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Moschee-Architektur: Unser Minarett

Das Minarett ist auch Zeichen eines hegemonialen Anspruchs - wie der christliche Kirchturm. Das ändert nichts am Recht auf freie Religionsausübung.Von Christian Thomas

Die deutsche Flagge weht bei der offiziellen Eröffnung an einem Minarett der Zentrum Moschee im schleswig-holsteinischen Rendsburg.
Die deutsche Flagge weht bei der offiziellen Eröffnung an einem Minarett der Zentrum Moschee im schleswig-holsteinischen Rendsburg.
Foto: dpa

Man muss den Potsdamern nicht sagen, dass ihre bekannteste Moschee tatsächlich Haus und Hülle für eine Dampfmaschine ist - und deren Minarett ein Schornstein. Denn was der Hofarchitekt Ludwig Persius von 1841 bis 1843 errichtete, diente, hinter der malerischen Fassade orientalisch anmutender Architektur, als Pumpwerk zur Versorgung des Parks von Sanssouci. Die Moschee als exotischer Ort, befremdlich zweckentfremdet, so fing es bereits 1775 im Schlosspark von Schwetzingen an. Muselmanisches en miniature ließ Karl Theodor, der Kurfürst von der Pfalz, errichten, in einem Themenpark der Weltarchitekturen.

Zur Emanzipation des Moscheebaus seit diesen Tagen der europäischen Aufklärung gehört, dass sie nicht nur Hülle zu sein hat, nicht mehr allein ästhetischen und kontemplativen Zwecken, sondern unmittelbar religiösen dient. Oder als kräftige innerkulturelle Zeichensetzung? So ist das Minarett soeben erst wieder verstanden worden, als Ausdruck eines symbolischen Anspruchs. Eine Mehrheit in der Schweiz hat keinen Hehl daraus gemacht, dass sie im Minarett, um es mit einem so zuverlässigen Werk wie Reclams "Lexikon der Bautypen" zu sagen, ein "Herrschaftszeichen und Symbol muslimischer Präsenz" sieht.

Soweit man weiß, wurde das erste Minarett im Jahre 665 (n. Chr.) der Freitagsmoschee von Basra angefügt. Wenn man sagt, dass das Minarett im Laufe seiner Geschichte nicht allein für das Gebet errichtet wurde, sondern, ob quadratisch, oktogonal oder auch rund, durchaus als Leuchtturm diente, um Reisenden, die über das Meer kamen oder durch die Wüste, den Weg zu weisen, dann ist das nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn Minarette haben im Laufe ihrer Geschichte auch als Wachtürme gedient, sie waren, so wie der christliche Kirchturm auch, Monument für den Siegeszug einer Religion mit hegemonialem Anspruch.

Starke Widerstände gegen Erneuerungen

Während uns das "Lexikon der Bautypen" daran erinnert, dass "puristische Richtungen des Islam ganz auf das M. verzichten", und während wir vor allem wissen, dass vom Minarett herab der Muezzin (oder seine Lautsprecherstimme) zum Gebet ruft, machen uns Martin Frishman und Hasan-Uddin Kahn in ihrem Standardwerk "Die Moscheen der Welt" darauf aufmerksam, dass erst vom 14. Jahrhundert an Minarette als Bauelemente der Moschee "allgemein verbreitet waren", funktionale mit symbolischen Aspekten vereinigend. So gehört zur Geschichte der Hagia Sophia in Konstantinopel, dass einer der Zentralbauten des Christentums nach dem Willen seiner osmanischen Eroberer verändert wurde. Heute kennen wir die ehemalige Kirche nur noch mit Minaretten, und dieses Bauelement etwa nicht als symbolische Zeichensetzung, als Ausdruck religiöser Hegemonie zu sehen, ist nicht nur politisch naiv, es ist innerkulturell so ignorant wie unverschämt.

Frishman und Khan haben vor 15 Jahren herausgearbeitet, dass der Islam traditionell starke Widerstände gegen Erneuerungen beim Bau seiner Moscheen aufgeboten habe. Das erklärt, warum die Moschee, auch die deutsche, noch nicht in der Architekturmoderne angekommen ist - abgesehen von Ausnahmen. So hat der Architekt Alen Jasarevic moniert, dass in Deutschland weiterhin die "osmanische Interpretation mit Zentralkuppel und spitzem Minarett als einzig legitimer Moscheetyp" durchgesetzt wird. Umso ungewöhnlicher seine Moschee-Interpretation in Penzberg, und seit sie dort 2005 fertiggestellt wurde, ist sie rund 50 Kilometer südlich von München zu einer Auffälligkeit geworden, ja, man darf von einem Wallfahrtsort für den Architekturtourismus sprechen. Das Minarett stammt aus der Fabrik, in der Tradition Penzbergs ist es aus Stahlplatten vorgefertigt.

Weder Symbol- noch Funktionsgeschichte des Minaretts bilden ein Argument, um dessen Bau zu verweigern. Das Grundgesetz gibt dazu nicht das Recht - unabhängig selbst von fundamentalistischen Fantasien: "Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme", so hat es der türkische Premier Erdogan, ein Gedicht zitierend, als Oppositionspolitiker in den neunziger Jahren ausgedrückt.

Minarette sind nicht neutral

Nicht nur deshalb ist die Frage angebracht, wie neutral Muslime das Minarett auffassen, ob als Zeichen eines Hegemonieanspruchs oder als Symbol kultureller Koexistenz. In dem Buch "Moscheen in Deutschland" von Bärbel Beinhauer-Köhler und Claus Leggewie steht der Satz: "Auch in Deutschland scheint das Bedürfnis nach Minaretten am ehesten auf der Ebene der optischen Repräsentation zu liegen." Optische Repräsentation? Ebene? Es ist zu hoffen, dass diese verquaste Formulierung nicht dem Bedürfnis nach Verdrängung genügt.

Im Verlauf des Kölner Moscheestreits war es so, dass auch Leggewie wiederholt sehr pragmatisch von einem Deal sprach: von Verfahrensregeln, mit denen kulturelle Konflikte um freie Religionsausübung ausgetragen werden, ein jeder Konflikt unter allen Umständen unter Anerkennung des Grundgesetzes. Dieses toleriert, anders als eine Volksabstimmung, keine Diskriminierung, Xenophobie, Islamfeindlichkeit. Religionsausübung ist kein Zugeständnis, kein multikulturell ausgehandeltes Entgegenkommen; das gleiche Recht auf private und öffentliche Religionsausübung verbürgt das Grundgesetz als Menschenrecht, nicht als Deutschenrecht.

Es dürfte seit Sonntagabend, seit dem Fiasko der Volksabstimmung (der direkten und nicht repräsentativen Demokratie), kaum einen muslimischen Besucher, sagen wir mal, in der weltberühmten Moschee von Córdoba geben, der nicht empfindlich die Umgestaltung des Minaretts in einen Glockenturm registriert hätte - als Demonstration der christlichen Reconquista. Der Muslim hat recht, Glockentürme sind keine neutralen Symbolbildungen. Die Wirkmacht von Türmen ist weiß Gott nicht indifferenter Art. In einer säkularen Gesellschaft ist es das gute Recht, nicht nur Kirchtürme so zu sehen.

Man mag es für eine Spekulation halten: So wie eine Mehrheit der Schweizer der politischen Symbolkraft des Minaretts mit Misstrauen oder offener Fremdenfeindlichkeit begegnet ist, so dürften zahllose Muslime von der politischen Funktion eines Minaretts überzeugt sein - und das nicht erst in diesen Tagen. Wie gesagt: eine Spekulation. Eine repräsentative Umfrage unter den Muslimen in Deutschland würde einiges aufklären.

Autor:  Christian Thomas
Datum:  2 | 12 | 2009
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