dank einer Vielfalt an Mecki-Merchandising - vom Kinderbuch bis zum Salzstreuer - und dank der Mecki-Puppentrickfilme war die Igelfigur das erste Multimedia-Phänomen der Bundesrepublik. Zentrum des Geschehens war jedoch die Hörzu. Dort war Mecki seit 1949 das Blattmaskottchen, dem das Magazin zuerst in launigen Illustrationen und später in wöchentlich ganzseitigen Comic-Episoden Platz einräumte. Auch auf dem Titelbild der Hörzu kam der Igel regelmäßig zum Einsatz.
Andere sprangen schon ins All
Aus heutiger Sicht scheint die "Mecki"-Manie kaum noch nachvollziehbar. Die Geschichten waren nicht besonders aufregend erzählt. Die Handlung schritt behäbig voran. Text und Bild waren brav voneinander getrennt, wie man das von Bilderbüchern gewohnt war. Der weltweiten Comic-Entwicklung waren diese Geschichten mindestens ein Jahrzehnt hinterher - 1958, als "Das Allzweckfahrzeug" erschien, lagen in Belgien bereits die meisten "Tim & Struppi"-Abenteuer vor. In den USA bereitete sich der Donald-Duck-Zeichner Carl Barks auf seinen Ruhestand vor. Sogar in der kulturpolitisch gesteuerten DDR gab es "Mosaik", ein wesentlich moderneres Comic, dessen Helden gerade dabei waren, den Sprung ins Weltall zu wagen.
Rückblickend ist es wohl vor allem die personifizierte Fünfziger-Jahre-Haftigkeit, die den Biedermann mit der Bundhose so beliebt machte. Der runde Mecki ist beleibtes Sinnbild des Wirtschaftswunderzeitgeistes. Am liebsten sitzt er abends mit Pantoffeln zu Hause, wo ihm seine Frau ein deftiges Essen bereitet. Bei seinen Abenteuern auf der ganzen Welt (im vorliegenden Band reist er unter anderem auf dem Stillen Ozean und nach Indien), wahrt er stets Distanz angesichts von Piraten, Prinzen und reichen Amerikanern. Höchstes Ziel ist ihm die Gemütlichkeit: Als Südseezauberer Saladim endlich besiegt ist, sorgt Mecki auf dem fernen Atoll als erstes für die Errichtung einer Hütte mit Gardinen in den Fenstern und Zaun drum herum.
Meckis Abenteuer vermitteln den Eindruck einer exotischen, aber auch verwirrenden und gefährlichen Welt außerhalb Deutschlands. Damit verbindet sich der Traum der Adenauer-Jahre von der großen weiten Welt mit den Ressentiments gegen diese. Entsprechend trügt den Igel auch sein Bauchgefühl angesichts des finsteren Schofel nicht. Im Verlauf des Abenteuers mit dem Allzweckauto wird Schofel dem braven, aber arglosen deutschen Ingenieur dessen Pläne abluchsen und sich hernach mit der Gaunervisage Schnapphahn und einem osteuropäischen Kriminellen namens Ratte zusammentun, dessen Hakennase direkt dem Hetzblatt Stürmer entnommen sein könnte.
Mecki sorgt für Ordnung!
Gestaltet wurden die Comicseiten abwechselnd von dem Zeichner Reinhold Escher und seiner Frau sowie von dem Kunstprofessor Wilhelm Petersen. Beide hatten im Dritten Reich für die Wehrmacht gezeichnet. Vor allem der von den Nazis hochdekorierte Petersen erfährt heute noch in rechtsextremen Kreisen Verehrung. Das Weltbild schimmert unter der oberflächlich harmlosen "Mecki"-Welt immer wieder vor. Als der Igel und seine Frau den Schurken Schofel verfolgen, gelangen sie in einen vor allem von Zigeunern bevölkerten Landstrich, "Lausedonien" genannt. "Hast du das Huhn gestohlen?", fragt Mecki einen zerlumpten Jungen. Das ist zwar nicht der Fall. Aber Ordnung muss schließlich sein.
Zwei der Geschichten waren sogar dem Verlag zu unangenehm. Die Episoden "Ein Fremder an Bord" und "Mecki bei Prinz Aladin", die zu dem nachgedruckten Jahrgang gehört hätten, wurden "aus Gründen der -political correctness-" gestrichen, wie es im Vorwort des ersten Bandes heißt. Angesichts des im Band verbliebenen schurkigen Schofel und Landstrichen wie Lausedonien eine fragwürdige Maßnahme. Günstiger wäre hier eine Kommentierung der entsprechenden Seiten gewesen.
Als das Allzweckfahrzeug übrigens doch noch gebaut wird, ähnelt es einem rollenden Torpedo. Er war in der Tat sehr deutsch, der Ingenieur Tick.
Reinhold Escher, Wilhelm Petersen: Mecki - Gesammelte Abenteuer. Jahrgang 1958, Esslinger Verlag, Esslingen 2009, 64 Seiten, 14,90 Euro.