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Politische Kultur: Modell Italien

Das Land hat keinen Begriff vom Allgemeinwohl mehr. Ist Italien damit Vorreiter in Europa, und erleben wir gerade den Anfang vom Ende der Politik?

        

Und immer schreitet Italien voran.
Und immer schreitet Italien voran.
Foto: Bert Hardy/Getty images

Jedesmal wenn ich nach Italien komme, wundere ich mich aufs Neue, dass das Land immer noch so schön ist. Zwar fallen nicht nur in Griechenland und Irland, sondern auch in Italien die Hauspreise, trotzdem scheint immer noch ein Zuckerguss über dem Land zu liegen. Unbewusst, fällt einem dann auf, erwartet man aber, irgendwo Anzeichen der Fäulnis zu sehen, bedrohliche Blasen, aufplatzende Beulen.

Tatsächlich gibt es diese Zeichen ja auch, wenn man den Italienern zuhört. Niemand spricht illusionsloser über Politik, niemand weiß besser, wie aussichtslos die Lage ist als die Italiener. Einem großen Teil der Jugend und jungen Erwachsenen ist Politik so fremd wie die Nordische Kombination oder der Gordische Knoten. Oder man bekommt die Wut und Verzweiflung zu spüren, wie bei den gewaltsamen Protesten am Mittwoch.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Grandezza bzw. Gelassenheit, mit der die Mehrheit der italienischen Gesellschaft in ihrem dann schmerzhaft schön erscheinenden und durch und durch korrupten Land einfach weitermacht, schon fast bewundernswert.

Ideal des Italieners

Und was tut Europa? Am Anfang hat man gelacht, dann kamen die Versuche, die lang anhaltende Krise Italiens zu erklären. Ein beliebter, mentalitätsgeschichtlicher Ansatz kreist um das Wort „furbo“, das – irgendwo zwischen schlau, wief und verschlagen – das Ideal des Italieners von sich selbst am besten beschreibe. Der Gipfel des Furboismus ist dann der politische Abgeordnete, der in Italien höhere Bezüge einstreicht, als in jedem anderen Land Europas. Der Abgeordnete (und mit ihm der gesamte Staatsapparat) hat ausgesorgt, er hat es geschafft, er ist der allgemeinen Misere entkommen. So denkt fast jeder Italiener. Es ist die zentrale Kategorie, nach der in Italien Politiker wahrgenommen werden. Die Jugendarbeitslosigkeit von über 25 Prozent scheint dagegen kaum mehr jemand direkt mit Entscheidungen der Politik in Verbindung zu bringen.

Wenn der Graf und Chef-Ferraristo Luca di Montezemolo jetzt mit seiner Liste „Italia Futura“ auf Politik macht, von einer Erneuerung der „ethisch-moralischen“ Werte spricht und mit Berlusconi abrechnet, fragt man sich, welchen Vorteil er sich nun dadurch ausrechnet.

Und im italienischen Parlament, nebenbei bemerkt nicht nur das bestbezahlte, sondern auch das größte Ensemble in Europa, wurden vor der Abstimmung, die über das Schicksal Berlusconis entscheiden sollte, die Stimmen von manchem Abgeordneten meistbietend hin und her verschachert. So viel ist mittlerweile klar.

Wie würden wir über Italien sprechen, wenn es nicht zur Kernzone der Europäischen Union – und des europäischen Gedankens – gehörte, wenn es uns nicht durch jahrhundertealte Kontakte tief vertraut wäre? Wenn es wie die Türkei ein großer Beitrittskandidat wäre? Würde man sich vielleicht sogar schon mit Schaudern von dem Land abwenden?

Der eigentlich beunruhigende Gedanke bezüglich des politischen Lebens in Italien aber ist, dass das Land im 20. Jahrhundert oft der Vorreiter europäischer Entwicklung gewesen ist. Keine Bewegung hat sich zu Anfang des Jahrhunderts auf die technische Umwälzung der damaligen Welt radikaler und deutlicher eingelassen als der italienische Futurismus, der Geschwindigkeit und Maschine in dem damals noch extrem agrarischen Land radikal bejahte. Und keine Nation hat am Ende des Jahrhunderts das Handy so emphatisch begrüßt und sofort zum öffentlichen Dauertalk genutzt wie die italienische.

Wie wäre es, wenn die Krise Italiens nicht eine Frage des „Furboismus“ und auch nicht der Person Berlusconis und auch nicht des Totalversagens einer linken oder auch rechten Opposition wäre? Wenn wir in Italien schlicht das Ende der Politik erleben würden, so wie wir sie kennen und so wie es uns allen bevorsteht? Einer Politik mit Gestaltungsspielraum, einer Politik, die letztlich doch noch die Gesellschaft als Ganzes im Auge hat?

Schon längst zeichnet sich ab, dass der Sport, mit dem sich die internationale Finanzaristokratie derzeit vergnügt und bereichert, nach Spanien und Portugal auch vor Italien nicht haltmachen wird. Man wettet so lange gegen einen EU-Staat, bis die anderen EU-Mitglieder weiche Knie bekommen und den Rettungsschirm so viele Milliarden groß machen, dass auch für die Aristokraten nicht nur Spaß, sondern auch Euros abfallen.

Italiens historische Rolle läge dann seit etlichen Jahren darin, allen, die es sehen wollen, die Spielarten der Selbstentmächtigung der Politik vor Augen zu führen. Mit der Rolle eines mit der Politik verschmolzenen Fernsehens (bei uns trägt es den Namen öffentlich-rechtlicher Rundfunk), einer sich um differenziertere Medien und Auseinandersetzung nicht weiter scherenden politischen Klasse, einem Wandel des Politikerbilds vom etwas zerknitterten Mann (bei uns zuletzt Gerhard Schröder) zur jungen blonden Frau (bei uns Kristina Schröder).

Erschöpfung der Politik

Solche Politik erschöpft sich in sich selbst, sie ist für den gut, der in ihr mitspielt, und für die Öffentlichkeit spielt sie das große Theater politischer Entscheidungen und Diskussionen, was am besten natürlich in den dafür geschaffenen Talkshows geht, wie sie die ARD jetzt flächendeckend eingeführt hat. In Deutschland muss kein Politiker wie Berlusconi in Italien die Gesetze ändern, um die TV-Medien nach seinem Gusto zu verändern. Hier verhalten sich die Medien, die wir bezahlen, von alleine so, dass es einer Politik, die sich als Show inszeniert, entgegenkommt.

Es wäre, wäre Italien tatsächlich das Vorbild, das Bild einer durch und durch zynischen Welt, die sich so zeigte. Einer Welt, in der es nur mehr darum ginge, mitzuspielen, nicht aber in welcher Rolle, mit welchen Aussagen, mit welchem Programm. Es wäre die Zeit für entschieden auftretende und nichts sagende Politiker wie eben Berlusconi oder Christian Lindner (nein, nicht nur Westerwelle). Natürlich ist eine solche Sicht der Dinge fatalistisch, natürlich ist es keine ausgemachte Sache, dass es so ist. Ganz von der Hand zu weisen aber ist es auch nicht.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  16 | 12 | 2010
Kommentare:  7
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