Deshalb möchten wir, und ich zitiere hier aus der offiziellen Jury-Begründung, mit dem Murnaupreis 2010 zwei Filmemacher ehren, die "mit ihrem Wirken die Kunstform Kino ganz entscheidend prägten und zu besonderen Höhen führten. Gemeinsam, aber auch unabhängig voneinander arbeiteten sie an einem zutiefst visuellen Kino, das die sichtbare Wirklichkeit stets um ihre unsichtbare Komponente ergänzt, die Wirklichkeit von Sehnsucht und Gefühl."
So fügen sich diese Filme wie selbstverständlich ein in das kulturhistorische Erbe, das der Erfindung des Kinos vorausgeht. Den alten Künsten, der Malerei, dem Theater, der Musik. Dies verbindet sie auch mit der Kunst Friedrich Wilhelm Murnaus. Der große Bielefelder Filmpionier schöpfte ja aus einem reichen kunsthistorischen Schatz, den er in seinem Kopf verwahrte und in musikalischer Weise komponierte in Meisterwerken wie "Nosferatu - Eine Sinfonie des Grauens" oder "Faust - eine deutsche Volkssage". Und darin zutiefst humanistische Menschenbilder anlegte, deren innere Konflikte zeitlos blieben: Wie das Schicksal des blinden Malers, der ohne seine Liebe auch nichts mehr sehen möchte im "Gang in die Nacht". Oder des talentlosen Nachwuchs-Autors in "Phantom", der zum Gefangenen seines Künstlertraums wird. Des abgewickelten Hotelportiers im "letzten Mann" oder des Südsee-Perlentauchers, dessen Leben von einem "Tabu" belastet ist. All diese Figuren werden in der Ausgrenzung auf sich selbst zurückgeworfen, eine Erfahrung, die Murnau in seinem eigenen Leben, Sie wissen ja, er liebte Männer, nicht fremd war.
Das Gefühl, das an dieser Grenze spürbar ist, heißt Sehnsucht. Es ist auch der zentrale Begriff, wenn von Werner Schroeters filmischem Werk die Rede ist. Vor drei Jahrzehnten sagten Sie in einem Interview etwas, das mir noch immer für Ihre Arbeiten zuzutreffen scheint: "Ich glaube daran, dass jeder Mensch den Wunsch hat, in seiner Existenz eine Sehnsucht zu entfalten, dass die Sehnsucht eigentlich der Wunsch ist; also ein Versuch zu existieren hat bestimmt nichts damit zu tun, dass Leute Fernseher kaufen, Sozialversicherungen abschließen."
Es geht hier also um eine Art von Sehnsucht jenseits des Materialismus. Übertragen wir diese Haltung auf die Ethik des Filmemachers, so erfüllt sich diese Sehnsucht in den glücklichen Momenten der Werkschöpfung, so wie Sie mir die acht schlaflosen Wochen in Porto beschrieben haben. Aber sie erfüllt sich nicht in dem, was man sich dafür kaufen kann, einem nachgestellten Erfolg. Unsere Zeit legt nahe, den Erfolg für Qualität an sich zu halten. Entschuldigen Sie, wenn ich das ausgerechnet bei einer Preisverleihung sage, aber Ihre künstlerische Integrität liebe Preisträger, steht über allen Preisen.
Liebe Frau Mikesch, "Kriegerin des Lichts" heißt einer der Filme, die Sie fotografiert haben. Und auch Sie haben in ihrer langen Karriere jede Herausforderung angenommen, die dieses flüchtige Element einer Kamerafrau nur bereiten kann. Als Autorin und Regisseurin zählen Sie seit den siebziger Jahren zu den einfühlsamsten Stimmen im deutschen Dokumentarfilm. Ihr ruhiger Blick hat uns die Augen geöffnet: Für die Welt der Kinder in "Ich denke oft an Hawaii" oder die Lebenskultur von Senioren in "Was soll´n wir denn machen ohne den Tod". Mit Ihrer bahnbrechenden Arbeit als Kamerafrau aber strahlen Sie weit über den eigenen Horizont hinaus: Für Rosa von Praunheim, Monika Treut oder eben Werner Schroeter schufen sie Bilder, die Wahrheit und Traum, Fiktion und Wirklichkeit zu einer Einheit weben - und dabei vor allem das Menschliche verstehen lehren.
Sie sagten einmal, Sie liebten den Dokumentarfilm, wie man seine Mutter liebt. Als ich Sie 30 Jahre später darauf ansprach, sagten Sie mir: "Das stimmt. Aber Film und Kino haben mich auch sehr das Fürchten gelehrt, weil ich ahnte, was dahinter steckt: an Intensität, an Problematik, Ekstase, Hindernissen - und ich wollte mich davor drücken. Aber im Grunde hatte ich danach gelechzt, ich wusste nur nicht, wie. Eines Tages wusste ich dann: Es ist Schluss mit dem Experiment, Du setzt jetzt die Bilder in Bewegung. Kamerafahrten machte ich dann erst mit Werner Schroeter beim Film "Der Rosenkönig"."
Dieser meisterhafte Film glich keinem zweiten, den es schon gab. So wie das Bild der Rose Schönheit und Schmerz in sich vereinte, führte Ihre Ästhetik an diese Grenze.
Herr Schroeter, einer ihrer größten Bewunderer war Rainer Werner Fassbinder, der über Sie schrieb: "Diesem Werner Schroeter also ist ein klarerer-umfassender Blick auf diese Kugel geschenkt, die wir Erde nennen, als sonst einem, der Kunst macht, welche auch immer... Ich kenne keinen außer mir, der so verzweifelt konsequent einer wahrscheinlich infantilien, dummdreisten Utopie von so etwas wie Liebe hinterher rennt und den immer gleichen grau-grünen Erfahrungen hilflos gegenübersteht. Aber: Erfahrung macht dumm. Wir werden wohl beide so weitermachen." Da hatte Fassbinder Recht. Ihn selbst hat der Tod daran gehindert aber, Sie Herr Schroeter und Sie, liebe Elfi Mikesch machen weiter bis heute. Ich gratuliere Ihnen von Herzen zum Murnau-Preis 2010.